Autorin Ramadani: Kopftuch und Feminismus passen nicht zusammen

    Interview26. Dezember 2017, 12:00
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    Die Autorin und Mitbegründerin von Femen Deutschland über #MeToo, Islamismus und Genderfeminismus

    Zana Ramadani gilt als eine der pointiertesten und schärfsten Kritikerinnen des Islamismus in Deutschland. Mit dem STANDARD sprach die Buchautorin und ehemalige Femen-Aktivistin über Kopftücher, die #MeToo-Kampagne und "Genderfeministinnen".

    STANDARD: Vor Kurzem haben drei Meldungen mit Kopftuchbezug für heftige Diskussionen gesorgt: Die Einführung eines Kopftuch-Emojis auf Initiative einer saudischen Diplomatentochter wurde als Beitrag zur "Diversity" gefeiert, Mattel brachte eine Kopftuch-Barbie in der Serie "Sheroes" (Heldinnen) auf den Markt. Und beim Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft in England trug ein kleines Mädchen der Spielereskorte einen Hidschab zum DFB-Dress.

    Zana Ramadani: Durch die oberflächlich harmlosen Dinge wie die Kopftuch-Barbie und das Kopftuch-Emoji wird schon im ganz jungen Alter dieses Entweiblichungsmittel und Symbol des politischen Islam normalisiert. Die Mädchen werden schon an das konservative islamistische Frauenbild herangezogen, sodass sie später auch niemals eine freie Wahl haben. Sie werden dann natürlich das Kopftuch anlegen, weil sie es nicht anders kennen. Schließlich wollen sie eine gute, ehrbare Muslimin werden. Kann ein Mädchen oder eine Frau dann wirklich noch eine selbstbestimmte freie Entscheidung über sich und ihren Körper treffen? Ich bezweifle das.

    foto: jörg schulz

    STANDARD: Ist das islamische Kopftuch in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

    Ramadani: Nein, ist es nicht. Es wird nur derzeit versucht – von zwei bestimmten Seiten, und zwar der islamistischen und der pseudolinken –, uns das einzureden. Es wäre schlimm und verachtenswert, wenn die "Mitte" ein Symbol für den puren Sexismus, politischen Islam und Geschlechterapartheid tolerieren würde.

    STANDARD: Sie haben im April gemeinsam mit anderen einen offenen Brief an Österreichs Bundespräsidenten Alexander van der Bellen gerichtet, nachdem dieser vom Kopftuchtragen aus "Solidarität" gesprochen hatte. Titel Ihres Brief war "Wir müssen reden". Hat Van der Bellen mit Ihnen geredet?

    Ramadani: Nein. Bis dato hat Herr van der Bellen es nicht für nötig gehalten, sich mit diesem Brief und unseren Argumenten auseinanderzusetzen. Was sollte er auch darauf wirklich antworten? Entweder würde er sich und seine Gesinnung noch mehr entlarven, oder er müsste konsequenterweise handeln und einiges sofort in der Politik ändern.

    STANDARD: In einen Interview verglichen Sie das islamische Kopftuch mit den Springerstiefeln der Neonazis. Ist wirklich jeder Hidschab ein politisches Statement?

    Ramadani: Ja, ist er. Er steht ebenfalls für eine menschenverachtende Ideologie, für Geschlechterapartheid und damit auch für Sexismus sowie fundamentalistischen, politischen, konservativen Islam. Wenn wir jetzt von der Geschlechterapartheid und dem Entstehen des Hidschab zur Trennung zwischen ehrbaren Frauen und Sklavinnen absehen, müssen wir uns nur die letzten Jahrzehnte und die Entwicklung ab den 60er- und 70er-Jahren in den islamischen Ländern ansehen. Ab der Machtergreifung des politischen Islam und der Islamisten zum Beispiel im Iran, Irak, Afghanistan war das erste Anzeichen dafür die Verschleierung und dadurch die Verbannung des Weiblichen aus der Öffentlichkeit. Ein Blick auf die Türkei und die sich dort fast explosionsartig vermehrenden Kopftücher bestätigt ebenfalls, dass es ein Zeichen des fundamentalistischen politischen Islam ist. Überall dort, wo Islamisten an die Macht gekommen sind, führte die Verschleierung der Frauen zu ihrer zur Verbannung aus dem öffentlichen Raum.

