Tirol will die Missbrauchsvorwürfe aufarbeiten

    Video24. November 2017, 17:42
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    Der Skiverband stellt Kompensationszahlungen in Aussicht – ÖSV-Ultimatum an Nicola Werdenigg bis 30. November

    Innsbruck – In der Causa um die Missbrauchsvorwürfe im Skisport geht der Österreichische Skiverband (ÖSV) in die Offensive. Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg hatte am Montag im STANDARD von massiven sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch durch Kollegen, Trainer und Betreuer berichtet. Sie nannte bislang jedoch keine Namen. Genau das verlangt nun aber der ÖSV.

    Die 59-jährige Werdenigg erhielt ein Schreiben vom Skiverband, in dem sie gebeten wird, bei der restlosen Aufklärung der Angelegenheit mitzuwirken. Es geht dem ÖSV in erster Linie um einen von ihr geschilderten Fall im Jahr 2005. Man will, dass sie bis 30. November Namen von möglichen Tätern nennt, um die generellen Verdächtigungen gegen ÖSV-Funktionäre auszuräumen. Verbandspräsident Peter Schröcksnadel stellte in der Tiroler Tageszeitung eine mögliche Rufschädigungsklage in den Raum.

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    Nicola Werdenigg fühlt sich von Schröcksnadels Drohung nicht eingeschüchtert: "Meine Aussage ist ganz klar belegbar." ("ZiB 2"-Sendung)

    Hotline für Opfer

    Das Land Tirol startet indes selbstständig mit der Aufarbeitung der Vorwürfe. Wer in der Vergangenheit in der Skimittelschule Neustift im Stubaital oder dem Skigymnasium Stams sexuelle Übergriffe oder Misshandlungen erlebt hat, kann sich telefonisch an die Opferschutzstelle des Landes wenden (0512/508 37 95).

    Von Montag bis Freitag stehen dort von jeweils 9.00 bis 11.30 Uhr Mitarbeiter zur Verfügung, die Meldungen dokumentieren. Das ist jene Opferschutzstelle, die auch die Meldungen zu Missbrauchs- und Misshandlungsfällen im Zuge des sogenannten Heimskandals aufnimmt.

    Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) ermutigt alle, die derartige Erfahrungen machen mussten, sich zu melden: "Wir wollen nichts unter den Teppich kehren und jetzt sicher nicht zur Tagesordnung übergehen." In weiterer Folge werde man sich in der Landesregierung auch mit der Frage möglicher Kompensationsleistungen für die Betroffenen auseinandersetzen müssen: "Der Punkt wird auf der nächsten Tagesordnung stehen."

    "Glaubwürdig und schockierend"

    In der Skimittelschule Neustift zeigt sich Direktor Thomas Wirth betroffen von den Schilderungen der ehemaligen Schülerin Werdenigg: "Ihre Aussagen sind absolut glaubwürdig und schockierend."

    Mittlerweile hätten sich weitere ehemalige Schüler bei ihm gemeldet, die Werdeniggs Schilderungen bestätigt haben. Es zeichne sich ab, dass der damalige Heimleiter eine zentrale Rolle gespielt habe. Wirth: "Er war bis 1975 Heimleiter und danach noch drei Jahre als einfacher Lehrer tätig."

    Meldung durch Männer

    Diese Degradierung macht Wirth stutzig, weil sie unüblich sei: "Ohne die näheren Hintergründe zu kennen, legt das nahe, dass es einen Vorfall gegeben haben könnte, der dazu führte." Und noch etwas sei auffällig, sagt der Direktor: "Fast alle, die sich diese Woche bei mir gemeldet haben, sind Männer."

    Die Skimittelschule Neustift ist erst seit 1978 eine Landeseinrichtung. Davor fungierte der Tiroler Skiverband (TSV) als Träger. Dessen Präsident, der ehemalige ÖSV-Herrencheftrainer Werner Margreiter, kündigt an, dass man sich Anfang Dezember bei der nächsten Präsidiumssitzung mit dem Thema befassen werde.

    Der TSV sei an einer lückenlosen Aufklärung der Vorfälle jedenfalls sehr interessiert. Dazu wolle man sich eng mit dem ÖSV sowie dem Land abstimmen. Sollten sich weitere Betroffene melden, so sei auch die Frage möglicher Kompensationen zu stellen: "Wenn es sich bestätigt, wird man sicher etwas machen müssen."

    Staatsanwaltschaft ermittelt

    Mittlerweile wurde auch die Staatsanwaltschaft Innsbruck aktiv. Auf Basis der Vorwürfe von Werdenigg wurden Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet. Gegenstand sind einerseits der geschilderte Vorfall aus dem Jahr 2005, aber auch die beschriebenen Übergriffe aus den 1970er-Jahren werden untersucht.

    Denn, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hansjörg Mayr: "Ob die Taten tatsächlich verjährt sind, wird sich erst nach dem Vorliegen der Ermittlungsergebnisse zeigen." (Steffen Arora, 24.11.2017)

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