Vom Nabel der Welt und dem Schoß der Erde

    22. November 2017, 06:00
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    Obwohl das Salzgefäß gut dokumentiert ist, birgt es immer noch Überraschungen. Das KHM Wien präsentiert den Stand der Forschung.

    Wien – Salz und Pfeffer sind von keinem Esstisch wegzudenken. Das liegt zugegebenermaßen auch daran, dass die heutigen Gewürzbehälter handlicher und praktischer sind als jener, den sich der französische König Franz I. um 1543 von Benvenuto Cellini anfertigen ließ. Das Salzgefäß, das unter dem Namen "Saliera" weltberühmt wurde, zählt zu den absoluten Highlights in den an spektakulären Objekten nicht armen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums in Wien.

    Aufgrund ihrer Singularität – es handelt sich um die einzige erhaltene Goldschmiedearbeit des Florentiner Künstlergenies – widmet das KHM der Saliera eine eigene Biographie, die im kommenden Februar erscheinen wird. Bei der Forschungskonferenz "Nahaufnahme" im Rahmen der "Heritage Science Days" präsentieren Experten des KHM am Mittwoch aktuelle Untersuchungsergebnisse.

    foto: khm-museumsverband
    Neptun und Tellus, Nautik und Architektur, Meeres- und Landtiere, Salz und Pfeffer – die Saliera ist eine allegorische Vereinigung von Wasser und Erde.

    Die Unpässlichkeit, aufgrund derer das Salzgefäß von 2003 bis 2006 nicht im KHM zu sehen war, bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung. Die allgemein bekannte Episode stellt im bewegten Leben der Saliera nicht mehr als eine Fußnote dar, dennoch bot sie den Anlass zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Meisterwerk auf historischer, kunstgeschichtlicher und naturwissenschaftlicher Ebene. Die Verfassung der Biographie stellt einen Versuch dar, die Saliera als Kunstwerk unter anderen Aspekten zu betrachten. Dank der persönlichen Aufzeichnungen Cellinis über die Konzeptionsphase und die Entstehung des Stückes ist es möglich, alle Lebensphasen der Saliera detailliert zu untersuchen.

    Vorschriftswidrige Saliera

    An der mangelnden Handlichkeit lag es nicht, dass die Saliera vom französischen Ritterkönig niemals ihrer Bestimmung entsprechend eingesetzt wurde, erklärt Paulus Rainer, Kurator der Kunstkammer im KHM. Ein Salzgefäß hatte die Aufgabe, den Ort auf der Tafel zu markieren, an dem der Herrscher sitzt. Aus diesem Grund war die Saliera von Anfang an als Kunstwerk mit theoretischer Funktionalität konzipiert – dank im Sockel eingelassener Elfenbeinkugeln wäre sie sogar ausreichend mobil gewesen.

    Allerdings entsprach die Saliera nicht den Vorschriften der königlichen Tafel, die ein offenes Salzgefäß aus Sorge vor einem Giftanschlag verboten: die Salzschale verfügt im Gegensatz zu der Pfefferbox über keinen Deckel.

    Dabei handelt es sich jedoch keinesfalls um einen Planungsirrtum. Zu ausgefeilt ist das künstlerische Gesamtkonzept: jedes Detail ist mit einer mythologischen Symbolik beladen. Die Saliera ist eine allegorische Vereinigung von Wasser und Erde: das Meereswasser verdunstet an Land und hinterlässt Salz, der Pfeffer braucht Wasser, um wachsen zu können. Die Hauptfiguren, Meeresgott Neptun und Erdgöttin Tellus, sitzen einander mit ineinander verschränkten Beinen gegenüber – "so wie man die Arme des Meeres in die Erde hineinlaufen sieht", wie Cellini erklärt. Begleitet werden sie von Meeres- und Landtieren. Auch Nautik und Architektur bilden ein Gegensatzpaar: Neptun hat ein Schiff als Salzschale zur Seite, neben Tellus steht ein Triumphbogen für den Pfeffer. Auf dem Dach ruht Pomona (oder ist es gar Pandora?), flankiert wird sie von den vier Temperamenten.

