Heimat, übermäßige Sehnsucht nach Eigenheit

Kommentar der anderen24. November 2017, 14:57
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Ein Ministerium für den Heimatschutz muss her, das wollen die prospektiven Koalitionäre von ÖVP und FPÖ. Aber was heißt das denn nun genau? Mutmaßungen über die Renaissance eines alten Wortes

Einer der ersten gereimten Verse, die der Taferlklassler zu schreiben und auswendig zu lernen hatte, lautete hochdeutsch abgeschliffen so: "Heimatland, Heimatland, ich hab dich so gern wie a Kinderl sei Mutter, wie a Hunderl sein Herrn."

Ich glaube mich zu erinnern, dass den kleinen Buben der Vergleich der Heimatliebe mit der hündischen Untergebenheit schon damals irritierte. Aber gerade in dem, was mit diesem Vergleich so treuherzig vorgebracht wird, liegt ein Gran von Wahrheit. "Heimat" ist autoritativ, sie duldet keinen Widerspruch, auch keinen im Hinblick darauf, wer nun zu dieser Heimat gehört und wer nicht.

Heimat produziert ...

Wer wie der Verfasser dieses Kommentars in der Kindheit oftmals übersiedelt worden ist, der spricht keinen Dialekt. Mag er auch dreißig Jahre als aktiver Bürger am selben Ort wohnen, bleibt ihm das Adelsprädikat heimatlicher Zugehörigkeit gleichwohl verwehrt. Das Blöde an der "Heimat" ist, dass sie in ihrer konventionellen Bedeutung potenziell unzählige Heimatlose hervorbringt.

Diesem Ausschließungsverfahren und dieser autoritativen Borniertheit verdankt die "Heimat" ihren denkbar schlechten Ruf. Der Begriff des "Heimatschutzes" nach US-amerikanischem Vorbild ist genau betrachtet eine Tautologie, ist doch die Heimat selbst schon etwas, das untrennbar mit Schutz verbunden ist. Mittels eines eigenen Ministeriums möchte – so der Rumor – die präsumtiv Regierung also den Schutz unter Schutz stellen. My home is my castle lautet das englische Pendant, und die Briten sind eifrig dabei, aus ihrer Insel eine Schutz- und Trutzburg zu machen.

... potenziell Heimatlose

"This land is my land", "singt" der 45. Präsident der Vereinigten Staaten tagtäglich, auch wenn es Woody Guthrie vermutlich nicht so gemeint haben kann wie er. Das treuherzig deutsche Wort Heimat, das es einigermaßen schwer hat, in andere Sprachen übersetzt zu werden, ist, so verstanden, etwas, das ich gerne aus meinem Wortschatz verbannen möchte – so wie Dirndl und Lederhosen, die mittlerweile wieder bei internationalen diplomatischen Empfängen, etwa zum Nationalfeiertag, als comme il faut gelten, aus dem Kleiderschrank.

Der Zeitgeist weht gegenwärtig fröhlich mit dem Heimelig-Heimatlichen. Offenkundig ist die übermäßige Sehnsucht nach Heimat eine Reaktion auf all die Verunsicherungen, die mit "Globalisierung" einhergehen. Es ist ganz bestimmt kein Zufall, dass "Heimat" in dem nicht enden wollenden Präsidentschaftswahlkampf eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Dem Kandidaten der "sozialen Heimatpartei" stellte sein aus dem grünen Lager stammender Konkurrent letztlich erfolgreich einen anderen Heimatbegriff entgegen, der der Schönheit der heimischen Alpen ein anderes Narrativ von Heimat unterlegte, eines der Offenheit und Vielfältigkeit. Heimat wurde zu einer weltoffenen Region, die zum Beispiel der baltischen Familie Van der Bellen seinerzeit Schutz und Solidarität hatte zuteilwerden lassen, eine Heimat also, die offen für ihr vermeintliches oder auch wirkliches Gegenstück, Fremde, ist. Eine Heimat auch, die nicht so affektiv aufgeladen ist wie in den meisten nationalen und regionalen Hymnen, sondern die gelassen ist und in der auch ein Augenzwinkern erlaubt ist.

Begriff ins Positive wenden

Der clevere Wahlkampf war indes nicht opportunistisch, sind doch gerade Grüne und Regionalisten seit den 1980er-Jahren nicht müde geworden, "Heimat" politisch neu und positiv zu besetzen, als einen Raum sozialer Gestaltung, Selbstermächtigung, Demokratie von unten, Partizipation und Verantwortung. Auch der halbwahre Imperativ, global zu denken und lokal zu handeln, gehört in dieses Umfeld, die Diskussion über die Gestaltung des ländlichen Raumes mitsamt den Debatten um die Dorferneuerung. All diese Initiativen lassen sich gewiss nicht herablassend beurteilen, ganz im Gegenteil. Verankerung und Anerkennung in einem räumlich stets begrenzten Alltag sind unverzichtbar und bilden zugleich die Voraussetzung dessen, was Aristoteles als summum bonum bezeichnet. Heimat ist hier eine soziale Kategorie, etwas, das Menschen gemeinsam gestalten, ein sozialer Ort, nicht eine von Landschaft, Natur und Geschichte schicksalhaft geformte imaginäre Gemeinschaft.

Freilich ist Heimat, das Kleine, das Wirkliche wie das Eingebildete, nicht immer schön wie mitunter die Landschaft, die Kulisse der patria chica. Sie kann durchaus tückisch sein. Wer von ihr ausgeschlossen ist, findet die Region, in der lebt, feindselig. Für jene, die der katalanische Nationalismus – auch er enthält den alten Traum von einer homogenen Heimat – ausgrenzt und damit zu Fremden macht, bedeutet "Heimatschutz" eine Abweisung ihrer Andersheit.

Europa der Regionen

Politisch ist übrigens jener "Regionalismus", der ein Europa der Regionen schaffen wollte, schon längst nicht mehr unschuldig. Heimat bedeutet nicht selten die Aufkündigung nachbarschaftlicher Solidarität.

Insofern lässt sich fragen, ob nicht all jene positiven Zuschreibungen des freundlichen Miteinanders, das das Fremde nicht aus-, sondern einschließt, unter einem anderen, passenderen Begriffsdach zusammengefasst werden sollten als unter dem der aufgeladenen "Heimat". Der sympathische, zuweilen auch etwas naive Versuch, "Heimat" positiv umzudrehen, ihr den Giftstachel zu ziehen, stößt an Grenzen.

Militärische Züge

Der Heimatbegriff, der im Augenblick fröhliche Urstände feiert, ist der schlechte alte, der sich um die sanfte grüne "Heimat" eines friedlichen Miteinanders, das Verschiedenheit zulässt, einen Dreck schert. Der Heimatschutz ist mit der Heimatfront näher verwandt, als ihm vielleicht lieb ist. Er trägt unverkennbar militärische und aggressive Züge. (Wolfgang Müller-Funk, 24.11.2017)

Wolfgang Müller-Funk wuchs in Süddeutschland und in Wien auf, lebt seit den 1980er-Jahren in Drosendorf an der Thaya. Er ist Universitätsprofessor, Kulturwissenschafter, Essayist und Lyriker. Nationale und internationale Lehr- und Forschungstätigkeit. Zuletzt erschienen: "Theorien des Fremden" (2016), "Wunschbilder" (Gedichte, 2017).

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    grafik: felix grütsch

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