Juwelier Wagner: "An den großen Uhren sind die Damen schuld"

    Interview20. November 2017, 10:30
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    Das Wiener Juwelierhaus Wagner feiert 100. Geburtstag. Grund genug, mit Marktleader Hermann Gmeiner-Wagner zu sprechen

    STANDARD: Wie viele Safes haben Sie in Ihren vier Geschäften?

    Gmeiner-Wagner: Ich schätze 22.

    STANDARD: Und Sie kennen alle 22 Kombinationen?

    Gmeiner-Wagner: Sagen wir, es wäre ein Jammer, wenn ich nicht in die Safes reinkäme.

    STANDARD: Ihr Großvater Paul Wagner hatte bestimmt nur einen, als er das Unternehmen 1917 mit seiner Frau Luise auf der Wiedner Hauptstraße gründete. Wenn Sie versuchen, 100 Jahre zurückzudenken, welche Gedanken kommen Ihnen da?

    Gmeiner-Wagner: 1917 war keine einfache Zeit, mitten im 1. Weltkrieg. Luxus wurde alles andere als groß geschrieben. Es war zweifellos eine mutige Entscheidung, damals ein Geschäft aufzusperren.

    STANDARD: Noch dazu ein Uhrengeschäft.

    Gmeiner-Wagner: Mein Großvater war Uhrmacher, also ein Handwerker. Er dachte sich, gut funktionierende Uhren sind in jeder Zeit wichtig. Heute ist es selbstverständlich, dass wir immer und überall über eine genaue Zeitangabe verfügen. Damals war das nicht so.

    STANDARD: Wie oft wechseln Sie Ihre Armband-Uhr?

    Gmeiner-Wagner: Ungefähr alle 14 Tage.

    STANDARD: Wie viele besitzen Sie denn?

    Gmeiner-Wagner: Es sind zwölf, darunter auch eine Taschenuhr von 1908. Es ist das Meisterstück meines Großvaters.

    STANDARD: Auch wenn Sie Ihren Großvater persönlich nicht mehr kannten. Können Sie irgendeine Geschichte von ihm erzählen?

    Gmeiner-Wagner: Ich weiß zum Beispiel, dass er einer der ersten war, der in Wien ein Auto besaß. Und damit einen Unfall baute. Es war keine große Sache, dennoch gibt’s darüber einen Zeitungsartikel.

    STANDARD: Lassen Sie uns die Zeit etwas vordrehen. Sie sind 1981 ins Familienunternehmen eingestiegen. Wie hat sich die Uhren- und Schmuckbranche seither entwickelt?

    Gmeiner-Wagner: Die starken Marken sind noch stärker geworden, und die Branche ist eine der wenigen geblieben, die immer noch gut funktioniert.

    STANDARD: Warum?

    Gmeiner-Wagner: Weil die Schweizer Uhrenindustrie sehr bedacht Konzessionen vergeben hat und weil auch sehr bedacht darauf geschaut wurde, was mit den Produkten auf den Märkten passiert. Das hat man in anderen Branchen nicht in dieser Weise getan. Schauen Sie sich zum Beispiel die Elektroindustrie an. Wie viele Händler hat es vor 30 Jahren gegeben und wie viele gibt es heute noch, außer Saturn, Mediamarkt etc. Für Parfümerien gilt ähnliches.

    STANDARD: Liegt es nicht auch am Produkt selbst?

    Gmeiner-Wagner: Natürlich spielt auch das Produkt eine Rolle, denn so etwas funktioniert nur mit Produkten, die hochpreisig und hochqualitativ sind.

    STANDARD: Apropos Marken: Nehmen wir an, ein Mann möchte sich eine neue Uhr kaufen. Kommt er heutzutage eher mit einer konkreten Vorstellung von einer Marke als früher?

    Gmeiner-Wagner: Ja, früher hätte er gesagt, ich hätte gern eine schöne Armbanduhr, die wasserdicht ist etc. Heutzutage sagen Kunden, 'ich hätte gern eine Cartier oder eine Rolex oder was auch immer‘. Die Kundschaft hat viel konkretere Vorstellungen. Das hat freilich mit dem Auftritt der Marken im Internet zu tun.

    STANDARD: Was bevorzugen Sie?

    Gmeiner-Wagner: Eine Uhr, die etwas aushält, eine wasserdichte, stoßsichere Uhr. Keine, die man nur in der Oper trägt. Meine Uhr sollte schon alltagstauglich sein. Was mich aber im Geschäft natürlich nach wie vor emotionalisiert, sind schöne große Diamanten. Ein toller 8-Karäter ist einfach etwas Besonderes.

    STANDARD: Wie würden Sie das Umsatzverhältnis zwischen Schmuck und Uhren beziffern?

    Gmeiner-Wagner: Die Uhren sind etwas stärker als der Schmuck.

    STANDARD: Wie sieht es mit der Käuferstruktur aus? Wie hat sich diese in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

    Gmeiner-Wagner: Schaut man sich die Statistiken an, gibt es heute mehr Menschen, die sich exklusive Produkte leisten können. Das gilt weltweit.

