Wendung im Spionagethriller um Linzer Weltmarktführer

18. November 2017, 09:00
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Die Ermittlungen des Bundesamts für Verfassungsschutz zu Plasser & Theurer sind voller Überraschungen

Wien – Es klang nach einem der größten Fälle von Industriespionage, in dem die Staatsanwaltschaft Krems derzeit gegen 13 Beschuldigte ermittelt und in dessen Fokus ein ebenso renommierter wie verschwiegener österreichischer Konzern steht. Die Causa könnte sich aber ebenso als riesige Farce entpuppen. Die Rede ist von einem Verfahren, bei dem Plasser & Theurer in die Schlagzeilen geraten ist.

Der oberösterreichische Familienbetrieb beschäftigt rund 3500 Leute und ist mit seinen gelben Maschinen Platzhirsch auf allen Gleisanlagen dieser Welt, die verlegt und gestopft werden wollen. Seit mehr als einem Jahr wird der von Johannes Philipp Max-Theurer geführte Konzern von einer Affäre erschüttert. Auslöser des Bebens: der Detektiv Sascha W., der 2016 Selbstanzeige erstattete. In dieser beschuldigt er sich und mehrere Verantwortliche von Plasser & Theurer, einen Linzer Konkurrenten und weitere Mitbewerber ausspioniert zu haben.

Beim direkten Widersacher handelt es sich um die Firma System 7 Railsupport (S7), die Ende 2012 entstanden ist. Ihre Gründer: zwei frühere technische Verantwortliche von Plasser & Theurer (PT). Die Sorge des Marktführers: Die beiden Ex-Mitarbeiter wollen mit ihrem Insiderwissen dem Primus in die Suppe spucken.

Kapitel I: Die Vernichtung

Kurzum: In der Version des Sascha W. wurde er vom Geschäftsführer einer deutschen PT-Tochter engagiert, um S7 auszuspionieren und zu "vernichten". Die vom Sicherheitsberater behaupteten Aktivitäten gegen den kleinen Rivalen und andere Firmen gleichen dem Drehbuch eines Agententhrillers. Lauschangriffe, Telefonüberwachung, Observierung, gehackte EDV-Systeme, gestohlene Laptops, Einbrüche, Involvierung des chinesischen Geheimdienstes und weitere Hollywood-fähige Methoden schilderte W. in seiner Anzeige. All das, behauptet er, sei vom Geschäftsführer einer deutschen Tochter von Plasser & Theurer beauftragt worden.

Der Fall landete bei der Staatsanwaltschaft Krems, die ein Verfahren eröffnete und neben Max-Theurer dessen Großvater und jahrzehntelangen Konzernchef Josef Theurer, den deutschen Manager und mehrere Kompagnons des Detektivs als Beschuldigte führt. Die Liste mit den 13 Beschuldigten war am Freitag noch aufrecht, wie ein Behördensprecher sagt.

Kapitel II: Die Ermittlung

In der Causa wurden das Landeskriminalamt Niederösterreich (LKA NÖ) und das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismus (BVT) mit Ermittlungen beauftragt. Letzteres ist meist im Spiel, wenn es um Überwachung, Observation und vergleichbare Aktivitäten geht. Nach umfangreichen Einvernahmen haben beide Ämter ihre Abschlussberichte abgegeben. Überraschenderweise geht die Stoßrichtung der beiden Dokumente, die dem Standard vorliegen, weit auseinander.

Während das LKA einige Anschuldigungen des Sascha W. als erhärtet erachtet, zeichnet das BVT ein Bild des Detektivs, das an einen Märchenonkel erinnert. Beteiligung des chinesischen Geheimdienstes, illegale Telefonüberwachung und Hacking rund um die Überwachung von S7? Alles erfunden, meint das BVT: Die von W. genannten Punkte "haben nicht der Wahrheit entsprochen", heißt es im Abschlussbericht. An anderer Stelle wird von mehrfach "unrichtigen Angaben" des Sicherheitsberaters berichtet.

