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18. November 2017, 16:00

Anna Rosling Rönnlund hat eine Mission: "Leuten mit Geld die Augen zu öffnen." Die Schwedin ist Fotografin, Bilder sind für sie demnach ein probates Mittel, um die Welt verständlicher zu machen. "Die Menschen müssen verstehen, wie sie wirklich aussieht", sagt sie. Rosling Rönnlund hat ein Team von Fotografen losgeschickt, die 168 Familien in 37 Ländern der Welt besuchten. Einen Tag haben sie dort verbracht, um festzuhalten, was sie sahen: Toiletten, Zahnbürsten, Spielzeug, Geschirrspüler, Abwasch, es sind immer die gleichen Motive, die eingefangen wurden.

foto: gapminder
Anna Rosling Rönnlund will mit Bildern das Weltbild ein wenig korrigieren.

Immer eng mit dem Alltag der Menschen verbunden. In China, in Vietnam, in Rumänien, in Burundi, in Nepal, in Schweden, in den USA, quer durch alle Kontinente führten die Reisen. Österreich ist noch nicht Teil des Projekts namens Dollar Street. Viele andere der 193 Staaten weltweit auch nicht. Ins Blaue fahren die Fotografen nicht, sagt Rosling Rönnlund. Die Auswahl folgt einem präzisen Plan – dem Haushaltseinkommen, das von 27 US-Dollar monatlich in Burundi über 480 US-Dollar in Lettland bis zu 4883 US-Dollar in Schweden reicht. Auch das Stadt-Land-Gefälle soll abgebildet werden.

Die Fotos sollen zeigen, wie Einkommen rund um den Globus das tägliche Leben bestimmen. Die Fragestellung ist einfach: Wenn zwei Familien dasselbe Haushaltseinkommen haben, wie unterschiedlich gestaltet sich ihr Leben, wenn sie auf der Gegenseite des Globus, aber auch wenn sie innerhalb eines Landes leben? Wie unterscheidet sich ihr Schlafengehen oder ihr Essen, wenn sie in China leben oder in Nigeria?

Jedes Foto wird quasi etikettiert und dann seinem eigentlichen Zweck zugeführt. Eingespeist in eine Datenbank, sollen sie selbst zu Daten werden, um Puzzlestein für Puzzlestein das Bild der Welt zu vervollständigen, thematisch sortiert und grafisch auf der "Dollar Street" entlang des monatlichen Durchschnittseinkommens angeordnet. Die Frage lautet freilich: Warum macht sich die Fotografin die ganze Mühe? Ist die Welt nicht ausreichend statistisch vermessen?

Bei den gängigen Suchmaschinen sieht die Bilderwelt bei zahlreichen Suchanfragen den Produktwelten in westlichen Hochglanzmagazinen ziemlich ähnlich. Man will die Wünsche der Nutzer antizipieren. Diese nehmen soviel Komfort dankbar an.

Die Idee habe sie schon als Studentin gehabt, sagt Rosling Rönnlund: "Viele Grafiken, die Einkommensunterschiede darstellen sollten, haben mir nicht viel gesagt. So ging es vielen anderen in meinem Umkreis auch." Da kam ihr die Idee mit den Fotos. Lange lag sie auf Eis, denn Anna Rosling Rönnlund hat mit ihrem Mann Ola Rosling seither viel anderes bewegt.

Gemeinsam haben sie in Schweden die Non-Profit-Organisation Gapminder aufgebaut, eine gemeinnützige Einrichtung, die sich der allgemeinen Aufklärung mithilfe von Statistiken verschrieben hat. Die Entstehung der Stiftung hat eine lange Geschichte, in die neben Anna und Ola Rosling auch dessen Vater Hans Rosling, der im heurigen Frühjahr verstorben ist, involviert war. "Der verheerenden Unwissenheit mit faktenbasierten Abbildungen, die jeder versteht", will die Familie entgegenwirken.

Die meisten Länder drängen sich in der Mitte

Die Notwendigkeit dafür sah der Arzt Hans Rosling, als er in den frühen Neunzigerjahren von seinem Dienst in Afrika nach Schweden zurückkehrte und an der Universität Uppsala zu lehren begann. Nicht nur, dass seine Studenten keine Ahnung hatten, wie Menschen in Afrika leben. Sie wussten auch nicht, wie der Großteil der Menschen weltweit lebt. Das Weltbild in den Köpfen nicht nur dieser Studenten, sondern der meisten Menschen erschien Rosling als Erste-Welt-Zweite-Welt-Ordnung, in der Menschen in der westlichen Hemisphäre verdienterweise in Luxus lebten, während die "Unzivilisierten im Dschungel" ihr "unberührtes", "natürliches" Dasein fristeten. Dabei wollte es Rosling nicht bewenden lassen. Er wollte die Welt erklären. Aber wie sieht diese wirklich aus?

