Mordprozess: Mysteriöser Kopfschuss als "Scheiße auf der Jägerstraße"

20. November 2017, 16:56
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Ein 28-Jähriger soll einen Nebenbuhler auf der Straße getötet haben. Das hat er zunächst gestanden, Beweise widersprechen ihm aber

Wien – Das Verfahren gegen Shkelzen D. mutet an, als hätte Agatha Christie die Vorlage geliefert. Der Angeklagte hat zwar zunächst gestanden, Igor Z. am Nachmittag des 16. April vor dem Lokal Blanco Lounge in Wien-Brigittenau versehentlich mit einem Kopfschuss getötet zu haben. Staatsanwalt Christoph Wancata hat ihn daher mit einer Mordanklage vor ein Geschworenengericht unter Vorsitz von Georg Olschak gebracht. Nur: Aus Sicht der Verteidiger Philipp Wolm und Werner Tomanek hätten Gutachten ergeben, dass ihr Mandant gar nicht der Täter sein könne – der 28-Jährige selbst sagt jetzt nur noch wenig.

Aber der Reihe nach: Fest steht, dass der 26 Jahre alte Z. auf dem Gehsteig in der Jägerstraße starb, nachdem eine Kugel in seinen Oberarm eingedrungen war, bei der Schulter austrat, die rechte Wange durchschlug und schließlich das Schädeldach zertrümmerte. Fest steht auch, dass sechs Minuten nach der Schussabgabe der Angeklagte mit dem Zeugen Emir O. bei einer nahen Polizeiinspektion erschien und sagte: "Ich habe die Scheiße gerade gemacht auf der Jägerstraße, ich wollte es nicht."

Schuss bei Handgemenge

Für Ankläger Wancata ist die Sache klar: D. habe sich mit dem Opfer vor dem Lokal verabredet. Der Grund: "Der Angeklagte ist verheiratet und hat zwei Kinder, hatte aber auch eine Affäre mit einer Kellnerin. Als er dachte, dass auch das Opfer eine Affäre mit der Frau hatte, wollte der Angeklagte ihn zur Rede stellen." Es sei zu einem Handgemenge gekommen, dabei habe die tödliche Kugel die Pistole des Angeklagten verlassen.

"Sie haben im Endeffekt zwei Fragen zu beantworten", richtet sich der Staatsanwalt an die Laienrichter. "Erstens: Hat der Angeklagte geschossen oder jemand anderer? Und zweitens: Wenn er es gewesen ist, war es ein bewusster Schuss oder ein Unfall?"

Auf die im Vorfeld geäußerte Kritik an seinen Ermittlungen geht er nur en passant ein. Ist auch nicht nötig, diese Chance lässt sich das Verteidigerduo Tomanek und Wolm nicht entgehen. Tatsächlich bietet ihnen der Akt ein breites Instrumentarium für Kritik.

"Elementare Dinge" wurden nicht gemacht, kritisiert beispielsweise Tomanek. So seien unbeteiligten Zeugen im Vorfeld von der Polizei nicht einmal Fotos des Angeklagten gezeigt worden. Auch sonst scheint sich der Staatsanwalt auf das "Spontangeständnis" von D. verlassen zu haben.

Keine Schmauchspuren bei Angeklagtem

Denn es war Vorsitzender Olschak, der in die Rolle des eigentlich 2008 abgeschafften Untersuchungsrichters schlüpfte und ein Gutachten beim ballistischen Sachverständigen Ingo Wieser bestellte. Das Ergebnis laut Advokat Wolm: "Unser Mandant ist als Schütze auszuschließen, es fanden sich keine Schmauchspuren an Händen oder Kleidung."

Damit nicht genug: Solche Schmauchspuren wurden durchaus gefunden – beim Zeugen Emir O., der den Angeklagten zur Polizei gefahren habe. Es könne laut Wolm auch nicht so sein, wie D. und dieser Zeuge ursprünglich geschildert haben: dass sich der Schuss unabsichtlich durch einen Schlag gelöst habe. Im Gegenteil: Der Schütze müsse mindestens eineinhalb bis zwei Meter entfernt gestanden sein.

