Vertrauensverhältnis im Sport: "Ein Eldorado für potenzielle Täter"

    Interview25. November 2017, 16:00
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    Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits ortet eine Tabuzone und akuten Handlungsbedarf

    STANDARD: Bietet der Sport ein Umfeld, das Übergriffe auf Kinder und Jugendliche begünstigt?

    Pinterits: Man sollte in keiner Institution die Gefahr von sexueller Gewalt an Kindern ausschließen. Übergriffe können überall passieren. In einem Autobus, in der Schule, im Kindergarten. Im Sport ist allerdings ein sehr großes Vertrauens- und Nahverhältnis gegeben – durch die körperliche Nähe, durch Berührungen, die notwendig sind, um Kindern die Bewegungsabläufe beizubringen: ein Eldorado für potenzielle Täter.

    STANDARD: Ist diese Gefahr den österreichischen Sportvereinen überhaupt bewusst?

    Pinterits: In unzureichendem Ausmaß. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Man will das Thema niemandem zumuten. Alles, was in Österreich mit Sexualität zu tun hat, ist mit einem riesigen Tabu behaftet. Wenn in der Schule Sexualaufklärung auf dem Plan steht, laufen manche Eltern Sturm. Wenn Kinder die Geschlechtsteile nicht benennen können und nicht wissen, welche Berührungen gut und welche schlecht sind, können sie sich gegen Übergriffe auch nicht zur Wehr setzen.

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    STANDARD: Wo herrschen im Sport die gröbsten Versäumnisse?

    Pinterits: Nennen wir ein Beispiel: Bei einer Bewerbung ist kein Leumundszeugnis vorzulegen. Dabei zielt die Kinder- und Jugendhilfe-Abfrage speziell auf eventuelle Vorstrafen im Bereich sexueller Gewalt ab.

    STANDARD: Warum wird diese Möglichkeit nicht wahrgenommen?

    Pinterits: Insbesondere bei den ehrenamtlichen Tätigkeiten ist man froh, überhaupt irgendjemanden zu finden. Sexuelle Gewalt wird nicht angesprochen, weil es, so die Angst, einer Vorverurteilung gleichkäme. Man will niemanden abschrecken, obwohl es doch das einzig Richtige wäre, Täter abzuschrecken.

    STANDARD: Welche Strategie verfolgen potenzielle Täter?

    Pinterits: Sie testen die Kinder aus. Schauen, wie weit sie gehen können. Ist das ein Kind, wo man weiter gehen kann? Oder sucht man sich doch jemanden anderen aus? Wie schaut es bei dem Kind zu Hause aus, gibt es Personen, die mich aufdecken könnten? All das klären sie ab. Oft gelten sie als besonders engagiert, haben eine gute Reputation. Sie sind Meister der Manipulation. Und das nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen gegenüber. Sie verwirren das ganze Umfeld, vernebeln die Kinder.

    STANDARD: Wie nehmen betroffene Kinder oder Jugendliche eine solche Situation wahr?

    Pinterits: Die wissen oft nicht mehr, ob das tatsächlich Realität ist. Kinder haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Aber sie können es nicht benennen. Kinder fühlen sich für alles verantwortlich. Sie müssen erst einmal begreifen, was ihnen passiert ist. Das ist oft gar nicht so einfach.

    STANDARD: Wie schwerwiegend sind die Folgen eines Übergriffs?

    Pinterits: Jeder Fall ist individuell. Die Gewalt kann gut und schnell verarbeitet werden. Sie kann aber auch massive körperliche und psychische Probleme machen. Es können Depressionen, Panikattacken oder posttraumatische Belastungssyndrome auftreten. Das geht bis hin zum Suizid. Sexuelle Gewalt ist kein Kavaliersdelikt. Es ist der Versuch, einen Menschen zu zerstören. Betroffene müssen unterstützt werden. Und ich sage absichtlich Betroffene und nicht Opfer.

    STANDARD: Was stört Sie am Wort Opfer?

    Pinterits: Ein Opfer kann sich nicht wehren, es ist unselbstständig. Man ist aber nicht schuld oder gar grauslich. Da ist ein Täter, der hat die Verantwortung zu tragen und aus.

    STANDARD: Hat sich der Schutz vor sexualisierter Gewalt in den letzten Jahren verbessert?

    Pinterits: Das Thema kam erst in den Achtzigerjahren auf, vorher wurde darüber überhaupt nicht gesprochen. Viele Pionierinnen haben seither Aufbauarbeit geleistet, wir sollten aber schon viel weiter sein. Der Schutz vor Gewalt sollte für jede Institution ein Gütesiegel darstellen. Oft ist das Gegenteil der Fall. Wir sind froh, wenn sich Leute melden, weil sie Handlungsbedarf sehen. Das sind aber viel zu wenige.

    STANDARD: Wie kann man Kindern also besseren Schutz anbieten?

    Pinterits: Kinder müssen ernst genommen werden, sie müssen die Möglichkeit haben, sich jemandem anzuvertrauen. Das ist Verantwortung der Erwachsenen. Es müssen Sicherheitszonen geschaffen werden.

    STANDARD: Wie darf man sich eine Sicherheitszone vorstellen?

    Pinterits: Das Thema wird nicht tabuisiert, Trainer werden sensibilisiert. Eine Ethik-Erklärung signalisiert, dass es eine Strategie gibt, dass aufgepasst wird. Auch eine sexualisierte Sprache ist nicht erwünscht, das muss man klarmachen. Aus, stopp, solche Leute wollen wir nicht. Wir sind im Handlungszwang, endlich auf allen Ebenen etwas zu unternehmen, auch im Sport.

    STANDARD: In Deutschland gibt es Studien zum Thema, wann zieht Österreich nach?

    Pinterits: Es wäre interessant, wie groß das Problem ist. Vielleicht wird dann Handlungsbedarf gesehen. Wir werden uns an den neuen Sportminister wenden. Weil das muss passieren, aus, Punkt. (Philip Bauer, 25.11.2017)

    Monika Pinterits (64) ist seit 1999 Kinder- und Jugendanwältin der Stadt Wien. Pinterits ist Sozialarbeiterin und Mediatorin.

    • Monika Pinterits wird sich an den neuen Sportminister wenden.
      foto: apa / herbert neubauer

      Monika Pinterits wird sich an den neuen Sportminister wenden.

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