Die Multimilitärstadt im afrikanischen Wüstensand

Analyse26. November 2017, 09:00
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Vom winzigen ostafrikanischen Staat Dschibuti aus sichern die USA, mehrere EU-Staaten und Japan ihre globalen Interessen. Auch China hat eine Militärbasis eingerichtet

Das Thermometer zeigt 42 Grad an, die Luft steht still. Gelegentlich drückt der US-Soldat am Checkpoint einen Knopf, um ein Fahrzeug durchzulassen: Dann senkt sich eine stählerne Panzersperre in den Asphalt, und der Wagen setzt seinen Weg im Schritttempo fort, zwischen Betonklötzen und Wachtürmen hindurch, an Gitterzäunen entlang. Camp Lemonier gehört zu den bestbewachten Orten der Welt: In den einzigen ständigen US-Stützpunkt auf afrikanischem Boden werden nur Handverlesene nach wochenlanger bürokratischer Prozedur gelassen.

Und dabei ist das amerikanische noch das gastfreundlichste Militärlager in dem Wüstenstaat: Die anderen – immerhin sechs – sind ausländischen Berichterstattern ganz verschlossen. Neben Dschibutis neuem Hafen wird derzeit eine chinesische Festung errichtet. Am Rand der Stadt sind auf 44 Quadratkilometern neben Franzosen, Italienern, Deutschen und Spaniern auch Japaner, Chinesen, Amerikaner und Soldaten aus den Arabischen Emiraten untergebracht.

Kampf gegen den Terror

Kein Ort der Erde ist für den Kampf gegen den Terror, den Schmuggel und die Piraterie besser als Dschibuti geeignet. Vom Hafen aus ist mühelos die meistbefahrene Wasserstraße der Erde zu kontrollieren, vom Flugplatz aus erreicht man in wenigen Stunden zahllose afrikanische Krisenzonen oder den unruhigen Nahen Osten. Mindestens ebenso wichtig ist allerdings, dass Dschibuti als einziger der an den Golf von Aden grenzenden Staaten sogenannte politische Stabilität genießt. Dafür sorgt der seit 18 Jahren herrschende Präsident Ismail Omar mit seinen Sicherheitskräften.

Der Checkpoint ist der einzige Ort, an dem wir Mike Cartagena treffen können. Der Leutnant darf nicht weiter aus dem Camp heraus – und wir nicht ohne Begleitung hinein. Seit sich eine Selbstmordattentäterin vor drei Jahren im populären Restaurant La Chaumière in die Luft gejagt und drei Menschen getötet hat, befindet sich Camp Lemonier vollends im Belagerungszustand.

Die US-Streitkräfte waren nach dem Anschlag auf die New Yorker Twin Towers im Jahr 2001 gekommen – dass sie 16 Jahre später noch immer hier sein würden, hätte keiner gedacht. Über das Camp-Gelände schlendern immer wieder ganz untypische Gestalten in Zivil. "Ja, natürlich sind die ,Specials' auch hier", sagt Cartagena. Einer der 22 Untermieter im Lager ist der Joint Special Operations Command (JSOC): Eine verschwiegene Elitetruppe, die sich auf ihre überraschenden Einsätze in Somalia oder anderen Unruheherden vorbereitet.

Nein, die Ankunft der Chinesen im Sommer habe in Lemonier keinen Alarm ausgelöst, sagt Camp-Kommandant Will Moynahan. In Wahrheit sandte Washington gleich zwei Minister ans Rote Meer, als bekannt wurde, dass sich auch China um einen Platz im Wüstensand bewarb. Dschibutis Regierung blieb allerdings hart – gewiss auch bestärkt vom Bau eines neuen Hafens von chinesischen Firmen, die auch die Eisenbahnverbindung zum Binnenstaat Äthiopien renovierten und eine Pipeline verlegten.

Die "Entente spéciale" zwischen Frankreich und seiner Exkolonie könne keine andere Nation so schnell gefährden, ist Capitaine Frederic Graillat überzeugt: Schließlich sprechen die Dschibutier – als einziges Völkchen im Umkreis von mehreren tausend Kilometern – noch immer Französisch, in den Straßencafés gibt es frische Croissants. Die beiden Staaten haben sogar einen Beistandspakt geschlossen, der auch vorsieht, dass Frankreichs Soldaten, derzeit rund 1400 an der Zahl, auch ihre dschibutischen Kameraden ausbilden.

Die Kuh weitermelken

Die deutschen Bundeswehrsoldaten kamen vor neun Jahren hierher, um den somalischen Piraten im Rahmen der europäischen Atalanta-Mission das Handwerk zu legen. Da dies ein eher kurzes Abenteuer zu werden versprach, wollte die Bundeswehr kein eigenes Quartier errichten.

Doch die Marineflieger scheinen mit ihrem Aufklärungsflugzeug derart wertvolle Arbeit zu leisten, dass sie – auch ohne Piraten – noch immer vor Ort sind. Angesichts der hohen Hotelkosten würde Berlin die Mannschaft lieber ins Camp Lemonier verlegen, doch Dschibutis Regierung sträubt sich. Sie möchte die deutsche Kuh noch ein wenig weitermelken, heißt es unter Diplomaten. "Uns ist es egal, ob einer schwarz, weiß oder Chinese ist, Hauptsache, er zahlt", lacht Nasser Fahmi, Redakteur der staatlichen Nachrichtenagentur. Immer wieder schaut man über die Schulter – um sicherzustellen, dass niemand mithört. Hier werde so viel spioniert wie kaum irgendwo anders auf der Welt, ist Fahmi überzeugt: Doch weil in Dschibuti jeder jeden kenne, seien auch die Spione allen bekannt.

Ein Unternehmer, der aus naheliegenden Gründen nicht namentlich genannt werden will, sieht seine Heimat im Würgegriff. Dschibutis Regierung komme es lediglich aufs Materielle – die Mieteinnahmen der Streitkräfte und die angeblichen chinesischen Geschenke – an: Dass es sich dabei in Wahrheit um bloße Darlehen handelt, habe die Bevölkerung noch gar nicht begriffen. Der unfruchtbare Wüstenstaat hätte derzeit die einmalige Chance, aus seiner strategischen Lage außer Kapital auch Entwicklung zu schlagen, meint er: "Doch hier glauben alle nur ans Geld. An Dschibuti glaubt keiner." (Johannes Dieterich aus Dschibuti, 26.11.2017)

  • Vom US-Stützpunkt Camp Lemonier nahe Dschibutis Hauptstadt werden Drohneneinsätze nach Somalia oder in den Jemen geflogen.
    foto: reuters/njuguna

    Vom US-Stützpunkt Camp Lemonier nahe Dschibutis Hauptstadt werden Drohneneinsätze nach Somalia oder in den Jemen geflogen.

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