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Reportage28. November 2017, 15:00

Das Leben, wie es war, hat es gut gemeint mit Rosit Nasiwa Katuma. Jammern ist ihre Sache nicht. Ihr Schicksal zu beklagen kommt der 54-Jährigen nicht in den Sinn. Sie war lange glücklich, sagt sie. Und wischt sich dann doch mit dem Ärmel ihrer schwarzen Bluse eine Träne aus dem Gesicht. Sechs Kinder hat sie auf die Welt gebracht. Ganz so, wie es der Statistik zufolge eine Frau in Uganda eben tut. Der Familie ging es gut. Bis zu jenem Tag, an dem ihr Mann sie vom Hof jagt. Und sie plötzlich ohne Arbeit dasteht. Bis er das gemeinsame Haus am Rande Kampalas verkauft. Und erklärt, sie nicht mehr zu kennen.

foto: ada
Frauen zu ihrem Recht verhelfen: Anwältin Nakaayi (links) mit ihrer Klientin Katuma.

In Österreich: ein Fall für Recht- und Sozialstaat. In Uganda: ein Todesurteil. Die Polizei? Lacht sie aus. Das Gericht? Verlangt Geld. Geld, das Katuma nicht hat. Woher auch, stehen Frauen wie sie in dem ostafrikanischen Land ökonomisch doch unter der Kuratel des Mannes. Als ihr Mann beschließt, eine andere Frau zu heiraten und von dem Geld, das ihm das Haus einbrachte, ein Auto zu kaufen, steht Katuma vor dem Nichts.

Und mit ihr sechs Kinder, die jüngste 19, die anderen Anfang bis Mitte zwanzig. Als zwei davon der großen Not wegen beginnen, sich zu prostituieren, bricht das Leben der kleinen Frau, die älter aussieht, als sie ist, vollends zusammen. Ihr Mann, mit dem sie dreißig Jahre lang zusammengelebt hat, will sie mit einem Brosamen abspeisen. Schließlich, lässt er sie wieder und wieder wissen, seien sie in Wahrheit gar nie verheiratet gewesen.

Uganda liegt am Äquator in Ostafrika.

Es sind Geschichten wie diese, die Gloria Nakaayi (31) anspornten, Anwältin zu werden. Allem Gegenwind, der Frauen in der patriarchalen Gesellschaft Ugandas entgegenbläst, zum Trotz. "Jeden Tag kommen Frauen zu uns, die von ihrem Mann auf die Straße gesetzt wurden und die sich nicht mehr zu helfen wissen", sagt sie. Bis zu vier Jahre dauern Prozesse um Unterhalt und Scheidung vor einem ugandischen Gericht. In ein funktionierendes Rechtswesen kann oder will der marode Staat nicht investieren. Wirtschaftswachstum und Infrastruktur, aktuell konkret der Rohstoffsektor, sind für die Regierung von Langzeitpräsident Yoweri Moseveni prioritär.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie das Anwaltsnetzwerk Fida, ursprünglich aus Lateinamerika und seit 1974 in Uganda, müssen diese Lücke füllen. 60 Anwältinnen beraten in dem 42-Millionen-Einwohnerland am Äquator Frauen, die sich sonst keine juristische Hilfe leisten können. Die Hälfte davon in der Hauptstadt Kampala. 5.577 Frauen haben 2017 bei Gloria Nakaayi und ihren Kolleginnen Schutz und Hilfe gesucht. Ein Viertel mehr als im Vorjahr. Die meisten davon – so wie Rosit Nasiwa Katuma – wegen Streits um Unterhalt, Erb- und Landfragen sowie wegen häuslicher Gewalt.

foto: ada
Dass Mediation kein Randthema in Ugandas Justizsystem ist, beweist ein Plakat, das in einem Gericht in der Provinz Arua an der Wand prangt.