    STANDARD: Die österreichische Bundesregierung hat im Herbst das "Antigesichtsverhüllungsgesetz" eingeführt. Zielrichtung war ein Burkaverbot, herausgekommen ist ein Gesetz, das die Polizei zwingt, gegen Personen mit Kostümen oder mit ins Gesicht gezogenen Schals vorzugehen. Warum fällt der Politik die Aussage so schwer, dass Verhüllungen, die Frauen diskriminieren, nicht zulässig sind?

    Ramadani: Dass das nötige Gesetz jetzt von ein paar Pseudolinken und Islamisten ins Lächerliche gezogen wird, war natürlich abzusehen. Jedoch gehört es zu unserer westlichen Kultur, natürlichen Kommunikation und Sicherheit, dass man dem Gegenüber immer ins Gesicht schauen kann. Ich halte die Polizei und den österreichischen Staat für so fähig, dass sie natürlich nicht jeden Menschen auf der Straße anhalten und bestrafen, der wetterbedingt draußen sich den Schal hochzieht und ihn dann im Innenbereich wieder runterzieht. Des Weiteren finde ich es wichtig, dass gerade dieses Symbol verboten wurde, das die völlige Entmenschlichung ausschließlich von Frauen darstellt. Sobald wir eine Entweiblichung und eine Entmenschlichung von Frauen erlauben, tragen wir die Schuld für eine Rückentwicklung unserer Gesellschaft.

    foto: martin lengemann / laif / picturedesk.com

    STANDARD: Sie haben sich selbst gegen die Unterdrückung in Ihrer muslimischen Familie aufgelehnt und sich von Ihrer Mutter emanzipiert. Viele muslimische Frauen schaffen diesen Schritt jedoch nicht. Was muss der Staat tun, um unterdrückten Frauen wirkungsvoll helfen zu können?

    Ramadani: Der Staat ist auf einem guten Weg. Der erste Schritt war das Verbot der Vollverschleierung. Aber nach meinem Geschmack ist das noch nicht genug. Es ist wichtig, Islamisten, deren Unterstützern und straffälligen Migranten klare Grenzen zu setzen. Zwang, Unterdrückung, die Misshandlung sowie sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigung von Mädchen und Frauen sind nicht nur inakzeptabel, sondern müssen auch folgenreiche Konsequenzen nach sich ziehen. Wer sich nicht daran hält, muss ohne Kulturrabatt bestraft werden. Im Gegenteil, wer seine Tat mit Religion entschuldigen und rechtfertigen will, sollte noch zusätzlich bestraft werden. Migranten, die ein Kapitalverbrechen begehen, sollten automatisch nach Verbüßung der Strafe abgeschoben werden. Wer das Gastrecht missbraucht, hat seinen Aufenthaltsstatus und Schutzstatus verwirkt. In der Schule sollten Gleichstellung, Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter in einer Art Feminismuskurs gelehrt werden. Ebenso, welche Rechte Mädchen und Frauen haben und dass sie nicht verpflichtet sind, Leid, Zwang, Unterdrückung und sexuelle Übergriffe zu ertragen. Schutzunterkünfte und Frauenhäuser müssen nötige Gelder für ihre Arbeit erhalten.

    STANDARD: In Wien wurde im September eine junge Afghanin von ihrem Bruder erstochen, weil sie gegen die Familie aufbegehrte und bei den Behörden Unterstützung suchte.

    Ramadani: Bei diesem Fall hat der Staat total versagt. Die Situation wurde von den Behörden nicht ernst genommen. Für mich tragen die Zuständigen eine Mitschuld und sollten ebenfalls Konsequenzen tragen. Ich stelle mir gerade die Frage, ob Herrn Van der Bellen bewusst ist, dass die Ideologie des Kopftuchs hier eine sehr große Rolle spielt und er mit seinem unmöglichen Verhalten ebenfalls Mitschuld dafür trägt, dass die Unterdrückung von Mädchen und Frauen verharmlost wird.

