"Report"-Chef: ORF-Journalisten selbst größte Gefahr für Unabhängigkeit

    21. November 2017, 11:52
    147 Postings

    Appell an ORF-Redakteure: Wer sich Politikern "als Freund anbietet", von dem werden "Freundschaftsdienste" verlangt

    Wien – "Report"-Chef Robert Wiesner warnte am Montag vor Gefahren für die derzeit hohe journalistische Freiheit im ORF. Anlass: Das Medienhaus Wien verlieh dem politischen Wochenmagazin des ORF sowie dem Parlamentsmagazin "Hohes Haus" seinen Walther-Rode-Preis für "profunden, politischen TV-Magazinjournalismus". Die akuteste Gefahr für den ORF-Journalismus und seine Unabhängigkeit kommt laut Wiesner derzeit nicht von außen oder oberen Etagen – sondern aus den Reihen der ORF-Journalisten.

    Wiesner betont die heute noch große Freiheit seiner Redaktion – und zitiert dazu das kommende Woche erscheinende Jubiläumsbuch zur ORF-Reform von 1967 ("Die Macht der Bilder"). Dort schreibt Wiesner: "Inhaltlich arbeitet die Redaktion des 'Report' derzeit in größerer Freiheit als viele vor uns, was genau wir berichten oder nicht, entscheiden wir selbst professionell. Kein Auftrag eines mächtigen Chefredakteurs oder selbstbewussten (General-)Intendanten hindert uns, und doch geht vieles nicht, vor allem in der geachteten Disziplin des investigativen Journalismus."

    "Wer Fakten zu Tage bringen will, die verborgen bleiben sollen, braucht Zeit, Ressourcen und vor allem die Freiheit, nach langer Arbeit ohne verwertbares Ergebnis zu bleiben. Doch eine Redaktion, die um mehr als ein Drittel kleiner ist als vor einem Jahrzehnt, kann es sich nur selten erlauben, einem ganz vagen Verdacht nachzugehen, so interessant und relevant er auch klingen mag, da die Arbeitskraft sonst für anderes fehlt."

    Größte Gefahr von innen

    Die erreichte journalistische Freiheit sei keineswegs "auf ewig garantiert", sagte Wiesner. "Und akut droht die größte Gefahr nicht 'von oben' oder durch die berüchtigten 'Interventionen' von außen – sondern von innen."

    Türkise Kreise

    Wiesner schildert dazu "ein kleines Beispiel": "Letzten Dienstag, am frühen Nachmittag, erreicht uns in der Redaktion ein Anruf aus 'türkisen Kreisen'. Die Botschaft: Man sollte bloß nicht übersehen, dass SPÖ-Chef Kern in seiner Pressekonferenz soeben gesagt habe, sein Plan A sei sogar für seine eigenen Wähler zu schwer zu verstehen. Wir lächeln über den mäßig raffinierten Versuch, uns einen Spin anzudrehen, und lächeln auch noch, als wir ihn in der Online-Schlagzeile eines Boulevardblatts wiedererkennen. In den Qualitätszeitungen findet sich keine Spur davon, aber in einer Sendung im ORF klingt's ganz ähnlich. Das ist dann nicht mehr lustig." Gerald Fleischmann, Pressesprecher von Außenminister und ÖVP-Chef Sebastian Kurz, soll am Nachmittag bei Wiesner angerufen haben – was der bestreitet.

    Wiesner will sich auf STANDARD-Anfrage nicht darüber äußern, welche Sendung da gemeint war. In der TV-Thek des ORF findet sich am Dienstag aber etwa noch die "Zeit im Bild" von vergangenem Dienstag. Im Beitrag über die Klausur des Parteipräsidiums kommt als erster O-Ton von Kern, sein Plan A habe mehr Inhalte, als einem durchschnittlichen Wähler verdaubar ist", er sei "in der gesamten Breite für viele Menschen nicht überschaubar". Und: "Das ist eine exzellente Grundlage, auf der werden wir arbeiten."

    "ZiB"-Innenpolitikchef Hans Bürger analysierte die Lage der SPÖ und ihre Klausur im anschließenden Studiogespräch. Bürger findet es "ganz schwer vorstellbar", dass der Plan A als Grundlage für Oppositionsarbeit dienen kann. Bürger erklärte das in der "ZiB" so: "Wir haben den Beitrag gesehen. Selbst der Bundeskanzler sagt: Vielleicht waren wir etwas zu komplex, vielleicht haben ihn die Bürgerinnen und Bürger nicht ganz verstanden, weil er so schwer verdaubar war."

