Österreichische Allradhistorie: Wenn Rad, dann Allrad

    21. Dezember 2017, 10:54
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    Die Kernnatur der Steirer, stolz besungen, machte auch vor dem Automobil nicht halt. "Auffi geht's", war die Parole, und da müssen natürlich alle vier Räder angetrieben werde

    Schöckel heißt der 1445 m hohe Ausflugsberg der Grazer. Viel Natur, scheinbare Ruhe. Steirische Autobauer hatten immer schon eine andere Sicht, zeigte doch das Bundesheer im November 1935 bei seiner Schöckel-Besteigung mit Militärfahrzeugen auf, dass hier ein einmaliges Testgelände vor der Haustüre des Puch-Werks Thondorf liegt. Der Erzberg hat sein Zweiradrodeo, das Rodeo des Schöckel spielt sich verborgen auf waldreichen Teststrecken ab, wo die Puch-Familie Haflinger, Pinzgauer und G dem Mitbewerb zeigte, dass wahrer 4x4-Antrieb den Steirertest bestehen muss.

    Grazer Allrad

    Weltweit gilt die in Graz entwickelte Vierradtechnik als Nonplusultra. Kein Wunder, dass prominente Hersteller wie Mercedes, BMW, Porsche, Kia, Hyundai, Jaguar, Fiat, Alfa bei Magna auf der Kundenliste stehen.

    foto: wikipedia
    Der Austro-Daimler von 1906 gilt als Urahn der Radpanzer, mit Allradantrieb und rundum drehbarem MG-Turm.

    Das ist heute ein friedlicher Vorgang, jedoch stellte das Konzept, alle Räder anzutreiben, ursprünglich vor allem eine Vorgabe des Militärs dar. Vor 113 Jahren entwarf Hauptmann Ludwig Tlaskal Edler von Hochwall für die Wagonfabrik in Raab (heute Györ) einen Lastwagen mit zehn Tonnen Nutzlast, Vierradantrieb und Vierradlenkung. Ohne Probefahrt rückte er damit ins nächste Manöver, bei einem Gefälle von vier Prozent benötigte der Lkw 200 m Bremsweg – das war sein letzter Auftritt ...

    Austro-Daimler

    Austro-Daimler in Wr. Neustadt entwickelte gleichzeitig ein Allradkonzept unter Federführung von Paul Daimler, Gottfried Daimlers Sohn. Tlaskal bot sein Patent an, doch Daimler ging andere Wege, setzte geheim in dreijähriger Arbeit französische Ideen um. Die Rede ist vom legendären Erzherzog-Salvator-Radpanzer, getauft nach dem Sponsor – voilà, Urahn der Radpanzer!

    foto: franz brödl
    Der VW "Schwimmwagen" (ab 1942) war vom Kübelwagen abgeleitet, Porsche versah ihn mit Allrad.

    Geländegängig mit vorne Kardan-, hinten Ritzelantrieb und sperrbarem Differenzial, bekam er einen 4-Zylinder-Vergasermotor mit 4,4 l Hubraum und rund 30 PS. Der Kraftfluss ging über eine lederbelegte Kegelkupplung zum Vierganggetriebe. Auf das Fahrgestell setzte man einen Stahlaufbau mit um 360 Grad schwenkbarem MG-Turm. Drei Mann sollten diesen zwei Tonnen schweren Radpanzer bedienen. Beim Kaisermanöver 1906 gab es einen "sensationellen" Auftritt, der Kaiser Franz Joseph entsetzte: Der Motorlärm versetzte die Kavallerie in Panik, damit war sein Schicksal besiegelt. Der Prototyp wurde nach Frankreich verkauft, auf Wiedersehen im Krieg.

    Erkundungswagen

    Bis 1937 war Allradtechnik dann bei der österreichischen Automobilindustrie kein Thema, dann jedoch stellte Steyr einen Allrad-Erkundungswagen unter dem Kürzel ADZK vor. Der luftgekühlte 3,6-Liter-Vierzylinder leistete 60 PS. Drei Exemplare wurden gebaut, sie bildeten den Vorläufer zum Steyr 1500 A, den Porsche 1940 mit Schwerpunkt Afrika in verschieden Varianten für die Wehrmacht entwickelte. Am Motorenkonzept änderte sich wenig, Kubatur weiterhin 3,6 Liter, nur die Leistung stieg auf 85 PS, und der luftgekühlte Motor stellte eine technische Meisterleistung dar.

    foto: motobuch verlag
    Auch die Konstruktion des Allradlasters Steyr 1500 A (ab 1941) stammte von Ferdinand Porsche.

    Als der Krieg vorbei war, durfte Österreich wieder Militär spielen, die großzügigen Amerikaner ließen bei ihrem Abzug für das Bundesheer Ausrüstung und Fuhrpark für zwei Divisionen zurück. Bald wurde aber der Ruf nach heimischer Motorisierung laut. Jeep, Dodge und GMC hatten fast 20 Jahre auf dem Buckel, der Weg von der Normandie bis Österreich war weit, der Benzinverbrauch atemberaubend.

    Geniestreiche

    Erich Ledwinka, der Sohn des legendären Tatra-Konstrukteurs, legte als Steyr-Cheftechniker sein Konzept für ein Fahrzeug mit geringem Gewicht und bescheidenen Abmessungen vor. Das Rückgrat bildete ein Zentralrohrahmen, an dessen beiden Rohrenden die Achsantriebsgehäuse angeflanscht sind. Daran sind die vier Pendelhalbachsen angelenkt. Der Antrieb auf die Achsen erfolgt vom Schaltgetriebe über Kegelräder, Differenzialsperren sind in beiden Achsantrieben vorhanden.

    foto: andreas stockinger
    Mit dem Geländekraxler Steyr-Puch Haflinger stellte sich Österreichs Bundesheer ab 1959 auf eigene Beine.

    Im Heck heulte der Zweizylinder-Puch-Boxer mit 643 cm³ und 22 PS, der Haflinger wurde zur Ikone der heimischen Automobiltechnik. Motorerweiterungen scheiterten daran, dass Kleinwagen mit mehr als 40 PS schwer zu betreiben sind. Logischer Schluss: Ledwinka präsentierte mit dem Pinzgauer die nächste Größe. Er wird heute noch in England gebaut und motorisiert unter altem Namen ganze Luftlandebrigaden.

    foto: bundesheer
    Variantenreicher Haflinger-Nachfolger Pinzgauer (ab 1971), Konstruktion ebenfalls Erich Ledwinka.

    Der dritte Streich aus dem Steyr-Thinktank, schon mit Daimler-Benz-Hilfe, hieß Puch G. 1979 vorgestellt, eine fast altmodische Konstruktion mit Starrachsen und Leiterrahmen, zählt der Geländewagen noch immer zu den Besten seiner Zunft. Damals genügten 72 PS aus einem 2,4-Liter-Diesel, heute gibt's den G zivil wie militärisch in unzähligen Varianten, sogar mit Doppelachse.

    foto: andreas stockinger
    Die UN-Version des Puch G findet sich (wie der Haflinger oben) im Heeresgeschichtlichen Museum Wien.

    Zwei österreichische Pioniere dürfen in der Allradgalerie nicht fehlen: Ferdinand Porsche verhalf dem VW-Schwimmwagen durch Allrad zu weitgehenden Einsatzmöglichkeiten, sein Enkel Ferdinand Piëch entwickelte quattro zur Weltmarke. Übrigens: Das Heeresgeschichtliche Museum Wien verfügt über eine exzellente Sammlung historischer heimischer Allradfahrzeuge. (Peter Urbanek, 21.12.2017)

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