Rehab bei psychischen Leiden forcieren

    20. November 2017, 09:36
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    Menschen mit psychischen Leiden werden vom Gesundheitssystem nicht gut genug aufgefangen – Experten fordern ein Umdenken

    Angeblich macht Arbeit immer öfter psychisch krank. Doch führende Experten bezweifelten gerade das bei einem Symposium (1. Reha-Next-Enquete) zu Fragen der psychischen Rehabilitation in Wien. Psychische Erkrankungen würden nicht häufiger, die Betroffenen nur öfter im Beruf ausgegrenzt. Die Medizin wiederum ignoriere den chronischen Charakter psychischer Störungen, hieß es.

    Rund ein Drittel bis ein Viertel der Menschen haben innerhalb eines Jahres psychische Störungen. Seit Jahren gibt es – vor allem in Sachen Berufsunfähigkeit – immer wieder Hinweise, dass die Verbreitung dieser Leiden steigen könnte. Wulf Rössler, emeritierter Ordinarius für klinische Psychiatrie der Universität Zürich, widersprach dem bei der Enquete des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) vehement: "Die Zahl der Fälle von psychischen Erkrankungen hat laut den geltenden Klassifikationen nicht zugenommen. Die Daten zeigen eher darauf hin, dass die Ärzte nun eher bereit sind, solche Diagnosen zu stellen."

    Langwierige Leiden

    Es handle sich um ein klassisches "Eisberg-Problem", sagte der Experte. "Diagnosesystem bilden keine Krankheiten ab, sie geben an, ab wann etwas als Krankheit gilt." Wie sehr psychische Störungen nicht eine angebliche Randgruppe, sondern einen Großteil der Bevölkerung in der einen oder anderen Form betreffen, stellte Rössler mit folgenden Zahlen dar: "24 Prozent der Menschen haben eine diagnostizierte Störung. Davon sind 56 Prozent in Behandlung. 25 Prozent haben eine unterschwellige (noch nicht den geltenden Kriterien entsprechende; Anm.) Störung. Davon sind 30 Prozent in Behandlung. Keine Symptome haben 51 Prozent der Menschen. Von ihnen befinden sich aber auch zehn Prozent in Behandlung."

    Typisch für psychische Störungen ist ihre Langwierigkeit. Der Experte nannte Zahlen aus der Schweiz: 42,2 Prozent der Krankenstände entfielen dort auf Erkrankungen der Atemwege. Das hätte aber nur 6,4 Prozent der Krankenstandstage ausgemacht. Psychische Erkrankungen machten hingegen nur 9,1 Prozent der Fälle (Herz-Kreislaufleiden z.B. 8,1 Prozent) aus, standen jedoch hinter 23,4 Prozent der Krankenstandstage (Herz-Kreislauferkrankungen z.B. 18,6 Prozent der Krankenstandstage). Die Krankenstände wegen psychischer Erkrankungen hätten im Durchschnitt fünf Wochen lang gedauert.

    Stigma als Problem

    "Menschen sind nicht mehr psychisch kranke als früher. Es kommt aber eher zu einer vermehrten Ausgrenzung (im Berufsleben; Anm.). Es gibt keine 'Epidemie' psychischer Erkrankungen. Die Selbstmordraten sinken", sagte Roman Pöschl (BBRZ). Vielmehr führten die Beschleunigung und der zunehmende ökonomische Druck in der Arbeitswelt zu mehr "Segregation" von Betroffenen. Unternehmen wüssten sich oft nicht anders zu helfen, als psychisch erkrankte Arbeitnehmer möglichst loszuwerden. Hier müssten in der medizinischen und beruflichen Rehabilitation völlig neue Wege beschritten werden.

    Dabei versagt offenbar die Medizin in der Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen systembedingt auf breiter Ebene, betonte Psychosomatik- und Rehabilitations-Experte Michael Linden von der Berliner Universitätsklinik Charite: "Die Medizin ist auf 'Episodenmedizin ausgerichtet. (...) Wir brauchen aber eine Lebensperspektive über die Zeit. Auch Adipositas beginnt nicht mit dem 40. Lebensjahr, sondern womöglich schon vor der Geburt." Medizinische Rehabilitation sei die eigentliche Medizin für chronisch Kranke, zu denen oft auch psychisch Kranke gehörten.

    Die Rehabilitationsmedizin sollte im Zentrum der Medizin stehen, die Akut-Episodenmedizin eher eine Randerscheinung sein. Schließlich wäre es auch falsch, Fachärzte oder andere Spezialisten dafür vorzusehen. "Der Hausarzt ist der eigentliche Rehabilitationsmediziner. Jeder dritte Patient in den Praxen der Allgemeinmediziner hat eine psychische Erkrankung. Der Hausarzt ist der derjenige, der am längsten Kontakt mit den Patienten hat", sagte Linden. (APA, 20.11.2017)

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