Von Kochtöpfen, Isotopen und Menschen: Grenzüberschreitende Archäologie

Blog22. November 2017, 06:00
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Das Projekt "Im Spannungsfeld antiker Grenzen und Kulturen" überschreitet mit seinen Arbeiten in Ägypten und im Sudan in vieler Hinsicht Grenzen

Seit 2012 widmet sich mein Projekt mit dem Kurztitel Across Borders, gefördert durch den FWF-Start-Preis und den ERC-Starting-Grant, Fragen rund um Alltagsleben und Siedlungsgeschichte im zweiten Jahrtausend v. Chr. in Nordostafrika. Im Mittelpunkt stehen zwei zeitgleiche Siedlungen des ägyptischen Neuen Reiches: Elephantine an der Südgrenze Ägyptens und die Insel Sai in Obernubien (heutiger Sudan). Ein erstmaliger detaillierter Vergleich dieser Stadtanlagen bietet sich an, da sie zwar in unterschiedlichen geografischen und kulturellen Räumen liegen, wir dank Textzeugnissen aber wissen, dass teilweise dieselben Personen an beiden Fundplätzen gewohnt haben.

Der Vergleich ist außerdem aufgrund der wissenschaftlichen Möglichkeiten besonders vielversprechend: Anders als in Ägypten gibt es im Sudan keine Einschränkungen für die Ausfuhr von Proben und Objekten für wissenschaftliche Analysen – dementsprechend hat es in den vergangenen Jahren einen Boom in archäometrischen Studien in der Sudanarchäologie gegeben. Across Borders nutzt diese Möglichkeiten ganz bewusst für vergleichende Fragestellungen der ägyptischen Siedlungsarchäologie aus: Was heute in Ägypten noch nicht möglich ist, wie beispielsweise mikromorphologische Bodenproben, chemische und mineralogische Analysen von Keramik, Gesteinen, Farbpigmenten und vielem mehr, wurde in der Stadt von Sai als Fallbeispiel einer ägyptischen Stadt durchgeführt. Dies soll nun zum einen eine Charakterisierung des Fundplatzes gestatten, zum anderen aber Vergleichsmaterial für Siedlungen in Ägypten liefern und das hohe Potenzial moderner Siedlungsarchäologie mit interdisziplinären Methoden aufzeigen.

Neue Einblicke dank Mikroarchäologie

Als Siedlungsarchäologen in Nordostafrika sind wir mit Gebäuden aus ungebrannten Lehmziegeln und einer langen Abfolge sandig-lehmiger Nutzungsschichten konfrontiert. Fußböden, Feuerstellen und Installationen wie Mahlpodeste sind meist gut greifbar, aber konkrete Formationsprozesse – also wie die archäologischen Schichten entstanden sind – können oft nur unvollständig beantwortet werden.

Neue Ansätze bietet hier die Mikroarchäologie, insbesondere die Betrachtung von Dünnschliffen der archäologischen Schichten mittels Mikroskop. In Großbritannien und auch in der Türkei ist diese neue Methode seit gut zehn Jahren bei Siedlungsgrabungen etabliert, in der ägyptischen Archäologie befindet sie sich aber noch in den Kinderschuhen, nicht zuletzt aufgrund der Probleme bei der Entnahme von Proben in Ägypten.

Von Mäusen und anderen Tieren

Across Borders hat aber sowohl auf Elephantine als auch vor allem auf Sai mikroarchäologische Methoden angewandt. Die mikromorphologischen Proben der Schichten aus der Stadt von Sai wurden bereits ausgewertet und erbrachten teils überraschende Ergebnisse. Während der exzellente Erhaltungszustand auf Elephantine zuweilen gestattet, mit bloßem Auge aufgrund einer Häufung von Mäusekot für Räume Phasen der Auflassung festzustellen, waren die Profile in Sai weniger aussagekräftig. Prägend waren dort unter anderem weiße Zonen und graue Schichten, die wir als Ascheschichten bezeichneten. Doch hier konnte der detaillierte Blick durchs Mikroskop Klarheit schaffen.

Konkret hat sich in einem Raum, den wir während der Grabung als Ofenraum bezeichnet haben, weil für uns zahlreiche Ascheschichten dominierten, durch Dünnschliffe die vermeintliche Asche als versteinerte Pflanzenreste herausgestellt ‒ Phytolithe, die auf antike Abfallhalden hinweisen und gemeinsam mit dem ebenfalls mikroskopisch nachgewiesenen Tierkot Tierhaltung und vielleicht einen Stall belegen.

Vom Kochen und Braten

Eines der überraschenden Ergebnisse der Detailstudien zur Keramik von Sai war, dass zur Zeit der Stadtgründung neben Vorratsbehältnissen auch Tafelgeschirr, Gebrauchskeramik und vor allem Kochtöpfe aus Ägypten importiert wurden. Spannend sind bei diesen Kochtöpfen zwei Aspekte: Erstens treten die ägyptischen Kochtöpfe gemeinsam mit nubischen, lokal handgemachten Kochtöpfen auf. Zweitens fand sich vergesellschaftet mit den Kochtöpfen eine große Zahl an sogenannten Feuerböcken. Während Erstere mit aller Vorsicht als Belege für ein Zusammenleben von Ägyptern und Nubiern zu werten sind, so geben Letztere konkrete Rätsel auf.

