Die gute Seite der Manipulation: Oft reicht ein Schubs in die richtige Richtung

    Interview7. Jänner 2018, 08:00
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    Warum nur "perfekte Menschen" den Apfel der Schokolade vorziehen würden, erklärt Nobelpreisträger Richard Thaler

    STANDARD: Menschen haben meistens eine genaue Vorstellung davon, was gut für sie wäre, handeln aber oft gegenteilig. Sind wir dumm?

    Richard Thaler: Das hat mit Dummheit per se nichts zu tun. Unkluge Verhaltensweisen können sich durch alle Lebensbereiche ziehen. Bei komplexen Themen wie Finanzdarlehen liegt das oft an einem Mangel oder einem Überangebot an Informationen. In der Folge entscheidet man sich für etwas Falsches oder schiebt es einfach auf. Ein anderer Klassiker: Viele greifen lieber zur Schokolade, obwohl sie wissen, dass ein Apfel gesünder wäre. Fehlende Willensstärke paart sich in solchen Fällen oft mit Gedankenlosigkeit.

    STANDARD: Für wie problematisch halten Sie dieses Verhaltensmuster?

    Thaler: Problematisch wird es dann, wenn kurzfristige Entscheidungen langfristige negative Konsequenzen mit sich bringen. Häufig können Menschen die Folgen ihrer Handlungen nicht abschätzen. Das kann im Falle eines Kredits fatal enden. So schlimm ist Schokoladenkonsum freilich nicht, dieser rächt sich allerdings auf der Waage. Menschen ärgern sich im Nachhinein zwar über unkluge Entscheidungen, aber dann ist es zu spät.

    STANDARD: Warum ziehen Menschen dann Schokolade einem Apfel vor?

    Thaler: Muss man sich entscheiden, was man nächste Woche isst, fällt die Wahl vermeintlich auf Obst. Liegt beides vor einem, bekommt die Schokolade sehr oft den Vorzug. Sie ist im Verhältnis zu Obst schlichtweg verlockender. Angemerkt sei allerdings, dass Eva Adam mit einem Apfel verführt hat. Den in der Wissenschaft viel zitierten Homo oeconomicus gibt es einfach nicht. Menschen waren nie perfekt und werden es nie sein. Das muss in wirtschaftlichen Modellen berücksichtigt werden.

    STANDARD: Wie unterscheidet sich der Homo oeconomicus, der "Econ", vom Homo sapiens?

    Thaler: Es gibt drei wesentliche Unterschiede. Econs sind intelligenter als "herkömmliche Menschen". Sie wägen ihre Handlungen optimal ab. Kreditfinanzierungen oder Karriereentscheidungen stellen kein Problem für sie dar. Auch die soziale Intelligenz ist besser ausgeprägt, ein Econ denkt im Sinne der Allgemeinheit und weniger egoistisch. Und zur Selbstbeherrschung muss sich ein Econ nicht zwingen, sie liegt in seiner Natur. Menschlich ist dieses Verhalten jedoch keineswegs.

    STANDARD: Hier kommen "Nudges" ins Spiel?

    Thaler: Genau. Wir versuchen Menschen mit kleinen Anstößen dazu zubringen, das Richtige zu tun. Nudges sind weder Verbote noch blinkende Werbebotschaften, sondern subtile Maßnahmen, um im besten Sinne für einen selbst zu handeln. Man kann die Methode mit einem Navigationssystem vergleichen. Es hilft uns, den richtigen Weg zu finden – die Entscheidungsfreiheit bleibt aber beim Menschen.

    foto: ap/paul beaty
    Großes Medieninteresse nachdem Thaler den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hatte

    STANDARD: Wo ziehen Sie die Grenze zur Manipulation?

    Thaler: Meine Forschungspartner und ich haben das Konzept nicht erfunden. Manipulation ist intransparent. Nudges sind kein Geheimnis. Wird in einem Urinal eine Fliege positioniert, erhöht das die Treffsicherheit der Männer. Und jeder kann die Fliege sehen. Außerdem handelt jemand, der manipuliert, im eigenen Sinn und nicht im Sinne der Mitmenschen.

    STANDARD: Wie sieht das bei Unternehmen aus?

    Thaler: Firmen verleiten Menschen seit jeher dazu, ihre Produkte zu kaufen. Teilweise reagieren Unternehmen nicht nur auf bereits bestehende Kundenwünsche, sondern wecken mittels kleiner Anstöße Bedürfnisse, die eigentlich gar nicht vorhanden sind. Ein Negativbeispiel sind Aboverlängerungen – ein anfängliches Gratis-Abo wird automatisch verlängert, und die Kündigung ist mühsam und umständlich gestaltet.

    STANDARD: Wie reagieren Menschen, wenn sie rausfinden, dass sie "genudged" wurden?

    Thaler: Sofern die Beteiligten darüber informiert waren, hat es keinen Einfluss auf die Effektivität des Anstoßes. Es ist praktisch nicht möglich, Leute nicht zu beeinflussen, deshalb erachte ich es als sinnvoll, wenn sich Experten Gedanken darüber machen, wie man das Gemeinwohl steigern kann.