    STANDARD: Wie differenzieren Sie zwischen Islam und Islamismus? Gibt es einen nichtpolitischen Islam?

    Ramadani: Es ist sehr schwer, das einfach und kurz zu differenzieren. Im Islam ist natürlich der Islamismus und das damit Politische sehr tief verankert und nimmt einen großen Teil der Religion ein. Der Islam ist im Ganzen ein Regelwerk für alles, angefangen bei "Es gibt Allah, dem ich zu dienen habe" bis hin zu "Wie gehe ich richtig auf die Toilette". Wenn wir es allerdings unbedingt trennen wollen und müssen, damit man das tatsächliche Problem mit dieser Religion bekämpft, dann muss man sagen: Alles, was mit dem rein spirituellen, persönlichen, in sich gekehrten Glauben nichts zu tun hat und andere in ihrer Religionsfreiheit und ihren Rechten beeinträchtigt, ist politisch und somit Islamismus. So haben die Geschlechterapartheid, Antisemitismus oder die Hypersexualisierung von Kindern durch das Kopftuch mit spirituellem Glauben nun wirklich nichts zu tun.

    STANDARD: Sie sind CDU-Mitglied. Wie bringen Sie für sich persönlich "Die verschleierte Gefahr" und Merkels dogmatisches "Wir schaffen das" und die Appeasementpolitik gegenüber Erdoğan unter einen Hut?

    Ramadani: Ich bringe das für mich gar nicht unter einen Hut und kritisiere unsere Bundeskanzlerin offen und laut. Ich bin ganz bei Angela Merkel, wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen. Jedoch muss das auch ordentlich geregelt werden. Es gibt bei den "Hilfesuchenden" solche und solche. Ein Teil fällt unter Asyl, und denen müssen wir helfen, wenn sie das Gastrecht nicht missbrauchen und straffällig werden. Den anderen Teil der Einwanderer, der nicht unter Asyl fällt, den müssen wir nicht aufnehmen. Diese Menschen müssen vorerst abgewiesen werden, damit wir nicht unsere Sozialsysteme und die Sicherheit der deutschen Bevölkerung gefährden. So, wie sie es aber bis jetzt gehandhabt hat, können "wir" es nicht schaffen.

    foto: europa-verlag
    Zana Ramadani
    Die verschleierte Gefahr
    Europa-Verlag 2017
    264 Seiten, 18,90 Euro

    STANDARD: Im Zuge der #MeToo-Debatte berichten massenhaft Frauen von ihren Erfahrungen mit Missbrauch oder sexueller Belästigung. Wie sehen Sie diese Debatte – rechnen Sie mit positiven Veränderungen für die Gesellschaft?

    Ramadani: Erst einmal ist jede Kampagne gut, die auf Probleme aufmerksam macht und zu Diskussionen führt. Durch die #MeToo-Debatte haben sich wirkliche Opfer nun endlich nicht mehr alleine gelassen gefühlt und getraut, das öffentlich zu machen.

    STANDARD: Unter dem Schlagwort #MeToo werden allerdings verschiedenartige Vorwürfe miteinander vermischt.

    Ramadani: Viele haben sich dazu berufen gefühlt, jedes missglückte dumme Kompliment und harmlose Flirtversuche mit wirklichem Sexismus, sexueller Belästigung und Vergewaltigung in Verbindung zu bringen. Deswegen wird diese wichtige Debatte mittlerweile ins Lächerliche gezogen und tatsächliche Opfer verhöhnt und nicht mehr ernst genommen. Daher reagiere ich allergisch, wenn mir Frauen sagen, dass jede Frau selber bestimmen kann, was sie als sexistisch und sexuelle Belästigung empfindet. Ein missglücktes Kompliment, ein schlechter Flirtversuch, ein dummer Witz bleibt weiterhin, was es ist. Da sind wir Frauen dann selber gefragt und müssen eine Ansage machen. Wenn man Männern klare Grenzen setzt und ihnen sagt, dass man das nicht will, halten sie sich auch meist daran. Falls nicht, wird aus dem missglückten Kompliment gegebenenfalls Sexismus.

