José Eduardo Agualusa: Städtetrip mit einem Affen namens Che Guevara

    22. November 2017, 13:00
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    Der postkoloniale Roman "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" erzählt vom Mädchen Ludo – famoser Stoff, mäßig ausgeführt

    Wien – Die Geschichte der Portugiesin Ludovica ("Ludo") wäre als denkwürdige Begebenheit der ideale Stoff für eine Kleist-Novelle. Ein schüchternes, an Agoraphobie leidendes Mädchen reist an der Seite ihrer frisch vermählten Schwester nach Angola, um bei ihr als Haushälterin zu arbeiten. Man schreibt das Jahr 1975. Es gärt in dem westafrikanischen Land, das zwar die Fesseln des Kolonialismus abwirft, danach jedoch im Chaos eines Stellvertreterkrieges zu versinken droht.

    Ludos Schwager sitzt als Bergbauingenieur an der Quelle des Diamantenabbaus. Sein und seiner Gemahlin überstürztes Verschwinden reißt ein tiefes Loch in Ludos ohnehin gefährdete Existenz. Wenige Seiten braucht der portugiesische Autor José Eduardo Agualusa (57) für die Exposition seines Romans Eine allgemeine Theorie des Vergessens.

    Einsiedlerin mit Edelsteinen

    Ludovica setzt ihr eigenes Verschwinden in Szene. Den Eingang ihrer Herrschaftswohnung im "Haus der Beneideten" mauert sie zu. Von nun an lebt die zusehends Erblindende in der Anonymität ihrer Klause in Luanda. In Gesellschaft eines Hundes und mit einer Bibliothek als Brennmaterial versehen, fristet sie verblüffend ungestört viele Jahre lang die Existenz einer Einsiedlerin. Die prompt aufgetauchten Edelsteine gebraucht sie als Lockmittel für lebensmüde Tauben. Auf der Terrasse wird Essbares angebaut. Agualusas auf einer wahren Begebenheit beruhende Versuchsanordnung enthielte die besten Ingredienzien für ein monumentales Erzählwerk. Ganz Angola liegt zu Ludos Füßen. Ein Affe, der ausgerechnet Che Guevara heißt, schwingt sich von Ast zu Ast und gerät ins Mahlwerk des Chaos.

    Wie Glitzersteine funkeln auch die Prosaspuren, die Agualusa rund um das Schicksal dieser Kaspar-Hauser-Schwester ausgelegt hat. Ein Folterknecht der Kolonialmacht überlebt die eigene Liquidation, nur um Jahre später von einer herunterfallenden Satellitenantenne vor seinem Eigenheim erschlagen zu werden. Folteropfer verschwinden sprachlos im Pulk eines Nomadenvolks. Ein Barsänger verdingt sich als Bauchredner eines Zwergnilpferds, das prompt redet, wie ihm das Breitmaul gewachsen ist.

    Einfälle mit Erzählschwäche

    Auch die exzentrischsten Einfälle helfen kaum über die Erzählschwäche hinweg, die dem Buch anhaftet wie ein Makel. Man wünscht sich für die Ausführung des Vorwurfs einen Vertreter des magischen Realismus herbei. Einen Ribeiro, die mächtige Instrumentationskunst eines Alejo Carpentier. Agualusa, für Eine Allgemeine Theorie ... 2016 auf die Shortlist des International Man Booker Prize gesetzt, wird man nicht nachsagen, er habe sein Breitmaul zu weit aufgerissen.

    So ergeben die vielen Handlungsfäden bloß ein fadenscheiniges Gebilde. In Angola herrscht nicht so sehr die Volksbewegung, sondern König Zufall. In klapperdürren Kapiteln folgt man den Figuren durch das Elend einer Welt, die viel zu wenig riecht, schmeckt oder dröhnt, um Eindruck zu machen. Nach nicht einmal 200 Seiten fällt der Vorhang. Er strahlt in den Farben des Sonnenuntergangs. Ludo wird von einem Straßenbuben befreit. Ihn drückt sie gleichsam als Ziehsohn an die welke Brust. Als es Zeit wird zu gehen, rauschen die Geigen auf: "Und sie gingen in Richtung des Lichts, lachend und plaudernd, als stiegen sie in ein Boot." (Ronald Pohl, 22.11.2017)

    José Eduardo Agualusa
    Eine allgemeine Theorie des Vergessens

    Übersetzt von Michael Kegler
    C. H. Beck 2017
    200 Seiten, 15,99 Euro

    • Famoser Romanstoff, mäßig ausgeführt: J. E. Agualusa.
      foto: c. h. beck

      Famoser Romanstoff, mäßig ausgeführt: J. E. Agualusa.

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