"Willkommen bei den Hartmanns": Auf einer Couch in Europa

    20. November 2017, 17:20
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    Simon Verhoevens Filmkomödie ist am Theater gelandet. Sie erweist sich in der Bearbeitung von Angelika Hager und in der Regie Peter Wittenbergs als problematischer parodistischer Flüchtlingsboulevard

    Wien – Es wurde viel gelacht. Das Publikum beklatschte nach der Uraufführung der Familienkomödie Willkommen bei den Hartmanns am Sonntag im Akademietheater seine auf der Bühne veranschaulichten Fehler mit Begeisterung. Sag den Zuschauern, dass sie Arschlöcher sind, und sie brechen in Dankesapplaus aus (wortwörtlich so geschehen bei der Volksfeind-Premiere tags zuvor im Burgtheater).

    So durchdringend heiter war es aber nicht, der Familie Hartmann aus Simon Verhoevens Filmkomödie dabei zuzusehen, wie sie bei der Aufnahme eines Asylwerbers alle nur erdenklichen Fehler macht. Einerseits entstand der Eindruck, dass rassistische Stigmatisierungen in der Regie von Peter Wittenberg (Bühnenbearbeitung: Angelika Hager) weniger hinterfragt als einfach weitergereicht werden. Andererseits zielte der Abend an seiner aufklärerischen Absicht klar vorbei. Er blähte die Protagonisten der Helferfamilie zu Karikaturen einer übersättigten, mit sich selbst überbeschäftigten zeitgenössischen Gesellschaft, während der aus Nigeria geflohene junge Mann namens Diallo (David Wurawa) wie ein Hampelmann in ihrer Mitte versauert, der jeden Spaß mitmacht.

    Diallo hat den passiven Part, dient allen als Projektionsfläche, als Vorurteilsabsicherung, als ersehntes Feindbild, als Unterpfand, als Gewissenserleichterung: vor allem der pensionierten Pädagogin Frau Hartmann, dem Wirtschaftsanwalt (Simon Jensen), der großherzigen Bäckerin (Petra Morzé: "Ja geh, is der liab!") oder der xenophoben Nachbarin ("Samma goschert, Bloßhaperter"), die Sabine Haupt famos im Wiener Slang wutglühen lässt.

    Die Abbildungen als Drogendealer oder als machistischer Gangsta-Rapper bekräftigen nur das undifferenzierte "racial profiling", das uns ohnehin täglich umgibt. Die problematisierende Absicht verschwindet hinter den monströsen Klischees, auch wenn sie problematisierend gemeint war.

    Für eine Gesellschaftskomödie enthält der Abend zu viele Plattitüden, zugleich aber auch viel zu wenig kritisches Bewusstsein, als dass es notwendig erschiene, die Migrationsthematik überhaupt mitzuverhandeln. Das Gewicht des bejubelten Abends liegt ohnehin auf den illustren Familienangehörigen mit ihren parodistisch überzeichneten Marotten: Allen voran Herr Hartmann (Markus Hering) als ein ohne Unterlass auf Laufbändern, Yogamatten sowie auf Tinder gegen das Alter kämpfender Mann, oder Sofie (Alina Fritsch), das Musterbeispiel von "late adulthood", ein Opfer der von unendlicher Freiheit geplagten Privilegiertenschicht.

    Kein Stereotyp fehlt: der radikale Heimattümler Kurt (Michael Masula im Trachtenjanker), der oversexed-dämliche Schönheitschirurg (Dietmar König) oder der wohlstandsverwahrloste Teenager (Valentin Postlmayr). Das ist ein großer Schritt zurück hinter Yael Ronens Gesellschaftskomödien der Selbstermächtigung. (Margarete Affenzeller, 20.11.2017)

    • Hilft nicht sehr bei der Integration: ein Gangsta-Rap-Video (David Wurawa, sitzend) im Familienkeller.
      foto: apa / hans punz

      Hilft nicht sehr bei der Integration: ein Gangsta-Rap-Video (David Wurawa, sitzend) im Familienkeller.


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