    STANDARD: Kampagnen in Onlineforen können dazu führen, dass Menschen mit unbelegten Anschuldigungen ohne Möglichkeit zu einer Rechtfertigung medial vernichtet werden. In Wales erhängte sich der Arbeitsminister Carl Sargeant, nachdem er wegen nicht näher spezifizierter Anschuldigungen von seinem Amt entlassen worden war. Schlägt in dieser Debatte das Pendel in ein anderes Extrem aus?

    Ramadani: Durch das Internet und solche Onlinepranger wird es schwer für Beschuldigte, den Ruf wieder reinzuwaschen und das Gegenteil zu beweisen. Niemand sollte vergessen: Die Beweispflicht ist beim Kläger, nicht beim Beklagten.

    STANDARD: In Österreich postete die ehemalige Grünen-Chefin Ingrid Felipe "Ihr würdet mir nie glauben. #MeToo" und behauptete dann, dass sie "als vermeintlich mächtige und einflussreiche Frau ... solche Situationen praktisch tagtäglich" erlebe. In Deutschland erklärte die SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles, "eine typische Sexismus-Erfahrung ist, dass Frauen nicht ernst genommen werden". Sehen Sie die Gefahr, dass durch solche und ähnliche Aussagen tatsächliche Belästigungsfälle zu einer Beliebigkeit bagatellisiert werden?

    Ramadani: Die Beliebigkeit der Anschuldigungen ist nicht hilfreich, um die realen Probleme zu bekämpfen und damit eine Sensibilisierung der Gesellschaft zu erreichen. Ich erwarte daher von Politikerinnen wie Felipe und Nahles, dass sie als "Volksvertreterinnen" mehr Mut und Stärke beweisen und beispielsweise Männer in entsprechenden Situationen zurechtweisen. Stattdessen nutzen sie die Vorarbeit anderer Frauen, die keine Volksvertreterinnen sind, und springen mit wachsweichen Vorwürfen auf den Zug auf. Wo bleibt da der Mut dieser gewählten Politikerinnen?

    STANDARD: Sie kritisieren immer wieder die "Gender- und Kopftuch-Feministinnen". Wie definieren Sie diese, und wie sieht ein Feminismus aus, dem Sie sich inhaltlich anschließen können?

    Ramadani: Der Urfeminismus ist Humanismus. Für mich ist es der Kampf für Gleichstellung, Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter, bei dem das Geschlecht und die Sexualität eines Menschen in den Hintergrund gerät und im Alltag weder zu Nachteilen noch Vorteilen führt. Der Genderfeminismus drängt die Andersartigkeit und die persönliche Sexualität eines jeden Menschen in den Vordergrund. Der Kopftuch-"Feminismus" ist alles andere als ein Feminismus, denn jemand, der pro Kopftuch und somit für Geschlechtertrennung und Geschlechterapartheid ist, kann kein Feminist sein. (Michael Vosatka, 26.12.2017)

    Zana Ramadani wurde 1984 in Skopje geboren und zog als Siebenjährige mit ihrer Familie nach Deutschland. Während ihr Vater eine liberale Haltung pflegte, musste Ramadani mit 18 Jahren vor ihrer konservativen Mutter in ein Frauenhaus flüchten. 2012 gründete sie die Deutschland-Gruppierung der Aktivistinnengruppe "Femen", von der sie sich später wegen fragwürdiger Aktionen wieder distanzierte. Ramadani hat eine Tochter und lebt in Berlin.

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    Zana Ramadani im STANDARD-Interview zu ihrem im März 2017 erschienen Buch "Die verschleierte Gefahr": "Männer sind nicht das alleinige Übel"

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    Online-Petition an DFB, FA und Fifa wegen des kopftuchtragenden Kindes beim Fußballländerspiel England vs. Deutschland

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