Zu schlechter Letzt sei auch das Motiv unklar, behauptet Wolm: Selbst der Staatsanwalt habe in der schriftlichen Anklage erwähnt, dass neben Eifersucht auch die organisierte Kriminalität eine Rolle spielen könnte. Denn: Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass Igor Z. immer wieder mit nicht rechtskräftig verurteilten Mitgliedern einer Erpresserbande Telefonkontakt hatte. Wolms Vermutung: "Vielleicht ist Herr D. das Bauernopfer."

Nachrichten im Telefon entdeckt

Vorsitzender Olschak müht sich redlich, das Mysterium zu lüften. Er arbeitet heraus, dass der angeklagte Kosovare mit der Kellnerin, Frau R., eine Beziehung hatte. "Wann haben Sie erfahren, dass auch das Opfer etwas mit ihr hatte?" – "Am Tattag, ich habe im Telefon Nachrichten gesehen", behauptet der Angeklagte. "Sperr das Lokal zu, komm zu mir", hat Igor Z. in der Nacht zuvor geschrieben. "Wie haben Sie darauf reagiert?" – "Ich habe sie gefragt, und sie sagte, sie weiß nichts über die Nachricht."

Ab diesem Punkt macht D. von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Anhand der Telefonverbindungen lässt sich noch feststellen, dass er um 14.41 Uhr versucht, Igor Z. anzurufen. Um 14.42 Uhr telefoniert er kurz mit Frau R., um 14.56 Uhr scheint er Z. dann erreicht zu haben.

Olschak hält dem Angeklagten noch weitere Telefonnummern und Namen vor, die dieser entweder nicht kennen oder zu denen er nichts sagen will. Interessant: Vier Tage vor dem Vorfall stand er fünfmal mit einem Herrn in Kontakt, den die Polizei ebenfalls als Verdächtigen in der zuvor erwähnten Erpresserbande sieht.

Waffenbilder, Schlagstöcke, Pfefferspray

Stumm bleibt D. auch, als ihn Olschak fragt, warum er auf dem Handy Fotos von sich samt Waffen habe. Beziehungsweise sogar eines, auf dem eine Dreijährige eine Langwaffe hält und er stolz lächelnd dahinter steht. Warum er mit einer geladenen und entsicherten Waffe am Tatort war, will der Bauarbeiter ebenso wenig beantworten wie die Frage, warum in seinem Auto Pfefferspray und zwei Schlagstöcke gefunden wurden.

Nur einmal äußert sich D. noch. Auf eine Frage seines Rechtsvertreters Tomanek antwortet er: "Ich dachte, ich habe es gemacht, aber ich habe es nicht gemacht." – "Sehr kryptisch", kommentiert Olschak.

Der erste Zeuge ist ein langjähriger Freund des Opfers, der ihn als friedfertig beschreibt. Von einer angeblichen Beziehung zwischen Z. und der Kellnerin habe er nichts gewusst. Igor Z. sei wie viele andere dort Stammgast gewesen. "Wissen Sie, in, ich sage, Ex-Jugo-Lokalen ist die Kellnerin die einzige Frau ...", beginnt er. "Sie könnte also alle fünf Minuten #MeToo posten, meinen Sie?", ergänzt der Vorsitzende. "Ja, es ist wirklich so."

"Dann hat es 'Päng' gemacht!"

Die nächsten Zeugen, unbeteiligte Passanten, haben diesen Schuss sehr wohl wahrgenommen. Ein junger Mann beschreibt, er habe einen lautstarken Streit zwischen vier oder fünf Männern gehört. "Dann hat es 'Päng' gemacht, und dann ist der eine Herr umgefallen." Das Opfer sei nach hinten gekippt, erinnert er sich, warum er beim Eintreffen der Polizei in Bauchlage war, kann er sich nur mit letzten Zuckungen erklären. Anschließend sei einer aus der Gruppe rasch weggegangen, zwischen zwei und vier Personen seien in das Auto von Emir O. eingestiegen.

