Werden Experten ignoriert, triumphiert die Willkür

Kommentar der anderen17. November 2017, 17:00
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Warum Trump keine Episode bleiben wird

Ein Jahr nach Donald Trumps überraschendem Wahlsieg geht das Trump-Bashing seiner Gegner unvermindert weiter. Die Frage ist allerdings, ob dieser Kampf gegen Trump nicht ein viel tiefer liegendes Problem der US-amerikanischen Gesellschaft verschleiert. Tom Nichols berichtet in seinem Buch The Death of Expertise: The Campaign Against Established Knowledge and Why It Matters von einer Meinungsumfrage, in der erhoben wurde, wie viele US-Amerikaner einer Bombardierung von Agrabah zustimmen würden. Republikaner waren eher dafür, Demokraten eher dagegen. Das Peinliche dabei: Agrabah ist ein fiktives Land in einem Disney-Film für Kinder.

Nichols weiß, dass auch in früheren Jahrzehnten das Wissen von Experten immer wieder ignoriert wurde. Nach ihm hat die Ablehnung aber mittlerweile eine neue Qualität erreicht, nämlich eine offene Feindschaft gegenüber jeder Art von Expertentum. Die Bürger und Bürgerinnen liegen nicht einfach nur falsch, sie sind auch noch stolz darauf, nichts zu wissen. An die Stelle des Wissens um die eigene Unwissenheit tritt in vielen Fällen die Arroganz – und entsprechende Sympathien für jene Politiker, die genau diese Haltung vermitteln.

Ein gefährlicher Cocktail

Beispiele von schlecht, nur oberflächlich oder gar nicht informierten und gebildeten Bürgern gibt es genug, egal, ob es sich um wissenschaftliche Themen wie den Klimawandel oder Impfungen handelt oder um die Außenpolitik. Seit Richard Hofstadters Studie Anti-intellectualism in American Life (1963) wird ein Bündel an möglichen Ursachen für diese Entwicklung angeführt: ein Relativismus, also die Überzeugung, dass es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen "moralisch" und "unmoralisch", zwischen "wahr" und "unwahr" gibt; eine demokratische Kultur, der zufolge jede Meinung gleich viel wert sei; ein grassierender Antirationalismus, der behauptet, dass es auf Gefühle und nicht auf Fakten oder Vernunft ankomme; die Unterstellung, die Experten seien auch parteiisch oder käuflich; und neuerdings natürlich die Rolle sozialer Medien. Am Ende gibt es keine klaren Unterscheidungen mehr zwischen Meinen, Wissen und Glauben.

Die Folge ist eine wachsende Zahl von uninformierten oder falsch informierten Bürgerinnen und Bürgern, die trotzig ihr Weltbild gegen Kritik aus der Expertenwelt immunisieren. Nichols zieht ernüchternd Bilanz. "These are dangerous times. Never have so many people had access to so much knowledge, and yet been so resistant to learning anything." Wahlberechtigte Bürger werden immer anfälliger für jede Art von Manipulation, solange sie nur geschickt genug gemacht ist.

An diesem Punkt der Debatte ist meistens der Ruf nach mehr Bildung, nach besseren Schulen und Universitäten zu hören. Es ist allerdings fraglich, ob damit dieses gesellschaftspolitische Problem gelöst werden kann. Nichols zeigt, dass gerade viele US-amerikanische Colleges und Universities hier nicht das liefern, was sie liefern könnten. Unter dem Motto "The customer is always right" sei es dort in den letzten Jahren zu einer Infantilisierung der Studierenden gekommen. Aufgrund der hohen Kosten eines Studienplatzes und um potenzielle "Kunden" nicht abzuschrecken, würden immer mehr Institutionen dazu übergehen, Noten und Abschlüsse herzuschenken. Damit würden Halbgebildete, nicht aber Experten ausgebildet. Neben Fachwissen bliebe vor allem das kritische Denken auf der Strecke, nämlich "the ability to examine new information and competing ideas dispassionately, logically, and without emotional or personal preconceptions".

Inzwischen berichtet Lara Trump mit eigenen "real news" über ihren wunderbaren Schwiegervater. Trotz aller Polemiken und Eklats stehen immer noch 40 Prozent der US-Amerikaner zu ihrem Präsidenten. Hauptsache offenbar, er ist für God, für Guns und gegen Gays. Das Weltbild oder die Befindlichkeiten zählen wie beim Urteil über Agrabah mehr als intellektuelle oder fachliche Fähigkeiten.

"Unwissenheit ist Stärke" lautet eines der zynischen Mottos der Machthaber im totalitären Staat von George Orwells 1984. Es ist wohl paradox, dass gerade Menschen in freiheitlichen Demokratien diesen Weg zu einer neuen Unfreiheit aus freien Stücken einschlagen. (Georg Cavallar, 17.11.2017)

Georg Cavallar ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und AHS-Lehrer. Sein neues Buch "Islam, Aufklärung und Moderne. Ein Plädoyer" ist gerade bei Kohlhammer erschienen.

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