"Pinocchio": Marionetten, Kinder und nichts als die Wahrheit

    Gespräch16. November 2017, 15:40
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    Regisseur Philipp M. Krenn über die Oper, die am 19. November an der Volksoper Premiere hat

    Wien – Es ist knapp vor neun, der Frühverkehr beim Bühnendrehtürl der Volksoper ist überschaubar, die Kantine offeriert am Aushang gebackenen Fisch und Germknödel. Als erste Überlegungen zum Menü keimen, wirbelt auch schon Philipp M. Krenn heran und führt einen fröhlich plaudernd in den Publikumsraum.

    Erste Frage am leeren Regiepult: Wer ist Pinocchio? Eine literarische Figur, die vor langer Zeit erfunden wurde, um den Kindern Italiens das Lügen zu vergällen? Krenn, der Pierangelo Valtinonis Oper (nach Carlo Collodis Kindergeschichte) Sonntag an der Volksoper inszeniert, sieht die Prioritäten der Geschichte woanders: "Für mich ist Pinocchio ein Kind, das sehr viel Energie hat und alles ausprobieren muss. Dabei verbrennt er sich manchmal die Finger. Aber er ist so ein Kind, das auf die Herdplatte greifen muss, um zu begreifen, dass sie heiß ist!"

    Der Weg Pinocchios Richtung Erwachsenwerden – und darum gehe es bei dieser Geschichte letzten Endes – sei ein Weg vom Ich zum Wir, von der Selbstbezogenheit zur Verantwortung für etwas Größeres.

    Parallelen zu sich selbst

    Aber man dürfe nicht nur auf die Hauptfigur schauen, so Krenn, interessant sei auch Geppetto. "Von ihm heißt es zu Beginn immer nur: Sei brav, mach deinen Papa glücklich. Das funktioniert, solange Pinocchio noch eine Marionette ist. Sobald er aber zum Leben erwacht, funktioniert er nicht mehr nur so, wie Geppetto es will." Hier habe er Parallelen zu sich selbst entdeckt, gesteht Krenn. Solange seine Kinder das tun würden, was er ihnen sagt, solange sie sich sozusagen wie Marionetten verhalten, sei alles gut. Aber sobald ein Kind selbstständig würde und einen eigenen Willen entwickle, komme der Erwachsene nicht mehr klar damit.

    Es sei seine Absicht gewesen, gemeinsam mit den (mehr als 40) mitwirkenden Kindern und Jugendlichen einen eigenen Pinocchio zu machen, so der Regisseur. So hätten sie sich gefragt, warum Pinocchio, der ja nicht blöd sei, auf Fuchs und Kater hineinfalle. Die Volksopernerklärung: da die zwei cool sind, da sie skaten, sprayen und Energydrinks trinken. Im paradiesischen Spielland können die Kinder den ganzen Tag Popcorn futtern und instagrammen. "Dagegen hat die Fee keine Chance", so Krenn, "die wird da einfach rausgestampert."

    Eine Art Making-of

    Paolo Madrons Libretto umschließt den bekannten Handlungsgang mit einem Prolog und einem Epilog, Krenn hat dies zum Anlass genommen, eine Art Making-of der Oper zu zeigen: Man wird sehen, wie aus einem leeren Raum ein Bühnenraum wird. Man wird die Technik sehen und die Maskenbildner: wie die Geschichte, wie Pinocchio gemacht wird.

    Krenn war als Kind Solist bei den Sängerknaben: Ist das nicht das komplette Gegenprogramm zu einer Pinocchio-Welt? "Es stimmt schon, der Tagesablauf war klar strukturiert." Aber er sei in dieser streng reglementierten Welt ein kleiner Pinocchio gewesen, gesteht der immer noch Quirlige: "Ich war sehr schwer zu führen, musste oft raus ... Gerald Wirth war mein Kapellmeister, und er war damals schon großartig. Er hat den schwierigen Kindern ihren Pinocchio gelassen, aber er konnte sie auch für die Sache begeistern."

    Anfang war holprig

    Abstand von der Musik hat Krenn trotzdem gebraucht: Nach der Matura studierte er an der Technik-Uni. Dann hat es ihn aber doch wieder auf die Bühne gezogen: zuerst zum Schauspiel, dann hat er bei Sven-Eric Bechtolf, Alvis Hermanis, Damiano Michieletto und Robert Carsen assistiert.

    Der Anfang seiner Regielaufbahn sei holprig gewesen, im Moment ist Krenn aber zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Der Wiener hat gerade in Wiesbaden erfolgreich Brittens Peter Grimes inszeniert und ist gut gebucht. Natürlich müsse er sich dennoch mit jeder Inszenierung beweisen: "Man muss kämpfen. Es wird einem nichts geschenkt."

    Scherzfrage zum Schluss: Waren alle Antworten wahr, oder hat Krenn ab und zu geflunkert? Der Regisseur stutzt, lacht und versichert: alles wahr! Und fasst zur Sicherheit an seine Nase: keine Veränderungen feststellbar. (Stefan Ender, 17.11.2017)

    19. 11. Volksoper, 18.00

    • Inszeniert in Wien:  Regisseur Philipp Krenn.
      foto: hirsch

      Inszeniert in Wien: Regisseur Philipp Krenn.

    • Juliette Khalil spielt Pinocchio an der Volksoper.
      foto: johannes ifkovits

      Juliette Khalil spielt Pinocchio an der Volksoper.

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