#MeToo und "die Männer"

    Userkommentar17. November 2017, 12:41
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    Die Debatte zeigt: Männerbilder, die auf Macht und Gewalt gründen, müssen verändert werden. Das muss gerade auch durch Männer geschehen

    Endlich sprechen sich Frauen und Männer auf breiter Front gegen sexuelle Übergriffe aus und berichten über ihre Erfahrungen. Dazu gehören Mut und ein gesellschaftlicher Rahmen, in dem das möglich und sinnvoll erscheint – Letzteres scheint erst jetzt gegeben zu sein.

    Die Fakten zu sexueller Gewalt und sexuellen Übergriffen sind ja schon lange bekannt. 2014 wurden diese etwa in einer großangelegten und sehr differenzierten Studie europaweit erhoben: "Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung". Ein detaillierter Bericht wie auch Kurztexte zu den wichtigsten Ergebnissen können, auch auf Deutsch, hier heruntergeladen werden: fra.europa.eu. Dieser Bericht legt auch dar, wie EU- und Nationalpolitik agieren könnten, um das Problem zumindest ansatzweise gesellschaftspolitisch zu lösen. Die Empfehlungen reichen von pädagogischen über Schutzmaßnahmen bis hin zu juristischen Voraussetzungen wie etwa der Definition von sexueller Gewalt, Fragen der Beweiswürdigung und der Verurteilungsrate.

    Kampf um Diskurshoheit

    Eine Diskussion von sexualisierter Gewalt ist aber auch davon abhängig, dass breite Teile der Bevölkerung das Problem wahrnehmen und medial darüber berichtet wird. Genau das wurde nun durch die #MeToo-Bewegung – und vorher im deutschsprachigen Raum schon durch #Aufschrei – ausgelöst. Eigentlich sollten ja alle darüber froh sein, wenn sich eine Diskussion entspinnt, in der Fragen zur Gewalt, zu den Geschlechterverhältnissen und zu Machtmissbrauch behandelt werden, und zwar auf breitestmöglicher Basis. Natürlich hat sich dabei aber ein Kampf um Diskurshoheit entwickelt, in dem eine Vielzahl von Personen mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Argumenten und Anliegen und von verschiedenen politischen Positionen aus ihre Stimme erheben. Es scheint manchmal so, als würde nun jede und jeder gerade auf das reagieren, was sie oder ihn an einem anderen Kommentar besonders aufregt – nicht untypisch für Online-Diskussionen.

    Was mich, neben wirklich groben und verächtlichmachenden Kommentaren, besonders irritiert, sind jene Beiträge, die den Berichtenden von Übergriffen das Wort verbieten wollen. Beispielsweise versuchen einige zu unterstellen, die politische Bewegung gegen sexuelle Gewalt würde ihr Gegenteil erreichen, weil sie Frauen auf die Opferrolle festlege. Abgesehen davon, dass bei Gewaltanwendung sehr wohl zwischen Täter und Opfer zu unterscheiden ist, erheben sich jene, die Übergriffe benennen, ja gerade aus dem Opferstatus. Denn Frauen, die von Übergriffen berichten, haben ja keinen Vorteil daraus – vielmehr immer noch ein Risiko.

    "Horrorszenario" Flirt-Verbot

    Weitere Strategien, die kritischen Stimmen zu entkräften, sind etwa, den Posterinnen etwas zu unterstellen oder "Horrorszenarien" aus diesen abzuleiten. So war es etwa im Kommentar der anderen von Katharina Braun der Fall. Die Vielzahl der Vorfälle – von "nur" Übergriffen bis zu massiver physischer und psychischer Gewalt von Männern an Frauen – mag ja manchen nahelegen, dass Männer prinzipiell unter Generalverdacht zu stellen wären – nicht ganz abwegig. Daraus konstruiert Braun (und viele andere) eine an den Haaren herbeigezogene "Gefahr" – dass Männer nicht mehr flirten würden –, um damit den Menschen, die unter dem Hashtag #MeToo von sexualisierten Übergriffen und Gewalt berichten, den Mund verbieten zu wollen.

    Der Text widerspricht damit seinen salbungsvollen Schlussworten: "Im Sinne des Humanismus sollten wir Geschlechter gemeinsam dafür sorgen, dass Diskriminierung und Gewalt keinen Raum bekommt. Egal ob gegen Frau oder Mann." Ganz im Gegenteil verharmlost der Text Übergriffe, wenn er einen "fließenden Übergang" zwischen Flirten und Belästigung – als "unmoralische Angebote" bezeichnet – annimmt und Frauen die Schuld an männlichen Übergriffen zuschiebt.

    Akzentuierung von Gender

    Erfreulicherweise scheint aber nun ein Damm gebrochen zu sein. Täglich erfahren wir von weiteren Beispielen männlicher Gewalt gegen Frauen (und Männer), nicht nur in Gazetten. Ich hoffe, der/die STANDARD und andere Medien berichten weiter darüber. Meine Hoffnung geht aber natürlich noch weiter, nämlich dahin, dass Gewalt in unseren Gesellschaften noch mehr geächtet und geahndet wird. Mehr noch aber, dass ihr der Boden entzogen wird.

    Neben politischen und ökonomischen Faktoren bestünde im Bereich des Diskurses der Weg dorthin meiner Ansicht nach in einer Akzentuierung von Gender: Es müssten Männerbilder verändert werden, die viel zu oft und viel zu sehr auf Macht und Gewalt gründen. Und das muss gerade auch durch Männer geschehen. Einen schönen Ansatz dazu gibt der 18-minütige Ted-Talk von Jackson Katz, "Gewalt gegen Frauen – ein Männerproblem". Übrigens haben Männer dabei immer etwas zu gewinnen. Zum Beispiel die Chance auf gleichberechtigten und dadurch viel spannenderen Flirt. Mit Debatten wie #MeToo sind wir auf dem richtigen Weg. (Klaus Rieser, 17.11.2017)

    Klaus Rieser ist außerordentlicher Professor am Institut für Amerikanistik der Universität Graz. Er hat sich intensiv mit Genderfragen beschäftigt, etwa in "Borderlines and Passages: Liminal Masculinities in Film" (Die Blaue Eule 2006). Derzeit forscht er unter anderem zur Repräsentation von Familien unter besonderer Berücksichtigung der Beziehung zwischen Töchtern und Vätern.

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