Nicola Werdenigg zu Gast im "ZiB 2"-Studio: Leid im zweiten Durchgang

Video23. November 2017, 11:36
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Man sah eine sympathische Frau, die um Wahrung ihrer Fassung bemüht war

Zu den erbaulichsten Erinnerungen an ein erfülltes Leben als TV-Konsument gehören die Skiübertragungen des ORF. Jedes Rennen dauerte in den 1970ern gefühlt mindestens länger als eine Richard-Wagner-Oper. Franz Klammers Husarenritt über den Patscherkofel 1976 hielt eine ganze Nation in Atem. Es schien, als ob unser kleines Land die internationalen Weltcup-Pisten mit Heerscharen von verwegenen Draufgängern flutete. Wenn die Läufer danach noch Luft bekamen, mussten sie sich von Robert Seeger im Norwegerpulli (nur echt mit handgestrickten Hirschen!) interviewen lassen. Man dachte, damit hätte sich das Arbeitsleid einer solchen Ski-Kanone im Großen und Ganzen auch erschöpft.

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Nach dem couragierten Auftritt von Ex-Skisportlerin Nicola Werdenigg, geborene Spieß, zuerst im STANDARD und am Mittwochabend in der ZiB 2 muss man die eigenen Erinnerungen einer umso gründlicheren Revision unterziehen. Das Draufgängertum wurde vor allem von jungen Skisportlerinnen mit schwer vorstellbarem Leid erkauft. Werdeniggs Aufdeckung von sexueller Gewalt gegenüber den Schutzbefohlenen des ÖSV entbehrte jedes spekulativen Elements. Man sah eine sympathische Frau, die um Wahrung ihrer Fassung bemüht war. Die noch einmal in Erinnerung gerufen bekam, dass man vor 40 Jahren als aufstrebendes Jungtalent des Skiverbands die Genitalien mit Schuhpaste eingerieben bekam. Blieb es dabei, konnte man wohl noch von Glück reden.

Der amtierende ÖSV-Präsident gab kund, in früheren Zeiten sei man in Internaten halt anders behandelt worden. Ja, gut war sie, die alte Zeit. Und man erinnert sich deutlich eines Damenslaloms vor zehn Jahren, als ein ÖSV-Betreuer seiner potenziellen Siegläuferin im Starthäuschen beherzt (und scheinbar unbemerkt) auf den Hintern hieb und sinngemäß – vor laufender Kamera – meinte, sie solle sich nicht einkoten. Das stählt gewiss die Nerven. Man weiß ja jetzt: Nur die Härtesten kamen durch. (Ronald Pohl, 23.11.2017)

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