Jette Steckel: "Wir befinden uns in einer Art von Apathie"

    Interview18. November 2017, 12:00
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    Die Regisseurin, Tochter einer Bühnenbildnerin und eines Intendanten, inszeniert Ibsens "Ein Volksfeind". Ein Gespräch über die Stolperfallen des politischen Bewusstseins

    STANDARD: Ein Badearzt geißelt die chemische Verunreinigung einer Heilquelle. Er stößt auf taube Ohren, also will er sich immer lauter Gehör verschaffen. Gehen einem Rechthaber wie Tomas Stockmann in Ibsens "Ein Volksfeind" nicht auch furchtbar auf die Nerven?

    Steckel: Mir gehen Leute auf die Nerven, denen Tomas Stockmann auf die Nerven geht. Zumindest der Stockmann, den wir erzählen.

    STANDARD: Er liest seiner Gesellschaft die Leviten. Gleichzeitig ist er Teil des Systems. Leben wir nicht alle in einem Justemilieu, das sich dadurch auszeichnet zu glauben, es wisse über alles moralisch Bescheid? Sind wir Heuchler?

    Steckel: Erstens: ja. Leider. Aber exakt das ist der Grund, ab sofort damit aufzuhören, ein Heuchler zu sein, indem man sich seine Lügen eingesteht. Man überlege sich, wo man vielleicht einmal die Wahrheit sagen will und wie gut es sich damit leben lässt. Wir sind längst Geiseln eines unvertretbaren Wirtschaftssystems. Ich wehre mich gegen die Wirklichkeit, indem ich auf die Sehnsucht nach ihrem Gegenteil bestehe, auf das Gegenteil der Ausbeutung von Mitmensch und Planet. Gefühlt hat man es beim Volksfeind mit einer Pars-pro-Toto-Situation zu tun. Wir haben hier, in unserer Burgtheater-Fassung, die neutrale Setzung eines kleinen Städtchens irgendwo im hohen Norden. Die Ausgangslage hat sich gegenüber Ibsens Vorlage verändert. Wir haben den ersten Akt weggenommen und Stockmann mit der richtigen Munition für sein Bewusstsein versehen.

    STANDARD: Das heißt?

    Steckel: Er ist auf dem Stand der Umweltpolitik von 2017 und nicht von 1882.

    STANDARD: Sehen wir bei der Analyse gesellschaftlicher Missstände nicht fast immer von uns selbst ab?

    Steckel: Ja, auf der einen Seite. Man muss sich selbst als Teil des Systems anerkennen und sich zugleich als ein Teil des Ganzen hinterfragen. Nur ein solches Bewusstsein bildet den Ausgangspunkt für Veränderung. Stockmann wird ganz schlicht, in seiner Profession als Arzt, auf einen empörenden Umstand gestoßen. Er muss verantworten, dass Menschen in vergiftetem Wasser baden und davon trinken. Der Schritt von der Haltung "Ich bin Teil eines kranken Systems" hin zu der Einsicht "Ich trage konkret Verantwortung für die Krankheit" berechtigt ihn zu dem Versuch, gegen den akuten Missstand aufzutreten.

    STANDARD: Führen Stockmanns Gegenspieler nicht genauso gute Argumente im Angebot?

    Steckel: Vertreter wie der Politiker-Bruder Peter verteidigen den Status quo. Jeglicher Impuls zur Veränderung wird von so jemandem von vornherein ruhiggestellt, weil er Profitminderung bedeuten könnte. Oder warum entscheiden wir uns dafür, weitere fünf bis zehn Jahre Glyphosat in unseren Lebensmitteln zuzulassen, obwohl es krebserregend für uns ist und unsere Bienenvölker bereits ausrottet? Wir sind alle Patienten, wir würden bei uns keinen Tropfen Urin finden, der frei von Glyphosat ist.

    STANDARD: Eine andere Haltung wäre?

    Steckel: Es nicht zu tun. Rendite lässt sich auch aus Nachhaltigkeit erwirtschaften. Die Konsequenz unseres Handelns könnte langfristig in der Abschaffung von uns und unserem Planeten liegen. Der kurzfristige Egoismus, das Surfen auf der Welle der Ausbeutung, macht einen aber high, und es ist schwer, davon herunterzukommen.

