Studie: Erst warme Klimaphase brachte Landwirtschaft nach Nordeuropa

    25. November 2017, 07:00
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    Forscher rekonstruierten Phase eines grundlegenden Wandels

    Warnemünde – Europa hat in seiner vieltausendjährigen Besiedlungsgeschichte viel erleben müssen. Der bis heute folgenschwerste Umbruch blieb aber die als Neolithische Revolution bezeichnete Umstellung vom Jäger- und Sammlertum zur Landwirtschaft. Erst vor kurzem berichtete ein internationales Forscherteam von neuen Details darüber, wie sich die neue Lebensweise, von Einwanderern aus dem Südosten importiert, vor etwa 7.500 Jahren in Mitteleuropa ausbreitete. Menschen, die noch der alten Lebensweise nachgingen, wichen in andere Gebiete aus – unter anderem weiter im Norden.

    Dass die Umstellung in Nordeuropa erst mit Verzögerung kam, dürfte auch handfeste klimatische Gründe gehaben haben, legt nun das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde nach. Ein interdisziplinäres Forscherteam berichtet in "Scientific Reports", dass es vor etwa 6.000 Jahren zu einer Erwärmung im Ostseeraum kam. Der deutliche Temperaturanstieg begünstigte die neue Lebensweise.

    Rekonstruktion eines Klimawandels

    Die Studie basiert auf der Analyse von Sedimentkernen, aus denen sich die Klimaentwicklung ablesen lässt. Der Zeitraum vor 6.000 Jahren hat sich in einem deutlichen Wandel der Sedimentschichten niedergeschlagen. Im fraglichen Zeitraum kam es zu Sauerstoffmangel am Meeresboden, zugleich stiegen die Temperaturen an der Oberfläche rasch an. Die Verschlechterung der marinen Umweltbedingungen lässt sich also direkt mit einer Temperaturerhöhung verknüpfen.

    Wichtigster Hinweis war der Biomarker TEX86, der auch als Paläothermometer bezeichnet wird. Er basiert auf den Überresten von im Oberflächenwasser lebenden Mikroorganismen, den Thaumarchaeota. Die Zusammensetzung ihrer Membran-Lipide verändert sich je nach Temperatur. Sterben die Thaumarchaeota ab, sinken sie auf den Meeresboden, wo ihre Lipide und damit auch die Information über die damalige Temperatur im Oberflächenwasser archiviert werden.

    Dank der genauen Altersdatierung konnte die Temperaturkurve mit archäologischen Befunden aus dem Ostseeraum verglichen werden. So zeigte sich, dass der markante Temperatursprung um 6.000 nicht nur die Ausbreitung der "toten Zonen" in der Ostsee, sondern auch bedeutende Veränderungen in der damaligen Bevölkerung auslöste: Die Bevölkerungszahl im Ostseeraum verdreifachte sich. Gleichzeitig belegen die archäologischen Funde, dass sich zu dieser Zeit der Ackerbau als Ernährungsgrundlage in Nordeuropa durchsetzte.

    Kurze Phase reichte aus

    Von Dauer war die warme Phase nicht. In der Zeit von 7.100 bis 3.000 vor heute schwankten die Temperaturen des Oberflächenwassers der Ostsee im Sommer zwischen 14,5 und 17,5 Grad Celsius. Dabei weisen die TEX86-Werte in der Zeit vor 7.000 bis 6.000 Jahren auf eine längere eher kalte Phase hin, die von einer raschen Temperaturerhöhung beendet wurde. Um 5.600 und 4.500 vor heute gab es zwei deutliche Temperaturmaxima, danach kam es zu einer erneuten Abkühlung.

    Insgesamt dauerte die als "Holozänes Klimaoptimum" bezeichnete Phase in Nordeuropa offenbar nur von circa 5.900 bis 4.400 vor heute. Das hatte aber gereicht, um der Neolithischen Revolution auch hier zum Sieg zu verhelfen. Und wie überall sonst gab es auch hier danach kein Zurück mehr. (red, 25. 11. 2017)

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