Jedes vierte Kind mit häuslicher Gewalt konfrontiert

    20. November 2017, 11:26
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    Buchprojekt von Familienministerium und Kinderschutzzentren will auf Belastung von Kindern aufmerksam machen, die Zeugen familiärer Gewalt wurden

    Wien – Obwohl Gewaltanwendung in der Erziehung in Österreich gesetzlich verboten ist, ist jedes vierte Kind mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Anlässlich des Tages der Kinderrechte am 20. November präsentierten die Österreichischen Kinderschutzzentren und das Familienministerium das Buch "Auf hoher See", das auf die belastende Situation von betroffenen Kindern aufmerksam machen will.

    "Jedes vierte Kind wächst mit Gewalt in der Familie auf und muss mitansehen, wie sich seine Eltern handgreiflich streiten. Das sind erschreckende Zahlen", sagt Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP). Es sei eine mehr als belastende Situation für die Kinder, unter der sie ihr ganzes weiteres Leben leiden. Seit 2011 steht das in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen festgelegte Recht von Kindern auf Schutz vor Gewalt – Misshandlung, Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch oder Ausbeutung – in der österreichischen Verfassung. Darunter fällt auch das Verbot von Gewaltanwendung als Erziehungsmittel.

    Zuhause, ein Ort der Bedrohung

    "Das Zuhause, das ein Ort für Sicherheit und Geborgenheit sein sollte, wird zum Ort der Bedrohung", sagt Hedwig Wölfl. Sie ist Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums "Die Möwe". Die Eltern würden dann nicht mehr als solche erkennbar sein und quasi als "Monster" wahrgenommen werden – ein Ansatz, der in der Geschichte des Buches und in deren Illustrationen ganz bewusst aufgenommen wurde, wie Martina Wolf, Geschäftsführerin der Österreichischen Kinderschutzzentren, erklärt. Das Buch wendet sich zwar in erster Linie an Kinder im Volksschulalter, soll aber etwa auch Eltern auf die seelische Not der Betroffenen und auf Wege aus der Gewaltspirale hinweisen.

    Eines der Hauptprobleme bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder sei die "Unsichtbarkeit" von familiärer Gewalt, sagt Wölfl. Betroffene Mädchen und Buben wollen oft sich oft niemandem anvertrauen, weil Loyalitätskonflikte oder Schuldgefühle auftreten und auch die Eltern die Situation verheimlichen. Die wenigen Studien zu dieser Thematik zeigen die Folgen für die Kinder auf: starke Stressbelastung, Bindungsproblematiken, Ängste, depressive Verstimmungen und posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Durch die Hilflosigkeit sei die posttraumatische Belastung bei Kindern, die Zeugen von Gewalt in der Familie werden, sogar noch stärker als bei jenen, die selbst Opfer von Gewalt werden, erklärt Wölfl.

    Noch immer fehle es in Österreich an spezialisierter Hilfe für Kinder, etwa bei Psychotherapie und Prozessbegleitung, kritisiert Wölfl. "Diese Kinder werden oft nicht gesehen und sollen durch das Büchlein erreicht werden." "Nicht nur das Bewusstsein ist wichtig, sondern auch das Verhalten", betont Karmasin. Das Buch ist derzeit auf Deutsch verfügbar, soll aber zukünftig in weiteren Sprachen erscheinen. Außerdem ist geplant, es auch in der Justizarbeit einzusetzen. (APA, 20.11.2017)

    • Eines der Hauptprobleme bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder sei die "Unsichtbarkeit" von familiärer Gewalt, Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums "Die Möwe".
      foto: apa/helmut fohringer

      Eines der Hauptprobleme bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder sei die "Unsichtbarkeit" von familiärer Gewalt, Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin des Kinderschutzzentrums "Die Möwe".

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