Österreich hilft

Das Geld dafür kommt überwiegend aus dem Ausland. Seit den Neunzigerjahren auch aus Österreich. Zwei Millionen Euro heimischen Steuergelds fließen über die Austrian Development Agency (ADA) jedes Jahr in die Stärkung des ugandischen Rechtswesens – insgesamt werden fast zehn Millionen Euro an österreichischer Entwicklungshilfe in dem ostafrikanischen Land investiert, ein Teil davon kommt den Frauenrechtlerinnen von Fida zugute. Die existierenden staatlichen Strukturen sollen so effizient wie möglich unterstützt werden, damit die Rechte aller Bürger gewahrt werden, heißt es. Konkret betroffen: vor allem Frauen.

"Wenn Recht und Ordnung in einem Staat nicht zur Zufriedenheit der Bevölkerung gewährleistet sind, dann ist auch jede wirtschaftliche Entwicklung gefährdet", umreißt Günter Engelits (53), ADA-Büroleiter in Kampala, seine – neben der Flüchtlingshilfe im Norden Ugandas – wichtigste Mission. Dass aus der unsicheren Situation der Frauen nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein wirtschaftliches Problem erwächst, ist inzwischen auch zu Ugandas Regierung durchgedrungen. Gewalt gegen Frauen sei eines der größten Hemmnisse für die Entwicklung, erklärte Frauenstaatssekretärin Peace Mutuzo unlängst. Seit 2008 arbeitet die Regierung zusammen mit der Uno an einem Programm, das die Gesetzgebung sensibler für das Thema Frauenrechte machen soll.

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Was genau bringt Entwicklungshilfe in Uganda eigentlich uns Österreichern, Herr Engelits?

"Frauen tragen die Hauptlast"

Bislang freilich ohne durchschlagenden Erfolg. "Solange keine Gewalt im Spiel ist, ziehen die meisten Frauen Mediation einem Gerichtsprozess vor", sagt Irene Ovongi Odida (53), die den sechzig Fida-Anwältinnen in dreizehn Büros im ganzen Land vorsteht. Viele ihrer Klientinnen, sagt sie, hätten das Vertrauen in den Rechtsstaat ohnehin längst verloren. Außergerichtliche Vermittlung entlastet aber auch das chronisch überlastete und korruptionsanfällige Justizsystem. "Immer wenn in Uganda staatliche Dienstleistungen versagen, tragen Frauen die Hauptlast. Zum Beispiel ist es hier normal, dass man als Kranker seine Frau, Schwester oder Mutter ins Krankenhaus mitnimmt, weil es nicht genügend Krankenschwestern gibt."

Fida-Chefin Ovongi Odida, Tochter eines ehemaligen Ministers von Diktator Idi Amin und späteren Dissidenten, setzt sich auch für politische Reformen in Uganda ein.

Im Fall von Rosit Nasiwa Katuma trug die Mediation Früchte. Anwältin Nakaayi lud deren Ex-Mann zu einer Aussprache in die Fida-Kanzlei im Zentrum Kampalas. In ihrem Elternhaus stieß Katuma auf Fotografien, die die – traditionelle, nicht jedoch staatlich beglaubigte – Hochzeit belegten und die Behauptungen ihres renitenten Ex-Mannes widerlegten.

foto: ada
In den vier Beratungszimmern des Fida-Büros in Kampala herrscht an Montagen Hochbetrieb.

Anstatt der geforderten zwanzig Millionen Ugandischer Schilling (umgerechnet etwa 4.700 Euro) erhielt sie schließlich fünfzehn Millionen, ein Kompromiss, genug jedoch, um ein kleines Stück Land zu kaufen und dort Gemüse anzubauen. Ihr Mann, ein Beamter, hatte ihr vor der Fida-Intervention lediglich fünf Millionen, also knapp 1.200 Euro, geboten. Ihre Töchter konnte sie vor der Sexarbeit bewahren. Inzwischen hat Rosit Nasiwa Katuma Arbeit gefunden und jobbt als Hausmeisterin in einer Schule. "Ohne die Hilfe von Fida hätte ich längst aufgegeben", sagt sie. (Florian Niederndorfer aus Kampala, 28.11.2017)

Die Reise nach Uganda wurde teilweise von der Austrian Development Agency finanziert.