    STANDARD: In Ihr Geschäft kommen sehr viele Ausländer. Welchen Anteil machen sie aus?

    Gmeiner-Wagner: Sagen wir, gut zwei Drittel unseres Klientels sind Österreicher, den restlichen Umsatz machen wir mit Touristen. Gewachsen sind beide Bereiche im gleichen Verhältnis, wobei das Geschäft mit dem Tourismus eher schwanken kann.

    STANDARD: Sie sprechen zum Beispiel von den Sanktionen gegen Russland?

    Gmeiner-Wagner: Auch, wobei es hier eher um den Verfall des Rubels geht. Meistens geht es bei Veränderungen im Tourismus-Geschäft um Währungsschwankungen. Davon gibt es aber auch Ausnahmen, zum Beispiel Tschernobyl, oder 9/11.

    STANDARD: Was halten Sie vom Klischee-Bild der reichen Russen, Araber und Chinesen, die ihr Geld in der Wiener Innenstadt abliefern?

    Gmeiner-Wagner: Das sind wichtige Kunden-Gruppen für unser Geschäft. Aus heutiger Sicht ist der asiatische Raum der Wichtigste für uns, hierzu zählt nicht nur China, sondern auch Taiwan, Thailand etc. Natürlich ist Russland noch immer wichtig. In der schwächsten Phase hat sich das Geschäft mit russischen Kunden halbiert, ist dann aber wieder angestiegen. Und der arabische Raum spielt natürlich auch eine Rolle.

    STANDARD: Welcher Kunde liegt Ihnen am meisten am Herzen? Der Stammkunde, jemand der lange auf ein Schmuckstück spart oder der reiche Tourist?

    Gmeiner-Wagner: Am meisten die Familien, die uns schon sehr lange begleiten. Und ich spreche bewusst von Familien, nicht von Kunden. Es gibt sehr viele Familien, zu denen über lange Zeit eine Bindung aufgebaut wurde. Nicht nur im Inland.

    STANDARD: Sprechen wir über Ihre Standorte. Früher waren Schmuckgeschäfte kleine Läden, in denen man sich kaum umdrehen konnte. Sie haben heute in der Wiener Innenstadt vier Standorte auf 2.800 Quadratmetern. Warum braucht man heute so viel Platz?

    Gmeiner-Wagner: Früher hat man gesagt, ''unsere Produkte sind klein, darum brauchen wir nur kleine Geschäfte‘. Unser erstes Geschäft hatte 32 Quadratmeter. Wir haben vor 14 Jahren eine Studie zum Thema Luxus in Auftrag gegeben. Im Rahmen dieser wurde klar, dass Bäder, Luxushotels, Luxushäuser, Luxusautos etc. immer größer werden. Die Flagshipstores in den Metropolen sind ebenso gewachsen. Die Quintessenz lautet: Luxus definiert sich über die Fläche an entsprechenden Standorten. Schauen Sie sich die Entwicklung von Louis Vuitton in Wien an. Die starteten mit, sagen wir, 80 Quadratmetern, dann war da das Geschäft mit ungefähr 300 Quadratmetern, jetzt sind sie auf 2.000 untergebracht.

    STANDARD: Mit Ihrem Geschäft am Graben liegen Sie sozusagen am Tor zur Luxus-Meile namens Goldenes Quartier. Was man so hört, läuft es mit dem Quartier nicht wie gewünscht.

    Gmeiner-Wagner: Das Goldene Quartier war eine tolle Initiative von René Benko. Von den Gebäuden her ist die Idee schön aufgegangen und manches läuft auch sehr gut, wie zum Beispiel Louis Vuitton. Andere Marken haben stark auf russische Kunden gesetzt. Die hatten das Pech, dass die Sanktionen und der Rubelverfall genau dann los gingen, als sie aufsperrten. Der Start war holprig, ohne, dass irgendjemand schuld war.

    STANDARD: Wird das Quartier das aufholen?

    Gmeiner-Wagner: Ich habe die gesamte Entwicklung des Kohlmarkts hin zur Luxusmeile mitverfolgt. Dort war es am Anfang auch holprig. So etwas braucht Zeit.

    STANDARD: Es gibt viele Menschen, die einige der alten Geschäfte des Kohlmarkts sehr vermissen, Menschen, die diese Luxusmeilen als sehr austauschbar und inflationär bezeichnen.

    Gmeiner-Wagner: Das sind Entwicklungen, die man auf der ganzen Welt beobachten kann. Stadtzentren mit bester Einkaufslage verwandeln sich in Standorte für Luxusmarken, die sich die Mieten leisten können.

    STANDARD: Schon klar, aber wie geht es Ihnen als Wiener damit?

    Gmeiner-Wagner: Auf der einen Seite ist es schade und man vermisst natürlich das eine oder andere Unternehmen. Auf der anderen Seite sperren manche Unternehmer auch pensionsbedingt zu und haben keine Nachfolger oder solche, die das Geschäft nicht übernehmen wollen. Kommt es zu einem Wechsel, findet sich wahrscheinlich niemand, der das alte Konzept weiterführt bzw. mit den neuen Konditionen der Mietverträge mithalten kann.