    STANDARD: Egoismus, der für uns äußerst komfortabel ist.

    Steckel: Der Genuss der Beute verhindert natürlich, dass wir Einschränkungen in Kauf nehmen, die in Wirklichkeit eben gar keine sind. In unserer Stückfassung entscheidet sich der Großkapitalist, der das Quellwasser verschmutzt, seine Rendite künftig aus dem sanierten Bad zu schlagen. Eine solche Lösung ist einfach nur – einfach.

    STANDARD: Im Zweifel für die Nachhaltigkeit?

    Steckel: Wo liegen die Nachteile, wenn wir den Profit und die Arbeitsplätze aus erneuerbarer Energie, zum Beispiel aus Hybridmotoren, schlagen? Es geht erst einmal gar nichts verloren, im Gegenteil, neue Geldquellen tun sich auf. Nun kann man argumentieren: Der Kapitalismus ist gar nicht die falsche Idee, er wird nur falsch benutzt. Die linke Seite sagt hingegen, wir müssen das System grundsätzlich stürzen, aber welches dann?

    STANDARD: Sie machen sich die Position der Ibsen-Figur Tomas Stockmann also vollständig zu eigen?

    Steckel: Ich mache mir die Positionen meiner Figuren immer zu eigen. Ich lebe ja eine Art von Scheinleben, indem ich mich ständig in neue Biografien einlogge. Ich verlebendige jeweils eine und gehe dann in eine andere hinein. Das ist die Art und Weise für mich, mit den Widersprüchen umzugehen, mit denen ich lebe.

    STANDARD: Unsere Wirklichkeit schreit nach Expertenwissen. Zugleich werden wir nachdrücklich dazu angehalten, uns mit allen Facetten unseres Daseins vertrautzumachen. Steckt in einem solchen Missverhältnis nicht die Ursache für sehr viel Frust?

    Steckel: Das ist der Konflikt von Ein Volksfeind. Ich habe mich die letzten Tage in einem Stockmann'schen Konflikt befunden, als wir das Programmbuch für unsere Produktion zusammengestellt haben. An dessen Ende wird für einen Hauptsponsor dieses Theaters geworben, einen großen Autohersteller. Sobald mich das persönlich angeht, als jemanden, der an diesem Haus arbeitet und noch dazu dieses Stück inszeniert, ist das ein Problem. Zum einen wird künstlerische Freiheit gestärkt, das Theater als Sammelstelle für kritische Organe unterstützt. Zum anderen wird eine gewisse Art von Prostitution betrieben, indem man sich von Umweltsündern dafür bezahlen lässt, dass man Umweltskandalthemen auf die Bühne bringt. Diesem Widerspruch entgeht man nicht. Er entbindet einen nur in keiner Weise davon, Haltung zu beziehen.

    STANDARD: Das meint auf der politischen Bühne?

    Steckel: Wir befinden uns in einer Art von Apathie, die gar nichts mehr auslöst. Man geht am Abend des Nationalfeiertags ins Burgtheater und stolpert an Bundesheerpanzern vorbei. Auf einem steht geschrieben: "Morgen kann es anders sein." Über dem Burgtheater steht zeitgleich der Slogan: "Eines Tages wird sich die Perspektive ändern." Dann geht man in eine Aufführung eines umstrittenen Kollegen, der sagt: Nicht jeder Flüchtling ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ist ein Flüchtling. Ich finde mich da nicht zurecht.

    STANDARD: Konfuse Verhältnisse?

    Steckel: Widerspruch erzeugt Kraft. Hoffentlich Lebenskraft. (Ronald Pohl, 18.11.2017)

    Jette Steckel (Jg. 1982) inszeniert vornehmlich am Hamburger Thalia-Theater und am Deutschen Theater Berlin. Sie erhielt 2015 den Faust für "Romeo und Julia". Premiere: Burgtheater, Samstag, 19.30

    • Hinter den Gitterstäben der Burg: Regisseurin Jette Steckel, Mutter zweier Kinder, arbeitete einst auch für Greenpeace.
      foto: heribert corn

      Hinter den Gitterstäben der Burg: Regisseurin Jette Steckel, Mutter zweier Kinder, arbeitete einst auch für Greenpeace.

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