Polaroid: Instantfotografie mit Retrochic

Ansichtssache21. November 2017, 06:00
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Ein Blick auf Instagram genügt: Polaroid beeinflusst noch heute die Alltagsfotografie. Im Wiener Westlicht zeichnet die Schau "The Polaroid Project" in 200 Aufnahmen die kleine ästhetische Revolution der Fotografie durch das Sofortbild nach

Wien – Ein Foto, das vor den eigenen Augen entsteht, ohne Umweg über Labor oder Dunkelkammer, das man als Unikat in der Hand hält, nicht als massenhaft reproduzierbares Wegwerfbild: Das hat über Jahrzehnte die Faszination der Sofortbildfotografie ausgemacht, nicht nur für Knipser. Polaroid, der Pionier dieser Technologie, suchte von Anfang an – also seit den ersten Instantfotos 1948 – auch den Kontakt mit Künstlern, zum beiderseitigen Nutzen. Die Kreativen experimentierten mit dem ungewöhnlichen Material, das Unternehmen bekam von ihnen Arbeiten, die sich zur umfangreichen Polaroid-Collection auswuchsen.

foto: the guy bourdin estate 2017, courtesy louise alexander gallery
Guy Bourdin: "Charles Jourdan" (1978).

Ein Teil davon befindet sich seit einigen Jahren dank der Initiative von Peter Coeln, dem Chef der Westlicht-Galerie, in Wien. Hier sind nun bedeutende Werke aus der gesamten Sammlung und aus vielen Privatbeständen erstmals außerhalb der Vereinigten Staaten zu sehen. The Polaroid Project stellt rund 200 Arbeiten von fast 100 Fotografen aus, ein spannendes Kapitel der künstlerischen Fotografie.

Zu sehen ist die Eroberung durch die Kunst (wie sich der gewichtige Katalog im Untertitel nennt) an vielen Fronten. Anfänglich dominierten Schwarzweißbilder, die ihren Reiz aus klassischen Kompositionen gewannen, etwa von Ansel Adams, der das Polaroid Artist Project in den frühen 1950er-Jahren beriet.

Mit der technischen Weiterentwicklung des Ausgangsmaterials nahm auch die Experimentierfreudigkeit der Fotografen zu. Sie collagierten und montierten, sie nutzten ihre Kameras, insbesondere das Erfolgsmodell der 1970er, die SX-70, als visuelles Tagebuch (Andy Warhol) oder als Werkzeug in der Werbung (Guy Bourdin), sie verfremdeten den chemischen Prozess der minutenschnellen Entwicklung (Sahin Kaygun) oder spielten auf einen Nebenschauplatz der Sofortbildnerei an, nämlich sich eine ungestörte Privatsammlung von Erotika anzulegen (Nobuyoshi Araki).

Höhepunkte der Schau sind Arbeiten im 50×60-cm-Format, das Polaroid mitsamt den entsprechenden Riesenkameras Künstlern zur Verfügung stellte. Sie reizten das Medium mit vielschichtigen Tableaus aus oder inszenierten äußerst naturalistische Porträts. Chuck Closes Foto von Hillary Clinton etwa: egal wie nah man herangeht, dank der besonderen Beschaffenheit der lichtempfindlichen Schicht ist kein Korn, kein Raster zu sehen, stattdessen Farbflächen von fast irritierender Brillanz.

Rebekka Reuter, die die Schau mit Kollegen unter anderem aus dem MIT kuratiert hat, betont, wie sehr Unikate sich gegen die Masse digitaler Bilder abheben und sich wahrscheinlich gerade deswegen wachsender Beliebtheit bei den Digital Natives erfreuen.

Polaroid ist ja, nach dem Bankrott 2001 und nachdem Lomo-Pionier Florian Kaps die Fotomaterialproduktion als "Impossible Project" weitergeführt hat, nun als Marke wieder lebendig. Polaroid reiht sich damit in die würdige Galerie von Vinyl und Notizbüchern, großen Brettspielen und kleinen Buchläden ein: Retrochic, vielleicht sogar mehr.

Es wäre nicht die Galerie Westlicht, wenn die Geschichte von Polaroid nicht auch anhand ausgewählter Geräte und Materialien gezeigt würde, von Kartonprototypen exotischer Modelle bis zum Porträt des Firmengründers Edwin Land auf dem Titel eines Life-Magazins.

Coeln hat mit der Ausstellung einen Nerv getroffen. Er hofft, dass es nicht die letzte sein wird. Die Weiterführung der Galerie sei bis März garantiert, danach müsse man sehen, inwieweit der bisherige Sponsor Leica bzw. die öffentliche Hand die Existenz des Fotoraumes weiterhin unterstützen will. Das Polaroid Project ist jedenfalls ein gutes Argument pro. (Michael Freund, 21.11.2017)

Westlicht, bis 25. Februar 2018

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foto: james nitsch, courtesy fotosammlung ostlicht

James Nitsch: "Razor Blade" (1976).

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