Oberrabbiner Folger: "Da ist doch etwas krank"

Interview16. November 2017, 17:28
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Oberrabbiner Arie Folger bereiten die blauen Burschenschafter Sorgen. Übertreiben will er die Angst vor einer FPÖ-Regierungsbeteiligung aber nicht. Vielmehr stört ihn der Hass, der Wähler antreibt

STANDARD: Die Freiheitlichen stehen kurz vor einer Regierungsbeteiligung. Machen Sie sich deshalb Sorgen?

Folger: Dass eine Partei wie die FPÖ Teil der Regierung wird, obwohl sie die Vergangenheit nicht aufgearbeitet hat, ist besorgniserregend. Was sagt das über unser Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten? Was bedeutet das für den Umgang mit aktivem und latentem Antisemitismus, mit Xenophobie und über die Verteidigung der Grundrechte? Die FPÖ muss vieles aufarbeiten, bevor sie glaubwürdig wird. Dass so viele deutschnationale Burschenschafter jetzt ins Parlament eingezogen sind, erfüllt viele Mitglieder unserer Gemeinde mit Sorgen. Aber wir haben nicht das Jahr 1933 – also übertreiben wir es auch nicht. Ich habe großes Vertrauen in den österreichischen Rechtsstaat und seine Institutionen. Es gibt aber wichtige Kritikpunkte bei bestimmten Vertretern der FPÖ – das geht bis ganz oben.

STANDARD: Wen meinen Sie damit?

Folger: Eben die Burschenschafter. Sie haben nicht nur die Vergangenheit nicht aufgearbeitet. Es ist schlimmer, wenn man die offen deutschnationale Olympia betrachtet. Deren Ansichten sind problematisch, aber viele Wähler wissen das nicht oder sind sich der Gefahr der Ideologie nicht bewusst.

STANDARD: Kultusgemeinde-Präsident Oskar Deutsch warnte drastisch vor der FPÖ. Was folgte, war ein antisemitischer Shitstorm ...

Folger: ... den ich mitbekommen habe. Wenn ein gewählter Vertreter einer Religionsgemeinschaft aus nachvollziehbaren Gründen sich gegen eine Koalition mit der FPÖ ausspricht, und es gibt derartige Reaktionen, dann ist das alarmierend. Es geht hier nicht mehr um Meinungsverschiedenheiten, es geht um Hass. Diese Poster wählen die FPÖ offenbar nicht nur, weil sie eine restriktivere Migrationspolitik haben oder den Wohlfahrtsstaat zurückfahren wollen, sondern aus Hass auf Andersdenkende.

STANDARD: Seit Sie 2016 nach Österreich kamen, haben Sie zwei emotionale Wahlkämpfe miterlebt.

Folger: Ich sehe eine wachsende Polarisierung, die sich durch die sozialen Medien verschärft. Heute kann jeder ein Nachrichtenmacher sein. Jeder, der es schafft, 25 Likes zu bekommen, fühlt sich schon als politischer Kommentator. Und es gilt: "Ich höre die Nachrichten, wie ich sie gerne hören möchte." Dadurch gibt es einen immer enger werdenden Blick. Differenzierte Meinungen bringen keine Emotionen, keine Klicks. Ein wichtiger Grund dafür ist auch: Uns geht es gut. Wir können es uns leisten, individualistisch zu sein.

STANDARD: Viele jüdische Bürger haben Angst vor einem importierten Antisemitismus, wenn mehr Flüchtlinge aus arabischen Ländern kommen.

Folger: Leider mit Recht! Leider gibt es viel zu viele Menschen, die antisemitische Vorurteile in sich tragen. Den Antisemitismus gibt es überall – bei Neuzuwanderern und Alteingesessenen, bei Rechten und Linken. Was sind die Gründe dafür? Einmal heißt es, die Juden sind reich, dann sind sie arm. Sie sind fleißig, dann sind sie faul. Das Einzige, was all diese Manifestationen gemeinsam haben: Sie sind antisemitisch. Wenn es also keine Erklärung dafür gibt, dann stellen wir uns doch endlich der Wahrheit: Die Juden haben am Antisemitismus keine Schuld. Viel eher ist er eine gesellschaftliche Krankheit. Schauen Sie sich die religiös motivierten Hasstaten an. In Ländern, in denen die jüdische Bevölkerung gerade einmal ein Prozent oder noch viel weniger ausmacht, betreffen diese Taten sogar zur Hälfte Juden. Da ist doch etwas krank!

STANDARD: Spüren Sie den Hass im Alltag?

Folger: Nein. Man erkennt mich auf tausend Meter als Jude. Ich laufe überall in Europa so herum. Aber Rufe oder Gebärden gegen mich erlebe ich kaum. Das heißt nicht, dass es keinen Antisemitismus mehr gibt, sondern dass er heutzutage anders auftritt: Gewalt, Schmierereien oder Vandalismus und nicht zuletzt Terrorismus.

STANDARD: Sie beklagen aber viele Vorurteile gegenüber religiös praktizierenden Menschen aller Konfessionen.