Diese Feuerböcke, aufgrund ihres Aussehens als Fire-Dogs (mit Schnauze, Augen und Ohren) bezeichnet, sind in Ägypten gut belegt. Auf Elephantine treten Feuerböcke in geringer Zahl auf, gehören also offenbar nicht zur Grundausstattung eines jeden Hauses. Doch auf Sai fanden wir ungleich mehr von den seltsamen Keramikobjekten – fast 200 Fragmente wurden in den vergangenen Jahren dokumentiert! Diese große Zahl ließ uns an der Funktionalität zweifeln – waren dies wirklich nur Böcke, um einen Kochtopf über dem Feuer zu halten? Oder können wir von einer Mehrfunktionalität ausgehen und sie waren auch in Herstellungsprozesse anderer Art integriert? Nun, die finale Antwort ist hier noch nicht gefunden, doch zumindest wissen wir seit einem erfolgreichen Experiment im Asparner Mamuz-Museum, dass Kochen beziehungsweise Braten mit Feuerböcken tatsächlich funktioniert.

Was war im Kochtopf?

In Zukunft wäre durch chemische Rückstandsanalysen zu prüfen, was im Neuen Reich in den Kochtöpfen gekocht wurde und ob wir unterschiedliche Nahrungstraditionen für die ägyptischen und die nubischen Töpfe anhand der Fette rekonstruieren können. Aufgrund der Tierknochen wissen wir beispielsweise, dass auf Sai Schweine eingeführt wurden – Schweine waren in Ägypten der Hauptfleischlieferant, aber in Nubien sind vor dem Neuen Reich Schaf und Ziege die wichtigsten Fleischproduzenten; das Hausschwein scheint erst mit den ägyptischen Neusiedlern in den heutigen Sudan gekommen zu sein.

Von Menschen und Identitäten

Sai bietet die wunderbare Möglichkeit, Grabungen in der Stadt mit Arbeiten am zeitgleichen Friedhof zu kombinieren und so möglichst verlässliche Daten zu Fragen rund um die damaligen Bewohner zu generieren. 2015 haben wir mit Grab 26 eine kleine Goldgrube entdeckt – nicht nur eine Vielzahl sehr gut erhaltener Bestattungen aus der 18. Dynastie, sondern noch dazu den Nachweis eines Goldschmiedemeisters namens Chnummose. Damit können wir eine Person greifen, die unmittelbar mit der Funktion der Stadt Sai als Verwaltungszentrum im nubischen Goldabbaugebiet verknüpft ist.

Die Bestimmung von Geschlecht, Alter und Pathologien der in Grab 26 bestatteten Personen bietet einen ersten Einblick in Fragen rund um Gesundheit und Ernährung. Besonders hervorzuheben sind Strontium-Isotopenanalysen, die in Kooperation mit der Universität für Bodenkultur durchgeführt werden und die uns helfen sollen, die Bestatteten hinsichtlich ihrer lokalen oder doch zugewanderten Herkunft einzuordnen. Denn nach außen hin sind Grabarchitektur, Beigaben und Bestattungsmodus von Chnummose und seinen Verwandten typisch ägyptisch, doch beweist dies nur, dass die Menschen sich als Ägypter in einer ägyptischen Stadt gefühlt haben – ob diese kulturelle Identität mit ihrer realen Abstammung korreliert, muss erst geklärt werden. Schon jetzt erlauben Architektur und materielle Kultur auf Sai im Vergleich zu Elephantine wichtige Rückschlüsse auf die damaligen Bewohner – eine spezielle Eigendynamik ist greifbar, die deutlich macht, dass Kategorien wie "ägyptisch" und "nubisch" zu starr sind und der komplexen Verschmelzung beider Kulturen nicht gerecht werden.

Die interdisziplinären Methoden und ersten Ergebnisse des Projekts Across Borders werden nächste Woche in einem Workshop an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. Damit soll auch die Basis für zukünftige Kooperationen und weiterführende Fragestellungen gesetzt werden, die abseits der traditionellen Fächergrenzen angesiedelt sind und ein besseres Verständnis der Komplexität antiker Lebenswelten versprechen. (Julia Budka, 22.11.2017)

Julia Budka ist Ägyptologin und derzeit Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München. Sie forscht mit ihrem Start-Projekt auch am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2014 wurde sie zum Mitglied der Jungen Akademie gewählt und fungiert seit 2015 im fünfköpfigen Direktorium. Twitter: @jubudka

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  • Überblick über die ägyptische Stadt Sai mit Lehmziegelstrukturen.
    foto: acrossborders

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  • Ein Profil mit Nutzungsschichten aus Sai im heutigen Sudan.
    foto: acrossborders

    Ein Profil mit Nutzungsschichten aus Sai im heutigen Sudan.

  • Probenentnahme für mikromorphologische Studien auf Sai.
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  • Ein Beispiel für einen Dünnschliff der Bodenproben aus Sai, hier mit einer Anzahl von Phytolithen.
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  • Ägyptische Kochtöpfe wurden zu Beginn der Besiedlung von Sai aus dem Norden importiert, treten aber gemeinsam mit nubischen Kochtöpfen auf.
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    Ägyptische Kochtöpfe wurden zu Beginn der Besiedlung von Sai aus dem Norden importiert, treten aber gemeinsam mit nubischen Kochtöpfen auf.

  • Ägyptische und nubische Kochtopfscherben aus Sai.
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  • Sogenannte Fire-Dogs sind heute noch nicht restlos verstandene ägyptische Funktionskeramik.
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  • Experimentalarchäologie kann wichtige Lösungsansätze liefern – und zeigte beim Beispiel der Fire-Dogs, dass mit ihrer Hilfe tatsächlich gekocht werden kann.
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  • Das Team des erfolgreichen Kochexperiments in Asparn.
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