Sexuelle Übergriffe im Skisport: Ein Männerbund ist gefordert

Kommentar20. November 2017, 17:15
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Der ÖSV sollte darauf vorbereitet sein, dass noch viel ans Tageslicht kommt

Mai 2017. Der Österreichische Skiverband antwortet dem Magazin News auf die Frage, ob und wie im ÖSV das mögliche Thema Missbrauch thematisiert werde. "Alle Trainer und Betreuer werden auf diese Problematik hingewiesen", heißt es da. Außerdem habe man "eine Konsulentin in den Verband integriert, die sich speziell um Frauenthemen kümmert". Und schließlich sei man "in der glücklichen Lage, weder aktuell noch in der Vergangenheit einen derartigen Fall gehabt zu haben". ÖSV-Conclusio: "Auf den Winter umgelegt könnte man sagen: Wir haben die Winterausrüstung, es braucht aber keine Schneeräumung, wenn es nicht geschneit hat."

November 2017. Es schneit. Die Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg, die 1975 Abfahrtsmeisterin und 1976 Olympiavierte war, berichtet im STANDARD-Sportmonolog von sexuellen Übergriffen bis hin zu einer Vergewaltigung durch einen Teamkollegen. Werdenigg, davon ist auszugehen, ist nicht die einzige betroffene Sportlerin, der ÖSV nicht der einzige betroffene Verband. Allerdings ist kaum ein anderer Verband derart männlich aufgebaut und dominiert. Die ÖSV-Präsidentenkonferenz umfasst 16 Männer und eine Frau – ÖSV-Vizepräsidentin Roswitha Stadlober, die auch als einzige Frau im achtköpfigen ÖSV-Präsidium sitzt. In Referaten, Ausschüssen, Komitees finden sich fast ausschließlich Männer, in der sportlichen Betreuung sowieso. Damit, den Vorwurf muss sich der ÖSV gefallen lassen, hätte längst aufgeräumt gehört.

Die "Konsulentin" ist Petra Kronberger. Die Doppel-Olympiasiegerin von 1992 kümmert sich seit 2015 um frauensportliche Belange im Skiverband. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat sie nicht etwa zurückgeholt, weil er Missbrauchsfälle vermutete, sondern weil der ÖSV mit Superstar Anna Veith nicht zurechtkam. Mag sein, auch dieser Wickel war symptomatisch.

Kronberger ist klar, dass Handlungsbedarf besteht, einen diesbezüglichen Gesprächstermin mit Schröcksnadel hat sie schon vor Wochen fixiert. Es ist davon auszugehen, dass so oder so noch viel ans Tageslicht kommt – andere könnten sich durch Werdenigg ermutigt sehen, so wie sich Werdenigg durch viele MeToo-Berichte ermutigt sah. Der ÖSV sollte darauf vorbereitet sein und auch in dieser Hinsicht ein Vorbild für andere heimische Sportverbände abgeben, die ebenfalls betroffen sein könnten. Es wird weiter schneien, die Schneepflüge sollten bereitstehen. (Fritz Neumann, 20.11.2017)

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