Ökonom: "Kinder machen nicht glücklicher"

Interview17. November 2017, 08:00
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Allzu oft hängt unser Wohlbefinden von anderen ab. Andrew Oswald erklärt, wie uns der Herdentrieb schadet und warum wir nicht über Geld reden sollten

Seit Jahrzehnten geht der britische Wirtschaftswissenschafter Andrew Oswald der Frage nach, was uns eigentlich glücklich macht. Allzu oft messen wir uns an unseren Mitmenschen. Das kann so weit gehen, dass man anderen schadet, ohne selber davon zu profitieren. Dabei sind in glücklichen Gesellschaften die besten Dinge im Leben oft für viele vorhanden: Sicherheit, ein guter Arbeitsmarkt und eine schöne Umwelt. Außerdem verrät der Forscher, welche Geldsumme eine gute Ehe wert ist.

STANDARD: Sie sind Ökonom, warum forschen Sie über Glück?

Oswald: Viele verblüfft das. Aber logisch betrachtet hat die Ökonomie das Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern. Das hat auch mich motiviert. Anfang der Neunziger entdeckte ich, dass es für die USA und Großbritannien einen Datenschatz aus Umfragen zum Wohlbefinden der Bevölkerung gibt. Darin suchte ich Muster.

STANDARD: Wie messen Sie Glück?

Oswald: Menschen wissen selber am besten, wie es ihnen geht. Wir haben Datensätze mit Millionen von Angaben. Teilweise ergeben sich daraus globale Regelmäßigkeiten, die sich auch überprüfen lassen.

STANDARD: Was hat Sie dabei überrascht?

Oswald: Kinder machen einen nicht glücklicher. Im ersten halben Jahr schon, danach sind Eltern sogar unglücklicher als Kinderlose. Im Verlauf der Zeit gleicht man sich wieder an. Mit der Erkenntnis habe ich viele verärgert. Persönlich kann ich jedem empfehlen, eine Tochter zu haben. Aber als Wissenschafter kann ich nicht sagen, dass Sie das glücklicher macht.

STANDARD: Hängt das mit der Midlife-Crisis zusammen?

Oswald: Nein. Wir haben mittlerweile sehr viel Evidenz – entgegen der traditionellen Annahme in der Psychologie –, dass es tatsächlich eine Midlife-Crisis gibt. Sie tritt bei Eltern wie Kinderlosen auf. Menschen sind in ihren Dreißigern weniger glücklich, als sie es mit 20 waren oder mit 60 sein werden. Das Phänomen ist das gleiche auf der ganzen Welt. Sogar Schimpansen erleben das. In der mittleren Lebensphase werden auch die meisten Antidepressiva genommen.

STANDARD: Und positive Überraschungen?

Oswald: Je mehr Obst und Gemüse man isst, desto glücklicher ist man – bis zu neun Portionen. Fisch hilft auch, Fleisch ist egal. Alkohol macht auch glücklich, aber nur bis zu einer bestimmen Menge.

foto: dpa / gero brelore
Obst und Gemüse ist nicht nur gesund, es macht auch glücklich, sagt Andrew Oswald.

STANDARD: Sie haben viel zum Herdentrieb geforscht. Ist der Mensch nur in der Gruppe glücklich?

Oswald: Wir müssen uns immer mit anderen vergleichen. Glück ist meist relativ, das ist wie ein Fluch unseres Daseins. Gerangel um die bessere Position ist im Tierreich weit verbreitet und hängt mit dem Schutz vor Gefahren zusammen. Wenn ein Wolf auf eine Schafherde trifft, überlebt nicht das Tier, das davonläuft, sondern jenes, das sich hinter einem Mitglied der Herde versteckt. Instinktiv sind Menschen auch stets im Wettbewerb um die bessere Position, nicht um das absolut beste Ergebnis.

STANDARD: Ein Nullsummenspiel?

Oswald: Ja. Daher ist das Glücksniveau im Zeitverlauf ziemlich konstant. Der Wasserspiegel hebt alle gleich an, Boote werden zu Yachten, aber ich bin immer noch neidisch auf die Superyacht meines Nachbarn.

STANDARD: Kann das der Gesellschaft schaden?

Oswald: Etwa bei der Entstehung von Finanzblasen. Börsenhändler werden nach ihrer relativen Position belohnt. Das ist ein starker Anreiz, sich anderen anzuschließen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Wenn einige in hypothekenbesicherte Wertpapiere gehen, müssen alle mit. Ob das Produkt eine solide Investition darstellt, ist zweitrangig. Wenn dann Kunden Verluste erleiden, macht es nichts, weil es allen so geht. Dann war "der Markt" schuld.

STANDARD: Lassen sich die Erkenntnisse auf die Politik übertragen?

Oswald: Wirtschaftswachstum an sich macht ein Land nicht glücklicher, egal was der Finanzminister sagt. Manche Glücksfaktoren funktionieren aber anders als Einkommen und Status. Sicherheit, gute Luft und schöne Landschaften machen alle glücklicher. Die Politik kann dazu beitragen, dass sich Wachstum darin niederschlägt.

STANDARD: Gibt es auch den Anreiz, sich relativ besserzustellen, indem man anderen schadet?

Oswald: Das kommt vor. Wir haben einmal Studienteilnehmer für diverse kleine Aufgaben entlohnt. Danach haben wir ihnen angeboten, rund 30 Cent zu zahlen, um die Gesamteinkommen der anderen um zwei Euro zu senken. Sehr viele haben das gemacht. Das Ganze lief anonym ab. Für uns war es letztendlich ein billiges Experiment.

