Täter, Opfer, Thesen, Mythen

    Userkommentar23. November 2017, 18:36
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    Eine Replik auf den Blogbeitrag von Martin Tschiggerl und Thomas Walach über mein Buch "Die dunklen Jahre"

    Das Schlimmste, was einem Autor nach jahrelanger Arbeit an einem Buch widerfahren kann? Dass sich kein Mensch dafür interessiert. Insofern kann ich den kritischen Blogbeitrag von Martin Tschiggerl und Thomas Walach nur begrüßen. Zum Schreiben über Geschichte gehört auch das Streiten über Geschichte – erst recht, wenn es um österreichische und NS-Geschichte geht. Irgendwie unbefriedigend ist nur, wenn die Kritik in merkwürdiger Weise ins Leere geht.

    Erstens ist es unhaltbar, dass Tschiggerl und Walach mir unterschwellig unterstellen, ich würde die von Österreichern in der NS-Zeit verübten Verbrechen irgendwie verharmlosen, entschuldigen, weißwaschen et cetera. Das ist schlichtweg nicht wahr. Neun Kapitel – rund 25 Prozent – meines Buches beschäftigen sich explizit mit NS-Verbrechen, von den Anschlusspogromen 1938 bis zu den Endphaseverbrechen 1945. Auch in den anderen Kapiteln sind nationalsozialistische Untaten keineswegs ausgespart. Und die Täter werden klar und deutlich beim Namen genannt. An keiner Stelle wird irgendetwas verschleiert, verheimlicht, heruntergespielt. Niemand, der mein Buch tatsächlich gelesen hat, kann ernsthaft behaupten, es werde darin beschönigt, was Österreicher in Österreich und andernorts im Namen des Nationalsozialismus verbrochen haben. Von wegen "Verbrechen ohne Täter"!

    Wiesenthal-Memorandum

    Zweitens, zur Klarstellung: Als "Täterthese" bezeichne ich die auf einem Memorandum von Simon Wiesenthal aus 1966 basierende Behauptung, Österreicher seien bei NS-Verbrechen stark überrepräsentiert gewesen. Wiesenthal verfolgte den mehr als ehrenwerten Zweck, ein intensiveres Engagement der österreichischen Regierung in der Verfolgung von NS-Tätern zu erreichen. Eine zornige Generation von jungen linksgerichteten Zeithistorikern – frustriert von der Verlogenheit der Nachkriegs- und Aufbaujahre, in denen sie aufgewachsen waren – griff Wiesenthals Behauptungen dankbar auf. Daraus entwickelte sich eine Art Dogma, nämlich dass Österreicher unter NS-Tätern stark überrepräsentiert gewesen seien. Motto: "Wenn ihr in eurer Verlogenheit euch zu Opfern des Nationalsozialismus macht, dann sagen wir euch, dass ihr nicht Opfer, sondern vielmehr die schlimmsten Täter von allen wart!" Erinnerungspolitisch gesehen fasse ich das Entstehen der Täterthese also als – emotional durchaus begreifbare – Reaktion auf die Opferthese auf.

    Der Zeithistoriker Bertrand Perz war es schließlich, der sich in einem 2006 erschienenen aufsehenerregenden Aufsatz mit dem "österreichischen Anteil an den NS-Verbrechen" befasste und das "Täter"-Dogma ernsthaft infrage stellte. Auf dieser verdienstvollen Arbeit bauen die von mir geäußerten und von Tschiggerl und Walach kritisierten Überlegungen im Wesentlichen auf. Alle weiteren zu Rate gezogenen einschlägigen Studien stärken mich in meiner Überzeugung, dass die Täterthese – wie die Opferthese – nicht haltbar ist.

    Könnte wegen dieser Erkenntnisse der unvoreingenommene Leser meines Buches auf die Idee kommen, ich würde damit die österreichische Mitverantwortung leugnen und Opfer und Täter gleichstellen? – Lachhaft!

    Perz-Aufsatz

    Drittens wird behauptet, ich hätte meine "Großthese", Österreicher seien unter den nationalsozialistischen Tätern nicht überrepräsentiert, auf Basis der Ego-Dokumente von mehr oder weniger zufällig ausgewählten Akteuren entwickelt, deren Erlebnisse und Erfahrungen sich durch mein Buch ziehen. – Das ist, mit Verlaub, ein Blödsinn. Wo bitte steht das?

    Wie ich zu meinen Überlegungen und Schlüssen in Bezug auf die Täterfrage komme, ist ab Seite 251 samt den dazugehörigen Anmerkungen im Anhang nachzulesen. Ich beziehe mich vorrangig auf den erwähnten Aufsatz von Perz. Weiters zitiere ich eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen zu verschiedenen Tätergruppen (SS-Generäle, Führungspersonal der Sicherheitspolizei und des SD, T4-Personal et cetera). In einigen Bereichen lassen sich überdurchschnittliche Anteile von Österreichern feststellen, in den meisten Bereichen aber solche Anteile, die unter dem Durchschnitt liegen.

    Methodik-Vorwurf

    Viertens: Ein beliebtes Totschlagargument im akademischen Mittelbau ist der Vorwurf, methodisch nicht sattelfest zu sein. Tschiggerl und Walach halten mir diesbezüglich die Formulierung vor, dass der Anteil von Österreichern an den nationalsozialistischen Tätern nicht über den Anteil der Österreicher an der Gesamtbevölkerung des Großdeutschen Reichs hinausgegangen, sondern "eher" darunter geblieben sei. O-Ton: "Liegt er (der Anteil, Anm.) nun darunter oder nicht? Entweder Bauer kennt, wie er insinuiert, die Zahlen – dann müsste er das Verhältnis angeben können, oder er hat bloß eine Vermutung – dann müsste er sie als solche bezeichnen und erklären, worauf sie beruht."

    Eben. Genau das habe ich auch getan. Oben wurde es schon gesagt. Und um es noch einmal zu sagen: Meine Schlüsse ziehe ich aus dem genannten Perz-Aufsatz sowie einer Reihe von in meinem Buch zitierten wissenschaftlichen Untersuchungen von verschiedenen Tätergruppen und den daraus errechneten Prozentsätzen (siehe Seite 251 ff.). Diese Zahlen variieren, insgesamt ergibt sich für mich auf der Basis dieser Zahlen der Eindruck, dass der Anteil von Österreichern an den NS-Verbrechern höchstens ihrem Anteil an der gesamtdeutschen Bevölkerung entsprach, "eher" sogar darunter lag. Es wäre allerdings naiv zu meinen, der Anteil an Österreichern an NS-Verbrechen ließe sich auf die zweite Stelle hinter dem Komma berechnen. Wer das tut, hat tatsächlich ein Problem mit den Methoden. (Kurt Bauer, 23.11.2017)

    Kurt Bauer ist Historiker und Buchautor in Wien. Sein aktuelles Buch "Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938–1945" ist bei S. Fischer, Frankfurt am Main erschienen. Web: kurt-bauer-geschichte.at

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