    "Dazu brauche ich keinen Fleischmann"

    Bürger zeigt sich auf STANDARD-Anfrage fassungslos über den Vorwurf seines ORF-Kollegen: "Ich kann nicht beurteilen, ob Fleischmann an dem Tag in der 'Report'-Redaktion angerufen hat, bei mir hat er nicht angerufen." Zwei Redakteure – Matthias Westhoff und Andreas Mayer-Bohusch – berichteten für die "ZiB" von der Pressekonferenz zum Abschluss der SPÖ-Klausur. Mayer-Bohusch habe ihm von zwei starken Sagern Kerns berichtet. Ein Richtungsstreit in der SPÖ über Mitte oder links, über Stadt oder Land sei "ein besonderer Holzweg, das ist keine ernsthafte Diskussion", die SPÖ wäre die "Partei der 95 Prozent". Und andererseits der von der Verdaubarkeit des Plan A. Bürger habe den Redakteuren die Auswahl überlassen, der "Holzweg" sei schließlich in der "ZiB" um 17 Uhr zu hören gewesen.

    Den Satz zu bringen und zu kommentieren, "dazu brauche ich keinen Fleischmann", sagt Bürger im Gespräch mit dem STANDARD. Bürger verweist zudem auf "Presse", "Kurier", "Krone" und "Österreich", die an diesem Dienstagnachmittag die Verdaubarkeit des Plan A online in den Vordergrund stellten.

    Grundsätzlich gebe es aber im Aktuellen Dienst unzählige Versuche von Parteien auf bestimmte Zitate oder Geschichten oder auch einen bestimmten Spin für Geschichten. Solange die nicht mit Drohungen verbunden würden, müsse jede Redaktion damit umgehen können und sich nicht beeinflussen lassen.

    Fleischmann: "Nicht angerufen"

    Gerald Fleischmann erklärt gegenüber dem STANDARD: "Ich habe an diesem Tag und in dieser Sache weder Herrn Wiesner noch Herrn Bürger noch sonst wen im ORF angerufen."

    Vor Freundschaftsdiensten wird gewarnt

    "Eigentlich ist die journalistische Unabhängigkeit im ORF ja sehr gut abgesichert", sagte Wiesner in seiner Dankesrede für den Rode-Preis: "Falls – und so lange – wir selbst unsere Rechte in ORF-Gesetz und Redaktionsstatut wahrnehmen und sie nicht für Karrierewünsche verkaufen."

    Der "Report"-Chef: "Der Preis wäre jedenfalls zu hoch, denn wer sich einer politischen Gruppe als Freund anbietet, darf sich nicht wundern, wenn die dann ständig Freundschaftsdienste von ihm verlangt. Und wer sich andient, wird als Diener weiterleben müssen."

    "Report"-Chef Wiesner dürfte 2018 in Pension gehen. Seine Funktion ist eine von vielen, die ORF-General Alexander Wrabetz in den nächsten Monaten zu vergeben hat – wie etwa auch die Channel Manager und Channel Chefredakteure von ORF 1 und ORF 2. Hans Bürger wird für ORF 2 gehandelt. ORF-1-Infochefin Lisa Totzauer seit langem als Fixstarterin für das Channel Management von ORF 1. (fid, 21.11.2017)

    Robert Wiesners Rede finden Sie am Mittwoch im STANDARD und auf derStandard.at als "Kommentar der anderen".

    • "Der Preis wäre jedenfalls zu hoch, denn wer sich einer politischen Gruppe als Freund anbietet, darf sich nicht wundern, wenn die dann ständig Freundschaftsdienste von ihm verlangt": Robert Wiesner in seiner Dankesrede für den Walther-Rode-Preis des Medienhauses Wien.
      foto: heribert corn

      "Der Preis wäre jedenfalls zu hoch, denn wer sich einer politischen Gruppe als Freund anbietet, darf sich nicht wundern, wenn die dann ständig Freundschaftsdienste von ihm verlangt": Robert Wiesner in seiner Dankesrede für den Walther-Rode-Preis des Medienhauses Wien.

    Share if you care.