Auch eine Frau schildert den Streit zwischen mehreren Männern, nach dem lauten Knall sei das Opfer nach hinten gefallen. Eine interessante Beobachtung: Der Mann, der Igor Z. bei der Auseinandersetzung gegenübergestanden sei und aus ihrer Sicht der Schütze sein müsste, sei etwa gleich groß wie das Opfer, das 184 Zentimeter maß, gewesen. Der Vorsitzende lässt den 1,97 Meter großen Angeklagten aufstehen. "Er kommt mir zu groß vor", sagt die Zeugin. Die die Angelegenheit zusammenfasst: "Es kam mir in dem Moment vor wie eine Hinrichtung."

Verschwundene Fotos vom Tatort

Ihr Partner hat nach den Schüssen sogar Fotos gemacht: Drei Männer sind zu erkennen, der Angeklagte identifiziert sich selbst nicht als einer davon. Er habe die Bilder auch der Polizei geschickt, im Akt befinden sie sich überraschenderweise nicht. Woran sich der Zeuge noch erinnern kann: "Einer der Männer ist in ein silberfarbenes Auto gestiegen, aber gleich zurückgekommen." Bei dem Wagen, in dem auch die Waffe entdeckt wurde, handelt es sich um jenen des Angeklagten.

Gespannt warten Prozessbeteiligte und Publikum auf die Aussage von Emir O., dem Zeugen mit den Schmauchspuren. Der 56-Jährige ist Besitzers eines der Lokale, in dem die umgarnte Kellnerin arbeitete, und kennt den Angeklagten als Stammgast. "Sie war seine Freundin", weiß er.

Am Tattag sei er auf dem Weg in seine Gaststätte gewesen, habe aber einen Umweg über die Jägerstraße genommen. "Warum machen Sie das?", interessiert Olschak. "Ich habe einen Freund, der dort ein Lokal hat, dort kehre ich oft ein." Vor der Blanco Lounge habe er den Angeklagten, das Opfer und einen dritten Mann stehen gesehen.

Schlagbewegung mit Pistole

O. ist der einzige Zeuge, der behauptet, Angeklagter und Opfer hätten miteinander gerangelt. Der unbekannte Dritte habe sie trennen wollen. "Bevor ich bei ihnen war, gab es den Schuss", sagt der Zeuge. "Warum sind Sie ausgestiegen?", fragt der Vorsitzende. "Ich habe D. erkannt." Und: Er habe gesehen, dass D. eine Waffe in der Hand hielt, mit der er das Opfer ohrfeigenartig schlagen wollte.

Er sei noch etwa drei Meter entfernt gewesen, als das Opfer nach vorne gefallen sei. Bei dieser Sturzrichtung bleibt er trotz des Einwands eines Geschworenen, der die anderen Zeugenaussagen wiedergibt. D. sei völlig außer sich gewesen und habe ständig davon gesprochen, zur Polizei zu müssen. Er, der Zeuge, habe ihm daher die Waffe abgenommen und in D.s Auto gesperrt, danach sei er mit ihm zur Polizeiinspektion gefahren.

Am Ende der Einvernahme kommt Olschak plötzlich noch zu etwas völlig anderem: "Sie haben ja selbst einmal angezeigt, Opfer einer Schutzgelderpressung zu sein, hat die Polizei herausgefunden. Wann war denn das?", will er wissen. Am 28. März. "Haben Sie da einen Verdacht, wer dahintersteckt?", fragt der Vorsitzende den Zeugen. "Es waren Tschetschenen", lautet dessen Antwort.

Zeugin mit verschwommener Erinnerung

Die Kellnerin, um die sich die Sache möglicherweise dreht, sagt aus, sie habe nie eine Beziehung mit Igor Z. gehabt. Die Botschaft, sie solle kommen, habe sie zwar erhalten, aber nicht wirklich ernst genommen. Ihre Erinnerung an den Tattag ist mehr als verschwommen. Sie arbeitete, bis sie um 8 Uhr morgens von der Frühschicht abgelöst wurde, danach blieb sie in der Blanco Lounge. Dass sie den Angeklagten getroffen und mit ihm gestritten habe, wisse sie nur aus Zeugenaussagen.

Am Dienstag wird mit weiteren Zeugen und den Sachverständigen fortgesetzt. (Michael Möseneder, 20.11.2017)

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