    STANDARD: Wie sieht es in der Politik aus?

    Thaler: Natürlich besteht die Gefahr, Nudges zu missbrauchen. Anstöße im Sinne der Allgemeinheit zu geben: Dabei möchten wir Regierungen unterstützen. Ziel ist es, den Bürgern Entscheidungen näherzubringen, die sie vermutlich treffen würden, wenn sie optimal informiert und durch und durch willensstark wären.

    STANDARD: Kennen Sie ein Beispiel?

    Thaler: Das Projekt 'Jeden Tag ein Dollar' zeigt, dass Nudges sogar ungewollte Schwangerschaften bei Teenagern verringern können. Viele US-amerikanische Jungmütter werden innerhalb kurzer Zeit erneut schwanger. Um dem gegenzusteuern, zahlen viele Städte in den USA den Teeniemüttern für jeden Tag einen Dollar, an dem sie nicht schwanger sind. Für den Steuerzahler ist dieses Programm tatsächlich günstiger als die Kosten für die Unterstützung von Kindern sehr junger Mütter. Selbst eine einfachere Formulierung von Gesetzen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eingehalten werden – vor allem in Steuerfragen.

    foto: ap/anne ryan
    Fünf Bücher hat der US-Amerikaner bisher geschrieben

    STANDARD: Warum befassen Sie sich so intensiv mit Entwicklungen auf Finanzmärkten?

    Thaler: Kaum irgendwo geht es um derart viel Geld wie in der Finanzbranche, das macht Praxisbezüge noch einmal spannender. Ein absurdes Beispiel irrationalen Lemmingverhaltens hat unsere Theorien belegt.

    STANDARD: Das da wäre?

    Thaler: Ein Investmentfonds namens Cuba wurde lange zu einem schlechten Preis gehandelt. Als der damalige US-Präsident Barack Obama verkündete, die Beziehungen zu Kuba verbessern zu wollen, erlebte der Fonds ein nie da gewesenes Hoch, und der Kurs ging durch die Decke. Mit dem Land Kuba hat der Fonds allerdings überhaupt nichts zu tun.

    STANDARD: Sie waren Berater von Barack Obama – was halten Sie von seinem Nachfolger?

    Thaler: Obama war ein großartiger Präsident, es hätte jemanden gebraucht, der seine Agenda fortsetzt. Donald Trump ist vollkommen unterqualifiziert für dieses Amt. Weder ist er gebildet genug, noch entspricht sein Naturell jenem eines US-Präsidenten. Der Großteil seiner Handlungen hat negative Effekte auf die USA, aber auch auf den Rest der Welt. Darüber hinaus erhöhen sein Verhalten und seine Ausdrucksweise die Gefahr eines Krieges entscheidend. Es bleibt zu hoffen, dass seine Amtszeit möglichst kurz ausfällt.

    STANDARD: Was würden Sie ihm raten?

    Thaler: Auf jeden Fall sich den Film "The Big Short anzusehen". Darin geht es um die Entstehung der Finanzkrise 2007/08. (Anm.: Thaler hat einen kurzen Gastauftritt in dem Hollywood-Film)

    STANDARD: Beeinflussen Sie sich selbst mit Nudges?

    Thaler: Permanent. Ich unterscheide mich diesbezüglich kein bisschen von anderen. In meinem Kalender nutze ich die Erinnerungen-Funktion, um Termine nicht zu vergessen. Für Trainingseinheiten buche ich einen persönlichen Trainer, damit ich auch wirklich hingehe. Mein Neujahrsvorsatz beinhaltet allerdings nicht wie bei den meisten, aktiver zu werden, sondern ein bisschen zu rasten. (Andreas Danzer, Portfolio, 7.1.2018)

    Zur Person Richard H. Thaler

    Für seine Forschungsergebnisse in der Verhaltensökonomie erhielt Richard Thaler (72) 2017 den Wirtschaftsnobelpreis. Seit 1995 forscht und unterrichtet er an der University of Chicago. Der internationale Durchbruch gelang dem dreifachen Vater mit dem Buch "Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt". Zu seinem heutigen Spezialgebiet kam er durch die Zusammenarbeit mit den Pionieren der Verhaltensökonomie, Daniel Kahneman und Amos Tversky, an der Standford University im Jahr 1977. Geboren wurde Thaler im Jahr 1945 in New Jersey. Neben der Ökonomie prägen zwei große Leidenschaften sein Leben: Wein und Golf.

    Nachlese

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      Thaler: "Trump ist vollkommen unterqualifiziert für dieses Amt."

    • Die meisten Menschen ziehen Schokolade einem Apfel vor. Auch wenn Eva es geschafft hat, Adam mit letzterem zu verführen.
      foto: dpa/soeren stache

      Die meisten Menschen ziehen Schokolade einem Apfel vor. Auch wenn Eva es geschafft hat, Adam mit letzterem zu verführen.

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