Grenzöffnung in der Forschungslandschaft

24. November 2017, 06:00
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Ein EU-Projekt soll die Forschung an neuen Materialien in der Steiermark, Kärnten und in Slowenien vernetzen

Graz – Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und nach der EU-Osterweiterung waren die Hoffnungen groß: Regionen würden über Kultur-, Sprach- und Landesgrenzen hinweg zusammenwachsen und wirtschaftlich prosperieren, so die Erwartung. Doch das Zusammenwachsen erwies sich als härtere Arbeit als gedacht. Bis heute scheinen aus österreichischer Sicht Brno, Bratislava oder Maribor weiter weg, als die Kilometerdistanz vermuten ließe.

Auch die Forschungslandschaft ist da keine Ausnahme. In der Steiermark, Kärnten und Slowenien sind beispielsweise eine Reihe von Unternehmen angesiedelt, die von regionalen Erkenntnissen in der Materialforschung profitieren könnten. Viele wissen aber nicht, woran nur ein paar Kilometer jenseits der Grenze geforscht wird, sagt etwa Petra Dobnik vom Forschungsinstitut Polymer Competence Center Leoben (PCCL).

Grenzübergreifende Materialwissenschaft

Ein heuer gestartetes Projekt soll das ändern und die Akteure in der Materialwissenschaft grenzübergreifend zusammenbringen. Im von der EU im Rahmen des Interreg-Programms geförderten Projekts Retina soll ein Netzwerk aus Forschungsinstitutionen und Unternehmen dies- und jenseits von Mur und Karawanken schaffen. Die Fördersumme beträgt 1,5 Millionen Euro, die Finanzierung ist bis zum Jahr 2020 sichergestellt.

Neben dem PCCL, das Know-how im Bereich Kunststofftechnik und Polymerwissenschaften einbringt, sind auf österreichischer Seite die TU Graz, die Montanuniversität Leoben sowie das Mikrosensorikforschungszentrum CTR Carinthian Tech Research an Retina beteiligt. Die Projektleitung hat die Universität Nova Gorica in der gleichnamigen Stadt an der slowenisch-italienischen Grenze inne. In Slowenien sind weiters der zur Universität Nova Gorica gehörige Primorska Technology Park und das Kemijski Institut, das Nationale Institut für Chemie in Ljubljana, mit an Bord.

Obwohl der potenzielle Markt für Produkte auf Basis von funktionalen Materialien für Energiespeicherung, Elektronik, Pharmazeutika oder Luft- und Raumfahrt äußerst vielfältig ist, könnten die Unternehmen in Randgebieten die verfügbare Infrastruktur für Forschung und Entwicklung nicht effizient für neue Produkte nutzen, wird in der Projektbeschreibung die Ausgangslage dargestellt. Die Initiative soll einen "single entry point" schaffen, um einen einfachen Zugang zu der in den Grenzregionen sehr fragmentierten Forschungslandschaft zu ermöglichen.

Kristalle, Kapseln und Klebstoffe

In einem ersten Teilprojekt wollen sich die Partner im Konsortium auf neue Photovoltaikmaterialien konzentrieren, beispielsweise auf spezielle Nanokristalle oder Polymereinkapselungen. In einem zweiten Ansatz stehen organische Halbleiter im Fokus. Außerdem sollen Transistorstrukturen, die sich in einem dünnen Film befinden, sowie damit einhergehende Schnittstellen optimiert werden. Teilprojekt Nummer drei zielt schließlich auf die Verbesserung spezieller Funktionsklebstoffe ab. Untersucht wird etwa, wie die Zusammensetzung der Kleber durch Alter und Oxidation beeinflusst wird.

Neben Informationsveranstaltungen, Laborbesuchen und Pilotkooperationen zwischen Unternehmen und Unis soll ein gezieltes Feedback an Behörden, Wissenschaft, Wissensvermittler und Industrie die Bedingungen für eine Zusammenarbeit verbessern. Die Landesgrenze soll künftig keine Bremse mehr für eine florierende Innovationskultur sein. (pum, 24.11.2017)

  • Mehr Weitblick: Das ist eines der Ziele des grenzüberschreitenden Projekts, das von der Uni in Nova Gorica (im Bild) geleitet wird.
    foto: university of nova gorica / franc marusiè

    Mehr Weitblick: Das ist eines der Ziele des grenzüberschreitenden Projekts, das von der Uni in Nova Gorica (im Bild) geleitet wird.

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