Was das Jamaika-Aus für die deutsche Wirtschaft bedeutet

20. November 2017, 13:56
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Verbände befürchten monatelangen Stillstand, dennoch erwarten Ökonomen kein Ende des Aufschwungs

Berlin – "Schlamassel", "Tiefpunkt", "Enttäuschung": Die deutsche Wirtschaft spart nach dem Aus der Jamaika-Sondierungen für eine Regierungsbildung zwischen Union, FDP und den Grünen nicht mit Kritik an den beteiligten Parteien. Sie befürchtet eine Verunsicherung, die Investitionen bremsen kann. Ökonomen rechnen aber nicht mit einem abrupten Ende des Aufschwungs. Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten:

Bedroht monatelanger politischer Stillstand den Aufschwung?

Nein, meinen die meisten Experten. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind sehr gut gefüllt, die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, deutsche Waren sind im Ausland gefragt wie nie, der Staatshaushalt weist Milliardenüberschüsse aus: Das alles spricht für einen anhaltenden Aufschwung – zumal die Europäische Zentralbank ihre Nullzinspolitik noch eine ganze Weile fortsetzen und so billige Kredite für Unternehmen wie Konsumenten sichern dürfte. "Der volkswirtschaftliche Schaden dürfte gering sein, denn die Fundamentaldaten sind stark, und die Konjunktur hat viel Rückenwind", sagt der Europa-Chefvolkswirt der Nordea-Bank, Holger Sandte.

Wann der kommt der erste große Stimmungstest?

Am Freitag, wenn das Münchner Ifo-Institut sein Geschäftsklima-Barometer veröffentlicht, das monatlich per Umfrage unter 7.000 Firmenchefs ermittelt wird. Da die Umfrage erst am Vortag abgeschlossen wird, dürfte zumindest ein Teil der Antworten unter dem Eindruck des Jamaika-Endes abgegeben werden. Hieran lässt sich ablesen, ob die Manager Lage und Aussichten angesichts der politischen Unsicherheit schlechter bewerten oder nicht.

Schadet das Hickhack dem Standort Deutschland?

Bisher gilt Deutschland als Stabilitätsanker in Europa – politisch wie wirtschaftlich. Dass es in so kurzer Zeit zu Neuwahlen oder einer Minderheitsregierung kommt, hat es bisher noch nicht gegeben. Sollte es tatsächlich Neuwahlen im Frühjahr geben, droht monatelanger Stillstand, den sich das Land nach Meinung von Experten trotz der guten Lage nicht leisten kann. "Die gewaltigen Aufgaben, vor denen Deutschland steht, wie den Anschluss in der Digitalisierung nicht zu verpassen und die Reform der europäischen Institutionen, warten nicht", sagt der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Achim Wambach.

Welche Unternehmen profitieren vom Jamaika-Aus?

An der Börse gehört derzeit der Energieversorger RWE zu den Gewinnern. Das Jamaika-Aus dürfte die vor allem von den Grünen geforderte Stilllegung von Kohlekraftwerken zumindest verzögern. Der Konzern betreibt an mehreren Standorten in Deutschland Stein- oder Braunkohlekraftwerke. Der Aktienkurs kletterte um rund 3,5 Prozent nach oben.

Auch die Papiere von Autokonzernen wie Daimler lagen im Plus, schließlich nimmt mit den Grünen einer ihrer schärfsten Kritiker nun nicht auf der Regierungsbank Platz. Für Börsianer haben noch andere Unternehmen an Attraktivität gewonnen. "Solide wachsende Unternehmen, insbesondere aus den Bereichen Gesundheit, Technologie und Software, dürften wieder die Führung übernehmen – im Vergleich zu Unternehmen, die eine besonders positive Konjunktur für ihre schwachen Fundamentaldaten benötigen", meint Fondsmanager Christian Engelbrechten vom Fidelity Germany Fund.

Welche Unternehmen stehen auf der Verliererseite?

Ohne die Grünen dürfte der Ausbau der erneuerbaren Energien langsamer vorankommen. Der Windkraftanlagenbauer Nordex rutschte deshalb an der Börse zeitweise um fünf Prozent ab, der Solarindustrie-Zulieferer SMA Solar büßte rund vier Prozent ein. Auch Einzelhändler und Konsumgüterhersteller hätten von Jamaika profitieren können, schließlich haben alle Parteien milliardenschwere Steuersenkungen für die privaten Haushalte versprochen. Das hätte den Konsum weiter ankurbeln können. (Reuters, 20.11.2017)

  • Das Jamaika-Aus dürfte die vor allem von den Grünen geforderte Stilllegung von Kohlekraftwerken zumindest verzögern.
    foto: apa/julian stratenschulte

    Das Jamaika-Aus dürfte die vor allem von den Grünen geforderte Stilllegung von Kohlekraftwerken zumindest verzögern.

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