    STANDARD: Zurück zur Größe: Warum wurden eigentlich die Armbanduhren für Herren immer größer?

    Gmeiner-Wagner: Schuld daran sind die Damen. Die haben sich vermehrt Herren-Uhren geholt. Und dann haben sich die Herren gesagt, 'Das kann doch nicht sein, dass wir jetzt Damen-Uhren tragen.‘ Aber dieses ‚Wachsen‘ der Uhren hat sich mittlerweile eingependelt.

    STANDARD Gibt es einen Objektbereich innerhalb Ihrer Kollektionen, den Sie ganz besonders schätzen?

    Gmeiner-Wagner: Das ist unsere eigene Juwelenkollektion. Das würde ich als unsere DNA bezeichnen. Ich bin ja auch in den Design- und Produktionsprozess stark eingebunden. Es gibt aber auch Marken, mit denen sehr persönliche und langjährige Beziehungen verknüpft sind.

    STANDARD: Bleiben wir beim Schmuckdesign. Dieses ist etwa im Vergleich zur Mode ein konservatives Business mit eng gesteckten Grenzen. Wo ziehen Sie sie?

    Gmeiner-Wagner: Auf verrückte Geschichten haben wir uns aus verschiedenen Gründen nie eingelassen. Ein wichtiger Grundsatz lautet: Wenn jemand für ein Schmuckstück viel Geld ausgibt, dann darf es nicht ein Jahr später unmodern sein. Alles was heute modern ist, wird relativ rasch wieder aus der Mode kommen. Im optimalen Fall schafft man ein zeitgemäßes Design, das allerdings Jahrzehnte lang Bestand hat. Ein Design, dem man nicht ansieht, dass es schon vor 20 Jahren gekauft wurde.

    STANDARD Ist das nicht ein Widerspruch?

    Gmeiner-Wagner: Es ist wichtig, dass erkennbar ist, dass etwas aus dem Heute kommt. Ich denke, man erkennt es, wenn ein Schmuckstück nicht aus den Zeiten der Großmutter stammt. Das sieht man an der Fassung, an der Wahl der Steine etc. Ich würde unseren Stil als ‚zeitgemäß gemäßigt‘ bezeichnen, aber es ist schwierig, das in Worte zu fassen.

    STANDARD: Wann haben Sie Ihrer Frau zuletzt Schmuck geschenkt?

    Gmeiner-Wagner: Das war vor drei Monaten.

    STANDARD: Was denn?

    Gmeiner-Wagner: Ein Set aus der Kollektion-Flora, zu einem familiären Anlass.

    STANDARD: Haben Sie eine Idee, wie viele Schmuckstücke es in Ihren vier Geschäften gibt?

    Gmeiner-Wagner: Tausende.

    STANDARD: Was ist das günstigste, was ich bei Ihnen kaufen kann? Und was das Teuerste?

    Gmeiner-Wagner: Es fängt mit einem Uhrband um 36 Euro an, im Juwelenbereich starten wir bei unter 1.000 Euro und landen bei circa 250.000 Euro.

    STANDARD: Juwelen, Uhren und Schmuck beflügeln auch gern die Fantasien vom schnellen Geld in Form von Juwelenraub. Auch die Filmindustrie hat dieses Thema immer wieder beflügelt, man denke zum Beispiel an ‚Topkapi‘? Haben Sie für diese Art von Faszination Verständnis oder ist das Ihr absoluter Albtraum?

    Gmeiner-Wagner: Schauen Sie, wenn wir von einem intelligenten Film wie ‚Topkapi‘ sprechen und keine Menschen zu Schaden kommen, dann verstehe ich, dass die Menschen so etwas interessiert. Das wird wie Kunstraub ein Thema bleiben. Wir haben diesbezüglich halt ein Risiko mehr als andere Unternehmen.

    STANDARD: Haben Sie sich an diese Sorge gewöhnt?

    Gmeiner-Wagner: Es ist keine Sorge, die täglich präsent ist. Wir haben die Sicherheits-Risiken sehr, sehr, sehr sorgfältig analysiert und zusammen mit Profis aus den Bereichen Versicherung und Sicherheit Konzepte erarbeitet, die wir sehr konsequent umsetzen. Hundertprozentige Sicherheit gibt’s nie. (Michael Hausenblas, 20.11.2017)

    Das Familienunternehmen Wagner – Marktleader in Sachen Umsatz bei Juwelen und Uhren – zählt heute 70 Mitarbeiter und vier Geschäfte in der Wiener Innenstadt, die es auf insgesamt 2800 Quadratmeter bringen. Der Umsatz liegt in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe. Hermann Gmeiner-Wagner ist der Enkel des Firmengründers und trat 1981 ins Unternehmen ein. Er führt dieses mit seiner Frau Katharina.

    juwelier-wagner.at

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    • Hermann Gmeiner-Wagner feiert in diesem Jahr das hundertjährige Bestehen seines Unternehmens.
      foto: christian benesch

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