ARD-Zweiteiler "Brüder": Vom Hörsaal zum IS

    Ansichtssache22. November 2017, 11:46
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    ARD-Zweiteiler "Brüder" und Doku über deutsche Glaubenskrieger

    Wien – Zu viele Drogen, herzloser Sex, Langeweile: Das Leben des Informatikstudenten Jan Welke fühlt sich schal an. Mit seinen Eltern liegt er im Clinch, lange Disconächte und kurze Sexabenteuer befriedigen ihn nicht. Die innere Leere will ausgefüllt werden, in Jans Fall ist es der Glaube, in dem er Halt sucht. Der ARD-Zweiteiler Brüder (Mittwoch ab 20.15 Uhr) zeichnet nach, wie aus dem Informatikstudenten ein Kämpfer für die Terrormiliz "Islamischer Staat" wird.

    foto: swr/ard

    Gelassener Blick

    Dabei nimmt sich Regisseur und Koautor Züli Aladag viel Zeit für diese Verwandlung. Angenehm unaufgeregt lässt er Jan eintauchen in die Welt der Salafisten. Über seinen syrischen Mitbewohner Tariq lernt Jan den Prediger Abadin (Tamer Yiggit) kennen. Immer häufiger besucht er ihn in der Moschee, immer enger wird die Freundschaft. Edin Hasanovic verkörpert den Studenten Jan Welke mit einer Kraft, die diesen Weg glaubwürdig und vor allem nachvollziehbar macht.

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    foto: swr/ard

    "Ich bin nicht dein Bruder", sagt Jan noch bei einem ersten Treffen mit dem Prediger. Aber bald lässt er sich beschneiden, konvertiert zum Islam. Sein Blick wird ruhiger, er wirkt gelassen, fast glücklich. Tariq beobachtet diese Verwandlung skeptisch, hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Seine Eltern und sein Bruder sind in Syrien eingeschlossen, seine Schwester Samia nach einer Vergewaltigung traumatisiert. Nach rund einer Stunde Erzählzeit ist Jan so weit und bereit, in Syrien gegen Assad zu kämpfen und natürlich auch gegen all jene, die ein egoistisches Leben führen und nicht an seinen Gott glauben.

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    foto: swr/ard

    Dreharbeiten in Marokko

    Im zweiten Teil wird Jan in Syrien zum Kämpfer ausgebildet und ihm und dem TV-Zuschauer blutig vor Augen geführt, was mit Deserteuren passiert: Durchtrennte Kehlen, Hinrichtungen, grausame Morde im Namen Allahs. Szenen wie diese bleiben hängen. Gedreht wurde in Marokko in und um Marrakesch.

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    foto: swr/ard

    "Jemand wie Jan Welke hätte auch bei den Linksautonomen oder dem NSU landen können. Das ist wichtig zu begreifen, es geht immer um Abgrenzung, Aufmerksamkeit, Gruppengefühl, vermeintlich starke Männlichkeitsbilder", beschreibt Drehbuchautorin Kristin Derfler. Drei Jahre nahm sie sich Zeit, den Stoff zu entwickeln. "Das Allerschwierigste war, einen aktuellen Film zu schreiben unter Berücksichtigung des politischen Tagesgeschehens", sagt sie.

    Gegen Ende des ARD-Zweiteilers kehrt Jan nach Deutschland zurück, beobachtet vom Verfassungsschutz. Im Anschluss (ab 23.45 Uhr) zeigt Das Erste die Doku "Sebastian wird Salafist: Wie sich ein junger Deutscher zum Islamisten entwickelt – und wieder zurück". Zwei Jahre hat Filmemacher Ghafoor Zamani einen Konvertiten begleitet. (ae, 22.11.2017)

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