Besonders spektakulär war die Behauptung des W., dass mithilfe eines A1-Mitarbeiters Gespräche von System 7 abgehört worden seien – der STANDARD berichtete. Ein Maulwurf inmitten der teilstaatlichen Telekom Austria, der bei Telefonaten mithört und deren Inhalt möglicherweise zu Geld macht? Auch hier fand das BVT keinen Hinweis, obwohl die Erhebungen "mit entsprechender Sensibilität durchgeführt wurden, um keinen möglichen Beitragstäter zu warnen", wie das Bundesamt schreibt. W. relativierte demnach – zu dem Ergebnis befragt -, bei dem Lauschangriff habe es sich nur um eine Empfehlung gehandelt. Auch der vom Detektiv angeführte Hackerangriff auf S7 wird vom BVT stark in Zweifel gezogen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung entlastet die PT-Chefs.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung dreht folglich den Spieß um. Sascha W. habe mit "zum Teil unrichtigen und stark überzogenen Angaben" in seinen Berichten die deutsche Tochter von Plasser & Theurer "vorsätzlich getäuscht". Somit sei das Unternehmen als Opfer des Detektivs anzusehen, selbiger wird einer strafbaren Handlung verdächtigt.

Kapitel III: Die Wendung

Die beschuldigten Verantwortlichen des Konzerns werden in dem Abschlussbericht als vermeintliche Drahtzieher der angeblichen Spionage dezidiert entlastet. "Einen Beweis für eine mögliche Beteiligung der Familie Theurer (Max – Theurer) gibt es nicht." Und auch eine Bestimmungstäterschaft des deutschen Managers, den W. als direkten Auftraggeber genannt hatte, "kann nicht belegt werden", heißt es im BVT-Bericht, der am 25. September bei der Staatsanwaltschaft einging.

foto: pt
Plasser & Theurer verteidigt seit Jahrzehnten seine Spitzenposition.

Schon zwei Monate früher hatte das Landeskriminalamt Niederösterreich seine Erhebungen, die übrigens gemeinsam mit dem Bundesamt geführt wurden, abgeschlossen. Auch das LKA sieht da und dort übertriebene oder gar unrichtige Äußerungen des Sascha W., hält aber in Fettschrift fest: Seine Angaben und Unterlagen "waren für die Wahrheitsfindung von großer Bedeutung, bzw. wäre ohne die Selbstanzeige der Sachverhalt weder bekannt noch aufgeklärt worden".

Für das LKA ergibt sich schon aus dem Anpirschen der von W. angeheuerten Gehilfen an die S7 – es wurde demnach Interesse an Geschäften in Russland und Südamerika vorgetäuscht – der Verdacht des Betrugs in Millionenhöhe. Das BVT meint hingegen, dass durchaus auch ein reales Geschäftsinteresse der Personen und Firmen bestanden haben könnte, die S7 kontaktiert hatten.

Die Beschuldigten aus dem Lager von PT, die jegliche Vorwürfe stets zurückgewiesen haben, stützen sich nun auf den BVT-Bericht. Dass Theurer oder Max-Theurer hinter der Spionage stünden, wie W. behauptet, sei "unwahr", erklärt dazu ihr Rechtsvertreter Peter Zöchbauer. Observationen, Peilsendereinsätze und andere Überwachungsschritte seien von PT-Vertretern nie beauftragt und laut einem Zeugen auch nie durchgeführt worden.

Kapitel IV: Offenes Ende

Allerdings findet sich selbst im Akt des BVT eine Aussage eines von W. angeheuerten Privatdetektivs, wonach dieser sehr wohl den S7-Chef observiert habe. Zudem konstatiert auch das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Zahlung von 60.000 Euro für "Marktbeobachtung CEE & SEE" der Deutschen PT-Tochter an den Sicherheitsberater W.

Dass Zahlungen an W. getätigt wurden, stellt Zöchbauer auch nicht in Abrede. Allerdings stellt sich der Vorgang laut seinen Angaben so dar: W. sei von der deutschen Gesellschaft beauftragt worden, "legal zu ermitteln". Davon wiederum hätten die PT-Chefs keine Kenntnis gehabt.

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft Krems am Zug. Sie muss entscheiden, ob und allenfalls gegen wen Anklage erhoben wird. Neben den direkt Involvierten wird die Entscheidung, der die Behörde nicht vorgreifen will, auch von einem Großkunden von Plasser & Theurer mit Spannung erwartet. Eine Firma von Rhomberg Bau, ein vor allem im Bahngeschäft international stark engagiertes Vorarlberger Unternehmen, hat sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte angeschlossen.

Sie fühlt sich durch von W. behauptete Spionagetätigkeit ebenfalls geschädigt. Auch hier gibt Zöchbauer die Losung aus: Der Versuch werde "erfolglos" bleiben, weil seine Mandanten "keine strafbaren Handlungen zu verantworten haben". (Andreas Schnauder, 18.11.2017)

  • Die Gleisstopfmaschinen von Plasser & Theurer sind bei Kunden und Konkurrenz gefragt.
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    Die Gleisstopfmaschinen von Plasser & Theurer sind bei Kunden und Konkurrenz gefragt.

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