Handel ist weicher als Metall: Gehaltsplus von 2,35 bis 2,6 Prozent

23. November 2017, 18:47
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Die Gewerkschaft hat für die mehr als 400.000 Handelsangestellten ein Gehaltsplus herausgeholt

Wien – Schneller als die Metallindustrie und ohne Begleitgeräusche wie Betriebsversammlungen und Streikdrohungen hat sich die Handelsbranche auf einen neuen Kollektivvertrag verständigt. In der dritten Verhandlungsrunde wurde in der Nacht auf Donnerstag für die mehr als 400.000 Handelsangestellten eine Anhebung der Einstiegsgehälter um 2,6 Prozent fixiert; höhere Gehaltsgruppen erhalten 2,35 Prozent drauf, mindestens aber 40 Euro mehr pro Monat.

Auffällig bei den bis jetzt vorliegenden KV-Abschlüssen ist der Abstand, mit dem die Metaller heuer vorn liegen. Das Delta zwischen Metallerkollektivvertragsvereinbarung (drei Prozent plus) und jener im Handel (2,475 Prozent als Durchschnittswert von plus 2,35 Prozent für Mindestlöhne und plus 2,6 Prozent für alle anderen) beträgt 0,525 Prozentpunkte. In den vergangenen Jahren war der Abstand Metallerabschluss und Handels-KV nur 2012 noch größer.

Höhere Produktivität bei den Metallern

Das hat nicht nur, aber auch mit höherer Produktivität zu tun. "Die Metallindustrie ist stark exportlastig und hat, um wettbewerbsfähig zu bleiben, folglich viel in die Steigerung der Produktivität investiert," sagte Jürgen Bierbaumer-Polly vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) dem STANDARD. "Einen Teil des Produktivitätsgewinns haben die Metaller zur allgemeinen Inflationsabgeltung noch dazu bekommen." Auch spiegle sich darin ein höheres Qualifikationsniveau, das in der Branche verlangt werde.

Gerade in Zeiten, wo die Konjunktur gut läuft und Unternehmen auf vollen Auftragsbüchern sitzen, sei der Unterschied zu Abschlüssen in anderen Branchen noch größer als sonst üblich. Die 2014 und 2015 fixierten Erhöhungen der Tariflöhne waren mit 2,1 Prozent bzw. 1,5 Prozent in der Metallindustrie und im Handel hingegen gleichauf.

Viele Frauen, viel Teilzeit

Im Gegensatz zur Metallindustrie, die inklusive Gewerbe auf 186.000 Beschäftigte kommt, seien im Handel überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt, über alle Segmente hinweg knapp 55 Prozent. Im Einzelhandel sind sogar sieben von zehn Beschäftigten Frauen – viele arbeiten Teilzeit. Das sowie die heterogenere Zusammensetzung der Beschäftigten drückten das Gehaltsniveau im Handel zusätzlich.

Insgesamt sind im Handel 530.000 Mitarbeiter beschäftigt. Für die 130.000 Arbeiter wird ein eigener Kollektivvertrag verhandelt, der sich in der Regel an jenem der Angestellten orientiert.

An Schmerzgrenzen gegangen

Gewerkschaft wie Arbeitgeberseite sagten nach Abschluss der Verhandlungen, dass sie an ihre jeweiligen Schmerzgrenzen gegangen seien. Der Mindestlohn steigt auf 1636 Euro pro Monat. Ziel bleiben 1700 Euro brutto. Zum Vergleich: Der Mindestlohn bei den Metallern beträgt 1848,08 Euro pro Monat.

Lehrlingsentschädigungen werden nach Angaben der Sozialpartner überdurchschnittlich mit Fixbeträgen von 20 Euro im ersten Lehrjahr bis 40 Euro im vierten Lehrjahr angehoben. Auch für Pflichtpraktika werde es nun klare Regelungen zu Entlohnung und Vertragsgestaltungen geben.

Bildungspaket

Mit dem neuen Kollektivvertrag, der ab 1. Jänner 2018 gilt, soll auch die berufsbegleitende Bildung für Mitarbeiter erleichtert werden. Wird der Bildungswunsch zwei Monate vor Besuch eines Kurses bekanntgegeben, muss der Arbeitgeber dies bei der Diensteinteilung berücksichtigen. Bisher blieben Weiterbildungswünsche oft unberücksichtigt. (Günther Strobl, 23.11.2017)

  • Im Einzelhandel sind sieben von zehn Beschäftigten Frauen.
    foto: ap/daniel roland

    Im Einzelhandel sind sieben von zehn Beschäftigten Frauen.

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