Hans Rosling zeichnete für seine Studenten eine Grafik, in der die x-Achse das Einkommen pro Kopf und die y-Achse die Lebenserwartung abbildete. Im Erste-Zweite-Welt-Bild würden sich die Länder Europas und Nordamerikas mit hohem Einkommen und hoher Lebenserwartung ganz rechts oben befinden und der Rest links unten. Aber so war es nicht. Die meisten Länder drängen sich, ganz unabhängig vom Kontinent, in der Mitte der Grafik. Demnach sind die Länder dieser Welt nicht in einen Erste-Welt- und einen Zweite-Welt-Klumpen geordnet, sondern in ein Spektrum, in dem die meisten Menschen weder besonders reich noch besonders arm, sondern irgendwo dazwischen sind.

Hans' Sohn Ola studierte zu jener Zeit Wirtschaftsgeschichte und beschäftigte sich mit animierten, digitalen Filmen. Er versetzte die Grafik seines Vaters in Bewegung, indem er den Faktor Zeit hinzufügte: die Entwicklung aller Länder der Welt auf der Skala "Einkommen pro Kopf / Lebenserwartung" über die letzten hundert Jahre. Die Länder wurden zu bunten Blasen, die sich bewegten. Zwischen 1900 und 2000 in der Tendenz ausnahmslos von links unten nach rechts oben. Sie zeigten höchste Eile, ihr "unberührtes, natürliches Leben im Dschungel" hinter sich zu lassen. Hans Rosling wurde mit seiner Mission ein bekannter Mann. Das Time- Magazin kürte ihn zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Sein Sohn Ola, Annas Mann, führte das Projekt weiter und heuerte professionelle Software-Entwickler in London an.

Anna Rosling Rönnlunds Fotoprojekt soll letztendlich Teil dieses Kosmos werden. Zu den Kurven und Blasen sollen die Fotos kommen. Und wieder geht es um das Überwinden westlicher Unwissenheit: Afrika, das sind nicht nur hungernde Kinder. Das sind Menschen, die sich waschen, die kochen, eine Toilette benützen. Mitte Oktober war Anna Rosling Rönnlund auf Einladung des Zukunftsinstituts in Wien. Damals feierte ihr Projekt Dollar Street seinen ersten Geburtstag, exakt mit 260 Einträgen. "10.000 müssten es in etwa sein, um ein repräsentatives Bild der Welt zu bekommen", sagt sie. Und warum nicht einfach googeln? "Weil das die Wahrnehmung enorm verzerrt", sagt Rosling Rönnlund. "Google täuscht eine Realität vor, die nichts mit jener der Welt zu tun hat." An diesem Punkt kommt sie wohl zum Lieblingsteil ihrer Präsentation. Sie tippt auf ihrem Laptop bei Google das Schlagwort "toilets" ein. Die Bildersuche spuckt viele schöne Porzellantoiletten aus.

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Der Kampf gegen das Unwissen lag dem heuer im Frühling verstorbenen Hans Rosling am Herzen. Er baute dafür Diagramm um Diagramm.

In der Gapminder-Datenbank stellt sich das Ergebnis gänzlich anders dar: Plumpsklos, notdürftig mit Holzbrettern verdeckte Gruben, mit Sichtschutz versehene Tongefäße. Allein die Welt der Toiletten ist enorm vielfältig. Das schicke Porzellanklo füllt den allerkleinsten Teil der Bilderwelt. Die Bilderdatenbank ist natürlich nicht repräsentativ, allein schon deshalb, weil Google seine Seiten geospezifisch zuschneidet und die Wünsche seiner User, so gut es geht, vorwegnehmen will. Die Kehrseite dieses Komforts, den im Prinzip alle Suchmaschinen ihren Nutzern bieten wollen: Der Großteil der Europäer sieht die Welt durch die Augen von Google & Co. Der Marktanteil von Google liegt bei rund 90 Prozent.

