Ringler: "Der ORF muss auf sein Publikum hören"

    22. November 2017, 17:46
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    Und auf seine Redakteure: Die sollen Führungskräfte ablehnen können, fordert die Stiftungsrätin der Grünen

    Wien – ORF-Redakteure sollen neue Chefs verhindern können, und das möglichst ab sofort. Das empfiehlt Stiftungsrätin Marie Ringler ORF-Chef Alexander Wrabetz – bevor mit der nächsten, wohl schwarz-blauen Regierung die nächste große Jobrotation in Österreichs größtem Medienkonzern einsetzt. Wie nach Regierungswechseln üblich.

    Ringler ist seit Juni von den Grünen entsandtes Mitglied im wichtigsten ORF-Gremium. Donnerstag will Ringler den ORF-Chef an ein STANDARD-Interview erinnern. Wenige Wochen vor seiner Wiederbestellung zum ORF-Generaldirektor erklärte Wrabetz im Mai 2016: "Die Redakteure sollen etwa ein Jahr nach Dienstantritt neuerlich über eine Führungskraft abstimmen können. Wenn eine große qualifizierte Mehrheit diese Person auch nach dieser Zeit ablehnt, kann diese Person damit abgewählt werden. Das wäre dann ein bindendes Votum."

    Redakteursstatut

    Schon bisher stimmen ORF-Mitarbeiter laut Redakteursstatut über neue Führungskräfte ab. Der ORF-Chef kann aber gegen das Votum der Mitarbeiter seinen Kandidaten bestellen. Bei den Radio-Ressortchefs Innenpolitik und Wirtschaft entschied Wrabetz zuletzt etwa gegen die Mehrheitskandidaten. "Man sollte im 21. Jahrhundert niemanden einsetzen, den die Mannschaft ablehnt", erklärt Ringler ihren Vorstoß dem STANDARD. "So veraltete Management-Taktik führt sicher nicht zu mehr Leistungsfähigkeit."

    Ringler fordert ein neues Redakteursstatut, das den Generaldirektor bei der Bestellung von Führungskräften an das Votum der Mitarbeiter bindet. Oder, rascher umzusetzen, eine Selbstverpflichtung des ORF-Generaldirektors, Führungskräfte nur nach dem jeweiligen Votum der Mitarbeiter zu bestellen. Ringler: "Das wäre ein Lackmustest und ein klares Signal für die Frage der redaktionellen Unabhängigkeit. Und die ist ein zentraler kritischer Punkt in den nächsten Monaten."

    ÖVP und FPÖ haben sich ein neues ORF-Gesetz für 2018 vorgenommen, mit einem Vorstand statt eines Alleingeschäftsführers, und womöglich mit einem kleineren Stiftungsrat.

    Digitalstrategie vermisst

    "Was die Politik da aufgeregt diskutiert, lenkt völlig von der Frage ab, wie sich dieses Ein-Milliarden-Euro-Unternehmen in einem überaus schwierigen Medienmarkt behauptet", findet Ringler. Sie vermisst etwa eine digitale Gesamtstrategie des ORF.

    Vor allem ORF-Mitarbeiter unterer Gehaltsklassen hätten "viele sehr gute Ideen, doch die Kultur des Unternehmens verhindert, dass sie an die Oberfläche und in die Umsetzung kommen."

    Was fehlt? "In erfolgreichen Unternehmen beschäftigt man sich nicht dauernd damit, was der Vorgesetzte, Manager oder Aufsichtsrat wollen könnte – sondern damit, was der Kunde will." Den Eindruck hat sie beim ORF nicht.

    "Der ORF muss auf sein Publikum hören", sagt Ringler, und das "in guter Balance mit seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag". Sendungen und Beiträge müssten Seher, Hörer, User Neues lernen lassen – und mit anderen Meinungen konfrontieren.

    Donnerstag berät der ORF-Stiftungsrat zum ersten Mal seit der Wahl, und eines der letzten Male mit einem von den Grünen entsandten Mitglied – weil die nicht mehr im Nationalrat vertreten sind. Mit Dienstantritt einer ÖVP-FPÖ-Regierung wird aus dem rot-schwarz dominierten Stiftungsrat spätestens im Frühjahr einer mit schwarz-blauer Mehrheit.

    Themen am Donnerstag: Programmschema 2018,das 300-Millionen-Bauprojekt ORF-Zentrum und das Budget 2018. (fid, 22.11.2017)

    • Marie Ringler (rechts) im Juni bei Dienstantritt im ORF-Stiftungsrat. Thomas Zach ist Sprecher des ÖVP-Freundeskreises dort.
      foto: apa/herbert neubauer

      Marie Ringler (rechts) im Juni bei Dienstantritt im ORF-Stiftungsrat. Thomas Zach ist Sprecher des ÖVP-Freundeskreises dort.

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