    Brennpunkte

    Cellini konstruierte sein Salzgefäß jedoch nicht nur nach mythologischen Gesichtspunkten, sondern auch nach streng mathematischen. Der Grundriß des Sockels ist oval. Die zwei Brennpunkte dieser Ellipse am Boden der Saliera finden ihr Epizentrum an der Oberseite der Skulptur im Bauchnabel Neptuns und dem Schoß Tellus‘ wieder. Eine vergleichbare Referenz auf den Nabel der Welt und den Schoß der Erde findet sich schon in einer der berühmtesten Zeichnungen Leonardo da Vincis wieder: auch der "Vitruvianische Mensch" hat bei seiner Darstellung im Kreis den Bauchnabel, im Quadrat jedoch seine Genitalien im Zentrum.

    Universalmensch

    Benvenuto Cellini dürfte trotz seines Status als "uomo universale" ein reichlich unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Schon in seiner Jugend fiel er durch Schlägereien auf. Dass er nach eigenen Angaben drei Morde beging, brachte ihm weniger rechtliche Scherereien ein als mehrere Anklagen wegen "Sodomie". Seine berüchtigte Streitsucht bescherte ihm Konflikte mit allen seinen Auftraggebern und ging mit seiner Eitelkeit einher.

    Der Künstler selbst beschreibt seine Tellus als "von so schöner Gestalt und so anmutig, als ich nur wusste und konnte". Seinen Aufzeichnungen zufolge wurden Neptun und Tellus von ihm freihändig mit Hammer und Punzen aus Goldblech getrieben. Es gab jedoch Vermutungen, dass zumindest bestimmte Details wie Kopf oder Zehen gegossen worden waren. Hat Cellini also sein Können übertrieben? Eine CT-Untersuchung am FH-Campus Wels ergab, dass die Angaben des Bildhauers tatsächlich entsprechen – eine bemerkenswerte Leistung.

    Emailsplitter

    Äußerst sensibel sind die bunten Emaileinlagen auf den Figuren und dem Sockel. Diese müssen Cellini schon bei der Herstellung vor besondere technische Herausforderungen gestellt haben, da je nach Zusammensetzung bestimmte Temperaturen beim Aufschmelzen auf das Gold erreicht werden mussten, sagt Martina Griesser. Das Naturwissenschaftliche Labor am KHM hat mittels Röntgenfluoreszenzanalyse zerstörungsfrei das Email direkt am Objekt und zum Vergleich feinste Splitter auch elektronenmikroskopisch untersucht, die schon während dem bloßen Stehen in der Vitrine immer wieder abplatzen. Eine Zuordnung zu genauen Positionen auf der Saliera gestaltete sich bei den Splittern schwierig, da es zum Beispiel eine ganz Reihe verschiedener Blautöne mit jeweils unterschiedlicher Komposition gibt. Insgesamt konnte der Saliera jedoch trotz der bewegten Geschichte ein grundsätzlich guter Zustand diagnostiziert werden. (Michael Vosatka, 22.11.2017)

    foto: khm-museumsverband
    Detailansicht des Messkopfs des RFA-Geräts PART I der IAEA bei der Analyse der Saliera.
    • Benvenuto Cellini (1500 – 1571), Sogenannte Saliera (Paris 1542 – 1543),  Gold, Email, Ebenholz, Elfenbein
      foto: khm-museumsverband

      Benvenuto Cellini (1500 – 1571), Sogenannte Saliera (Paris 1542 – 1543), Gold, Email, Ebenholz, Elfenbein

    • Die Brennpunkte der Ellipse liegen an der Oberseite der Saliera in Neptuns Nabel und Tellus' Schoß.
      foto: khm-museumsverband

      Die Brennpunkte der Ellipse liegen an der Oberseite der Saliera in Neptuns Nabel und Tellus' Schoß.

    • Zeichnerische Überlagerung des Salierasockels mit Sebastiano Serlios erster und vierter Konstruktionsmethode für Ovale.
      foto: khm-museumsverband

      Zeichnerische Überlagerung des Salierasockels mit Sebastiano Serlios erster und vierter Konstruktionsmethode für Ovale.

    • Das µ-RFA-Gerät PART I der IAEA im Einsatz im KHM
      foto: khm-museumsverband

      Das µ-RFA-Gerät PART I der IAEA im Einsatz im KHM

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