Und was macht das mit den Europäern? Die Wissenschafterin Astrid Mager beschäftigt sich an der Akademie der Wissenschaften mit der Frage, wie die Nutzung von Google oder anderen Suchmaschinen unser Weltbild prägt. Neu ist die Fragestellung nicht, sagt Mager. "Jedes Sortieren und Reihen ist mit einem Bias, also einer Ausrichtung, verbunden, egal ob Zettelkatalog in der Bibliothek oder Suchmaschine. Das ist immer ein politischer Akt." Bei Google wurde aus dem Sortieren und Reihen unterschiedlicher Websites ein höchst erfolgreiches Geschäftsmodell, unter Einsatz künstlicher Intelligenz und mit einer Unmenge an Daten, die Nutzer mehr oder weniger bereitwillig hinterlassen. Die Suchmaschine lernt, was den Nutzern wichtig ist. Und liefert, was ihnen scheinbar passt.

Toiletten in Europa können durchaus vielfältiger Gestalt sein.

Thematisiert und diskutiert wurde das Phänomen, das eben auch zu Echokammern und Filterblasen führt, herzhaft im Zusammenhang mit manch geschlagener Wahl in jüngerer Vergangenheit. Einfache Antworten gebe es nicht auf die Frage, welche Auswirkungen es hat, dass viele Menschen die Welt durch die Google-Brille sehen, sagt Mager. "Tendenziell trägt die Nutzung zur Kommerzialisierung unseres Denkens bei." Evidenzbasierte Aussagen könne sie zum Thema erst in einigen Jahren machen, sagt Mager.

Dass Suchmaschinen nicht frei von gesellschaftlichen Normen, Werten und Ideologien sind, liegt auf der Hand. Bing, Google und Yahoo werden von amerikanischen Technologiekonzernen betrieben. Mager will herausfinden, welche Rolle Werte und Visionen bei europäischen Suchmaschinen spielen: Open-Web-Index, Yacy und Startpage versuchen sich als Alternativen anzubieten. Dass es angesichts der Marktmacht von Google dafür zu spät sein könnte, glaubt die Wissenschafterin nicht. Sie hielte viel davon, europäische Initiativen mit einigen Hundert Millionen an öffentlichen Geldern auszustatten. "Suche ist mittlerweile eine Basisinfrastruktur."

Ohne finanzielle Unterstützung kommt auch Gapminder nicht aus. Rund eine Million Euro sind bislang in das Projekt geflossen. Die Ikea Foundation gibt etwa Geld, das schwedische Pendant zum heimischen Adressenverlag Herold und Melinda Gates vielleicht künftig auch. Über Google hört man von Rosling Rönnlund nichts Schlechtes. Gapminder hatte die für ihre Zwecke entwickelte Trendalyzer-Software an Google verkauft. Die Roslings waren einige Jahre selbst in Kalifornien stationiert. Mittlerweile sind sie zurück in Schweden. Was sie gelernt haben? "Es ist wichtig, dass wir eine Non-Profit-Organisation sind, und es ist besser, solche Projekte nicht an Unis oder in großen Unternehmen zu machen. Beide tendieren dazu, Informationen zu behalten."

foto: gapminder
Der fünfköpfigen Familie Antonio in Seke in Simbabwe steht ein monatliches Einkommen von 41 Dollar zur Verfügung. Stofflöwe und Auto gehören den drei Kindern. Gekocht wird am offenen Feuer. Ein Häschen hält die Familie auch – zu Ernährungszwecken.

Viel lieber, als über Google zu reden, surft sie durch die Dollar Street. Was sie berührt, ist der Umstand, dass Menschen ganz unabhängig von ihrem Wohlstand in Würde leben wollen. Rosling Rönnlund zeigt auf das Bild einer Obdachlosen in Brasilien, die zwar kein Bett in ihrem Verschlag hat, wohl aber ein Tischchen, dekoriert mit einem knallbunten Transistorradio, einem Plüschtier und einer Vase mit Blumen.

Rosling Rönnlund kennt jedes einzelne Foto genau, schiebt Balken auf der Online-Seite des Gapminder-Projektes von links nach rechts. Von der Tran-Familie in Hanoi zur Njoka-Familie in Kalolo in Malawi bis zur Barnard-Familie im britischen Sussex.

Mit dem Namen Paul Watzlawick fängt sie dagegen nichts an. Dabei hat der österreichisch-amerikanische Kommunikationstheoretiker schon im vordigitalen Zeitalter die Frage gestellt: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" Für Rosling Rönnlund ist sie noch lange nicht beantwortet: "Vielleicht findet jemand einen anderen Weg, der noch besser ist." (Regina Bruckner, 18.11.2017)

Hier geht es zur Gapminder-Website