Folger: Zuletzt gab es eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg, wonach eine Arbeitnehmerin kein Recht hat, bei der Arbeit ein Kopftuch zu tragen. Damit sagt man: Sie können nicht jeden Job ausüben, wenn Sie Ihre Religion ernst nehmen. Es gilt, zwischen Religion und Wirtschaft zu wählen. Das ist doch eine Katastrophe! Ein Verwandter von mir hat in Frankreich studiert. Eine Prüfung fiel auf den Samstag, den Sabbat. Die Uni war nicht bereit, eine Alternative anzubieten. So hat er damals ein Semester verloren. In solchen Fällen verhält sich der Staat nicht neutral, sondern militant säkular.

STANDARD: Ist in Europa die Religionsfreiheit eingeschränkt?

Folger: Ja. Manchmal merken wir es gar nicht, weil die Menschen, die diese Entscheidungen treffen, selbst keine Religion praktizieren. Ein säkulares Gremium sagt, was eine Religion ihren Anhänger vorgeben darf – etwa ob ein Kopftuch für Muslime unentbehrlich ist. Das soll nicht der Staat entscheiden. Das ist problematisch und entspricht nicht der Religionsfreiheit.

STANDARD: In Österreich stehen gerade die konfessionellen Kindergärten in der Kritik - also die muslimischen Betreuungseinrichtungen. Verstehen Sie die Skepsis?

Folger: Wir machen hier einen Riesenfehler. Die Menschen, die sich Sorgen um die Integration von Muslimen machen und deswegen gegen konfessionelle Kindergärten sind, irren sich. Denn was wird geschehen? Der Religionsunterricht wird in den Untergrund verschoben. Derzeit hat der Staat etwa über Subventionen noch die Möglichkeit mitzureden. Wenn wir das nicht mehr haben, verliert der Staat die Kontrolle. Das Problem existiert bereits in vielen Ländern.

STANDARD: Derzeit lautet aber die Kritik, dass der Staat zu wenig kontrolliert hat.

Folger: Der Staat soll darauf achten. Es gibt Fälle, wo Hass unterrichtet wurde und der Staat nicht eingegriffen hat. Man kann aber nicht das kontrollieren, was im Privatbereich passiert. In Österreich ist das doch gut geregelt. Es gibt konfessionelle Schulen, aber der Stadtschulrat hat Einfluss, und es gibt einen vorgeschriebenen Lehrplan.

STANDARD: Ein Kritikpunkt ist auch, dass so Muslime immer unter sich bleiben. Ist es nicht auch eine Frage der Integration?

Folger: Wenn Sie eine Minderheit sind wie wir Juden, dann gibt es sehr viel Einfluss von außen. Wir haben das Recht, unsere Identität weiterzugeben. Dazu müssen wir sie aber stärken. Diese Identität wird in der Kindheit geformt. Das ist wichtig, um zu wissen, wer ich bin und wohin ich gehöre.

STANDARD: Das sollte doch kein Widerspruch sein: Identität stärken, Integration fördern.

Folger: Das stimmt. Aber es hängt davon ab, wie wir Integration definieren. Aus jüdischer Sicht ist es wichtig, dass Familien sich formen, bei denen beide Eltern jüdisch sind. Natürlich existieren interkonfessionelle Ehen, in denen Kinder bewusst jüdisch aufwachsen. Dennoch ist das jüdische Selbstverständnis der Kinder wesentlich stärker, wenn beide Eltern jüdisch sind. Es reicht ja nicht zu sagen "Ich bin Jude". Unentbehrlich ist, dass die Identität ihnen genug bedeutet, damit sie ihr Leben prägt und sie diese der nächsten Generation vermitteln.

STANDARD: Eine Frage der Integration ist ja auch das Handreichen. Sie selbst ziehen es vor, Frauen nicht die Hand zu geben.

Folger: Daraus wird eine zu große Geschichte gemacht. Es gibt Länder in Asien, da gilt das Reichen der Hand fast als Beleidigung. Ob jemand einer Person des anderen Geschlechts die Hand schüttelt, ist eigentlich nicht wesentlich, solange klar ist, dass er Frauen nicht missachtet. Missachtung von Frauen ist jedoch ein schlimmes Problem. Meine Frau und ich geben bevorzugt jemandem des anderen Geschlechts nicht die Hand, reichen jedoch die Hand unserer Herzen. Aber jede Hand, die mir ausgestreckt wird, erwidere ich. Das ist mein Kompromiss zwischen den Kulturen. (Marie-Theres Egyed, Peter Mayr, 17.11.2017)

Arie Folger, 1973 in Antwerpen (Belgien) geboren, ist seit 2016 Oberrabbiner in Wien. Davor war er auch in Basel, München und Frankfurt tätig.

  • Frauen die Hand geben als Zeichen der Integration? Wiens Oberrabbiner Arie Folger findet, dass "daraus eine zu große Geschichte gemacht wird".
    foto: der standard/newald

    Frauen die Hand geben als Zeichen der Integration? Wiens Oberrabbiner Arie Folger findet, dass "daraus eine zu große Geschichte gemacht wird".

  • "Dass so viele deutschnationale Burschenschafter jetzt ins Parlament eingezogen sind, erfüllt viele Mitglieder unserer Gemeinde mit Sorgen. Aber wir haben nicht das Jahr 1933 – also übertreiben wir es auch nicht."
    foto: der standard/newald

    "Dass so viele deutschnationale Burschenschafter jetzt ins Parlament eingezogen sind, erfüllt viele Mitglieder unserer Gemeinde mit Sorgen. Aber wir haben nicht das Jahr 1933 – also übertreiben wir es auch nicht."

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