Betrugsprozess: Casino-Geld für den spielsüchtigen Glückspilz

15. November 2017, 16:31
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Ein 47-jähriger zweifacher Lottogewinner hat Millionen erschwindelt, um das Geld im Casino zu verspielen. Der Ruhm seiner Ex-Frau half

St. Pölten – Andreas P. ist ein Glückspilz: In den Jahren 2010 und 2013 tippte er zweimal die sechs Richtigen im Lotto und kassierte fünf Millionen Euro dafür. Gleichzeitig ist der 47-Jährige ein Pechvogel: Beim Roulette verspielte er nicht nur diesen Gewinn, sondern auch 3,7 Millionen Euro, die er sich im Lauf der Jahre von Bekannten ausgeborgt hatte, denen er eine hohe Rendite versprach. Darum sitzt er nun nicht am Spieltisch, sondern im Landesgericht St. Pölten vor einem Schöffensenat unter Vorsitz von Markus Pree.

Die Anklage lautet auf gewerbsmäßigen schweren Betrug, dem Unbescholtenen drohen ein bis zehn Jahre Haft. Das Medien- und Publikumsinteresse ist ungewöhnlich hoch, was sich dadurch erklärt, das P. der ehemalige Gatte einer heimischen Spitzensportlerin ist. Deren Name wird im Prozess ausgespart, eine Rolle spielt die Ehe dennoch.

Bis zu zehn Prozent Rendite

"Was haben Sie den Leuten denn gesagt, was Sie mit ihrem Geld machen?", will der Vorsitzende von P. wissen. "Ich habe gesagt, ich kaufe und verkaufe Industriemaschinen und beteilige sie mit Gewinn." – "Was haben Sie versprochen?" – "Sechs bis zehn Prozent innerhalb eines Monats bis eines Jahres", schildert der Angeklagte die verlockenden Konditionen.

Neun Opfer glaubten ihm, bei einem zehnten blieb es beim Versuch. "Können Sie sagen, warum Ihnen die Leute das geglaubt haben?", interessiert Pree. "Ich war in dem Beruf schon 20 Jahre im Außendienst", versucht es der mittlerweile Arbeitslose. "Ihre Bekanntheit hat schon weiter geholfen, oder? Die Beziehung war ein Türöffner?", hilft ihm der Vorsitzende auf die Sprünge. "Ja." Unter den Opfern findet sich ein ehemaliger Fußballnationalspieler, auch Unternehmer sahen eine vermeintlich lohnende Investition.

Was die Geldgeber nicht wussten: P. war da schon spielsüchtig, wie auch ein Gutachten bestätigt. "Wann hat das angefangen?", fragt der Vorsitzende. "Den Beginn des Suchtverhaltens kann ich nicht genau festlegen. Gespielt habe ich sicher zehn Jahre. Schlimm wurde es, als mir die Casinos Geld geborgt haben."

2500 bis 35.000 Euro seien es gewesen, zinsenfrei für fünf Tage. "Da habe ich mir dann wieder ein Geld ausgeborgt, um die Schulden zu zahlen und habe mir mehr mitgenommen, um wieder zu spielen." Bei den Casinos bestreitet man auf STANDARD-Anfrage, dass es sich dabei um einen Kredit gehandelt habe. Von ausgewählten Kunden würden nach Genehmigung des Managers Schecks akzeptiert, die man wieder ablösen könne, wenn sie noch nicht zur Bank gebracht wurden.

Rekordverlust von 220.000 Euro

Ab 2011 sei er sieben bis neunmal pro Monat über dem Roulettekessel gebeugt gewesen, vorwiegend im Casino Linz, wie er sagt. Pro Besuch gab er zwischen 10.000 und 50.000 Euro mehr aus, als er gewann, behauptet er. Der Rekordverlust betrug demnach 220.000 Euro in einer Nacht.

"Wie kommt es, dass die Casinos so leicht Kredite vergeben?", wundert sich der Vorsitzende. Schließlich verdiente P. damals als Angestellter nur rund 2000 Euro. "Ich wurde nie gefragt, ob ich es mir leisten kann. Es wurden auch nie Bestätigungen verlangt", antwortet der Angeklagte. "Hängt das auch mit Ihrem familiären Background zusammen?" – "Ja", vermutet der Angeklagte.

Dass die Casinos Austria sagen, er habe bei ihnen nur 3,6 Millionen Euro verspielt, kann sich P. nur damit erklären, dass die Aufzeichnungen unvollständig seien. Er habe jedenfalls kein Geld mehr, sei mittlerweile in Privatinsolvenz. Erst danach sei er von der Spielbank gesperrt worden.

"Spielsüchtigen ausgesaugt"

Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger spricht in seinem Schlussplädoyer von einer "menschlichen Tragödie. Er hat alles verloren, seine Familie, seinen Job. Aber eine Mitschuld, dass man einen Spielsüchtigen bis zum letzten Tropfen aussagt, liegt auch bei den Casinos."

Für P., der im Schlusswort unter Tränen ankündigt, ein geregeltes Leben führen zu wollen, da er das seiner Tochter und seiner Familie schuldig sei, gibt es nicht rechtskräftig als Strafe 4,5 Jahre unbedingte Haft. Als Täter sieht der Vorsitzende die Casinos nicht, allerdings sagt er in seiner Begründung: "Es ist natürlich ein Wahnsinn, dass jemand wie Sie die Möglichkeit bekommt, sich zu ruinieren." (Michael Möseneder, 15.11.2017)

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