STANDARD: Wie wirkt sich Einkommensungleichheit aus?

Oswald: Kurz gesagt: Einkommensungleichheit hat kaum Einfluss auf das nationale Glücksniveau. Menschen wollen natürlich immer weiter oben auf der Statusleiter stehen. Aber das hat nichts mit dem Ausmaß der Ungleichheit zu tun. Das wird oft zu Unrecht mit der Armutsdiskussion vermengt.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Oswald: Stellen Sie sich vor, man würde von heute auf morgen die reichsten zehn Prozent der Österreicher samt ihrem Vermögen auf ein Schiff setzen und im Atlantik versenken. Die Ungleichheit wäre niedriger, aber die Armen wären gleich arm, der Durchschnittsbürger nicht glücklicher. Wir sollten uns auf die Armen konzentrieren.

STANDARD: Sind manche Länder glücklicher als andere?

Oswald: Generell machen Reichtum, Demokratie, ein gutes Sozialsystem und eine schöne Umwelt glücklicher. Vieles verstehen wir aber noch nicht. Am glücklichsten sind laut Umfragen meistens die Dänen, Schweizer und Holländer. Österreich steht vermutlich auch gut da. Unter den reichen Ländern schneidet Frankreich überraschend schlecht ab, auch Italien.

foto: reuters / scanpix denmark
Skandinavier zählen zu den glücklichsten Menschen der Welt. Die Dänen demonstrieren ihre Freude auch beim Weihnachtsmannkongress in Kopenhagen.

STANDARD: Gibt es ein Glücksgen?

Oswald: Wir haben tatsächlich Glücksfaktoren im Erbgut identifiziert. Der Unterschied zwischen Dänen und Franzosen könnte zum Teil darauf zurückgehen. Südeuropäer haben demnach am wenigsten Glücksgene.

STANDARD: Jüngst haben Sie über Jobzufriedenheit geforscht. Was macht Arbeiter glücklich?

Oswald: Der Chef. Und in erster Linie dessen Kompetenz. Wir haben Angestellte gefragt, ob ihr Vorgesetzter im Notfall ihre Aufgaben übernehmen könnte. Wenn sie das bejahen, sind sie meist auch glücklicher mit ihrem Job.

STANDARD: Was spielt keine Rolle?

Oswald: Der Bildungsgrad. Aber Überqualifizierung macht unglücklich.

STANDARD: Laut Ihren Auswertungen spielt die Höhe des Einkommens eine untergeordnete Rolle für die Berufswahl. Wie passt das zum Statusdenken?

Oswald: Andere Faktoren wie Sicherheit, Interesse und Autonomie sind wichtiger, das Einkommen spielt schon auch eine Rolle, aber eben das relative Einkommen.

STANDARD: Sollten Einkommen offengelegt werden, wie es im Zusammenhang mit dem Gender-Pay-Gap diskutiert wird?

Oswald: Ich bin da skeptisch. An einer staatlichen Uni in Kalifornien sind alle Gehälter öffentlich. Nur wusste das praktisch niemand. Forscher haben Gehaltslisten an die Hälfte der Mitarbeiter geschickt, die andere Hälfte diente als Kontrollgruppe. Später erhoben sie die Jobzufriedenheit. Die Gutbezahlten wurden durch die Bestätigung ihrer Position nicht zufriedener. Umgekehrt sank das Wohlbefinden bei den schlechter Entlohnten, und auch die Kündigungen stiegen deutlich. Aber der Pay-Gap würde sich etwas schließen. Ein zweischneidiges Schwert.

STANDARD: Die Engländer sagen ja: "It is better to have loved and lost than never to have loved at all." Stimmt das?

Oswald: Das ist eine schwierige Frage. Wir haben festgestellt, das Menschen, deren Partner verstorben ist, den Verlust nach circa drei bis vier Jahren überwunden haben, was ihr Glückslevel betrifft. Das gelingt vor allem mit neuer Liebe. Wir haben auch berechnet, dass eine gute Ehe so viel zusätzliches Glück bringt wie 100.000 Euro jährlich.

STANDARD: Sind eigentlich Glücksforscher glücklicher?

Oswald: Ich mache das, weil ich es faszinierend finde. Was könnte lohnenswerter sein, als über das Glück der Menschen zu forschen? Aber ich habe auch mein Leben an Forschungsergebnisse angepasst.

STANDARD: Zum Beispiel?

Oswald: Ich esse zu jeder Mahlzeit Obst. (Leopold Stefan, 17.11.2017)

Andrew Oswald (63) ist Professor für Ökonomie und Verhaltenswissenschaften an der Universität Warwick in England.

  • Laut Glücksforscher Andrew Oswald unterschätzen Eltern, wie ihr Leben ohne Nachwuchs wäre.
    foto: istock

    Laut Glücksforscher Andrew Oswald unterschätzen Eltern, wie ihr Leben ohne Nachwuchs wäre.

  • "Ein kompetenter Chef ist das Wichtigste". Andrew Oswald sprach in Wien auf Einladung des Vienna Behavioral Economics Network über Zufriedenheit im Job.
    foto: vben/apa

    "Ein kompetenter Chef ist das Wichtigste". Andrew Oswald sprach in Wien auf Einladung des Vienna Behavioral Economics Network über Zufriedenheit im Job.

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