Rektoren warnen vor Postenschacher bei neuen Uni-Räten

    20. November 2017, 06:00
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    Eine der ersten uni-politischen Handlungen der neuen Regierung ist die Neubesetzung der Universitätsräte. Uni-Chefs fordern: Keine Parteikandidaten und keine schlagenden Burschenschafter

    Wien – Bei dem wenigen, das bisher aus den Regierungsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ herausgesickert ist, war ein Thema komplett inexistent: Wissenschaft und Forschung. Keine Ansagen. Nicht einmal Stoff für Dementis. der Standard bat daher stellvertretend für die 21 öffentlichen Universitäten eine Rektorin und zwei Rektoren um ihre Einträge in das "Pflichtenheft" für die Unipolitik der neuen Regierung.

    Diese muss neben strukturellen und finanziellen Aufgaben mit der Neubesetzung der einflussreichen Universitätsräte auch heikle personelle Entscheidungen treffen.

    Erste Bewährungsprobe

    Gerade die Neubesetzung der Uniräte werde "eine erste Bewährungsprobe für die neue Regierung", meint der Rektor der Uni Linz, Meinhard Lukas: "Daran wird sich der ,neue Stil' ablesen lassen, ob die Uniräte Teil des üblichen politischen Postenschachers – vom Rechnungshof bis zu diversen Aufsichtsräten – zur Versorgung der eigenen Klientel sind, oder ob hochkarätige Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft entsandt werden, und welcher Geist damit in die Unis kommen soll."

    Zumal die abtretende Regierung "die Universitäten gedrängt hat, im Eilzugstempo die Uniräte zu bestellen, und das selbst nicht geschafft hat", kritisiert Lukas. Von den je nach Uni fünf, sieben oder neun Mitgliedern des Unirats wird eine Hälfte politisch besetzt, die andere bestimmt der Senat der Uni, diese Räte wählen anschließend noch ein weiteres Mitglied.

    Generell ist für Rektor Lukas der Umgang der neuen Regierung mit Wissenschaft und Kunst "ein Seismograf für die gesamtpolitische Haltung der Regierung, auf die gerade die Unis sehr genau achten werden", betont er: "Denn der Umgang mit der Freiheit von Wissenschaft und Kunst ist ja mehr als zu sagen: ,Ich greife da nicht ein', sondern: ,Wie verhalte ich mich gegenüber Wissenschaft und Kunst, wie fördere ich, wie binde ich dieses kreative Potenzial ein?'"

    Inhaltlich sieht der Rektor der Uni Linz die zentrale Herausforderung in der "digitalen Transformation", die nicht nur im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt habe. Punktuelle Schlagwortpolitik wie "Tablets für alle Schüler" oder "Breitbandausbau" seien zu wenig. Das sei ein gesellschaftliches Phänomen, das alle Politikbereiche betreffe – "von der Vorschule bis zum Sozialressort. Das müsste ein roter Faden durch das Regierungsprogramm sein."

    Die nächste Person an der Spitze des Wissenschaftsressorts müsse unbedingt "ein sicheres Wissen über die Entwicklungen in der Wissenschaft haben und sich besonders des internationalen Wettbewerbs – vor allem mit Asien – bewusst sein", betont Lukas.

    Klarer Finanzierungspfad

    Für die Rektorin der Technischen Universität Wien, Sabine Seidler, ist "das Allerwichtigste", dass die neue Regierung die von der Vorgängerregierung angedachte Umstellung der Unifinanzierung auf eine kapazitätsorientierte Studienplatzfinanzierung endlich auch realisiert. Die dafür zugesagten 1,35 Milliarden Euro würden zwar nach "unheimlich viel klingen, aber das ist nur ein erster Schritt, wenn man die Finanzierung der Unis tatsächlich orientiert an der Leistung und Leistungsfähigkeit der Unis umstellen möchte", betont Seidler. Ohne eine "klaren, verbindlichen Finanzierungspfad zur eigentlichen Umsetzung" bleibe das ganze Projekt nur politische Rhetorik.

    Seidler pocht überdies auf ein Forschungsfinanzierungsgesetz. Wie sie überhaupt sämtliche Wissenschafts- und Forschungskompetenzen, die derzeit auf mehrere Ministerien (Wissenschaft, Forschung, Infrastruktur, Landwirtschaft) aufgeteilt sind – plus die außeruniversitären Forschungseinrichtungen –, in einem Haus gebündelt sehen möchte. An der Spitze dieses Ressorts erwartet sie eine Persönlichkeit, "die den Wert von Wissenschaft und Forschung erkennt und politisch mit Taten vertritt, die global denkt und Internationalisierung vorantreibt".

    Was die Neubesetzung der Uniräte anbelangt, betont Seidler, die sich über ihren bisherigen Unirat "nicht beschweren kann", dass die Regierung "gut beraten wäre, die Uniräte nicht ausschließlich nach parteipolitischen Erwägungen zu besetzen, sondern mit Personen, die das Unisystem verstehen – oder verstehen lernen wollen".

    Keine Säbelschwinger

    "Männer, die in jungen Jahren mit scharfen Säbeln aufeinander eingeschlagen haben und die Verletzungen mit Stolz zur Schau tragen, sind definitiv nicht geeignet – weder als Minister noch als Uniräte", sagt Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien. "Das ist ein Symbol für eine antiaufklärerische Haltung. Die Geisteshaltung von schlagenden Burschenschaftern kann weder ein modernes, aufgeklärtes Land noch zukunftsorientierte Universitäten repräsentieren."

    Bast plädiert für ein neues "Superministerium für die kreative Wissens- und Innovationsgesellschaft", in dem die gesamte Bildungslandschaft – Kindergärten, Schulen und Hochschulen sowie Wissenschaft, Forschung und Kunst – gebündelt sein sollte.

    Angesichts der Transformation der Wissens- in eine Kreativgesellschaft brauche man eine komplette Neuausrichtung des Studienangebots, sagt Bast und fordert einen "radikalen Umbau des Bildungssystems": "Wir sollen nicht mehr Geld für dasselbe Studien- und Forschungsangebot ausgeben, sondern anders. Die Antwort auf die Digitalisierung sind weniger die Mint-Fächer als Kreativität und soziale Intelligenz." Das müsse im Studienangebot abgebildet werden. Bast ist daher "für eine strikte Limitierung der monodisziplinären Studienrichtungen, die jetzt 90 Prozent des Angebots ausmachen". Stattdessen müssten "ganz neue, disziplinenübergreifende Studien aufgesetzt und finanziert werden." (Lisa Nimmervoll, 20.11.2017)

    • Türkis-blaue Uni-Politik wird auch Personalpolitik bedeuten, nämlich in Form der Neubesetzung der Universitätsräte.
      foto: apa / gero breloer

      Türkis-blaue Uni-Politik wird auch Personalpolitik bedeuten, nämlich in Form der Neubesetzung der Universitätsräte.

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