Hinweise auf positiven Effekt individualisierter Blutkrebstherapie

    16. November 2017, 00:35
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    Wiener Forscher testen potenziell wirksame Medikamente für einzelne Patienten. Die Ergebnisse zeigen höhere Remissionsraten und längeres Überleben ohne Rückfälle

    In den vergangenen Jahren haben Forscher der Klinischen Abteilung für Onkologie von Med-Uni Wien und AKH Belege dafür gesammelt, dass eine individualisierte medikamentöse Therapie bei Tumorerkrankungen Vorteile ergibt. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen jetzt Wissenschafter des Forschungszentrums für Molekulare Medizin (CeMM) und Hämatologen von Med-Uni Wien und AKH bei Patienten mit Blutkrebs.

    Die Experten haben im Fachmagazin "Lancet" die ersten Zwischenergebnisse ihrer sogenannten EXALT-Studie zur Behandlung von Patienten mit aggressiven Blutkrebsformen publiziert. Es handelte sich um Kranke mit fortgeschrittenen bösartigen hämatologischen Erkrankungen, die entweder auf eine medikamentöse Therapie nicht angesprochen oder einen Rückfall erlitten hatten.

    Testung der Wirksamkeit

    Zum Einsatz kam dabei ein am CeMM entwickeltes "Pharmacoscopy"-Verfahren. Berend Snijder, einer der Entwickler, stellte das Verfahren so dar: Vor allem aus Blut- oder Knochenmarkproben der Patienten wird das gewonnene Gemisch aus gut- und bösartigen Blutzellen auf Mikrotiter-Platten mit je 348 Vertiefungen aufgebracht. Für jeden Patienten sind es zwei dieser Platten, also rund 700 Versuchsanordnungen. Dann kommen aus einer Wirkstoffbibliothek potenziell wirksame Arzneimittelsubstanzen hinzu – auch in unterschiedlicher Konzentration oder in unterschiedlichen Kombinationen.

    Nach 18 bis 24 Stunden lässt sich feststellen, wie sich die Arzneimittel oder Arzneimittelkombinationen ausgewirkt haben. Zeigt sich stark zugenommener Zelltod bei den bösartigen Zellen, weist das auf eine wahrscheinlich Wirksamkeit des oder jeweils verwendeten Medikamente auch im Rahmen der Therapie des Patienten hin. Das System ähnelt der Wirksamkeitstestung von Antibiotika bei schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen.

    Das gelingt durch die Kombination eines hochmodernen automatisierten Hochdurchsatz-Fluoreszenzmikroskops, eines hochauflösenden Bildanalyseverfahrens, das einzelne Zellen erfassen kann und unter Verwendung eines speziell entwickelten analytischen Algorithmus.

    Überleben ohne Rückfall erhöht

    Das multidisziplinäre Team der aktuellen Studie wird von Giulio Superti-Furga, Wissenschaftlicher Direktor des CeM und Phillip Staber, Programmdirektor für Lymphome, chronisch lymphatischer Leukämie und T-Zell Lymphome von Med-Uni Wien und AKH geleitet. Für die nun veröffentlichte erste Zwischenauswertung wurden die Daten von bisher 17 Patienten inkludiert, weitere Teilnehmer sollen noch dazukommen.

    Durch die mit "Pharmacoscopy" identifizierten, personalisierten Therapien erlangten 15 der 17 Teilnehmer (88,2 Prozent) eine vollständige oder teilweise Remission. Die Krankheitszeichen verschwanden vollständig oder zumindest teilweise. Mit den jeweils vorangegangenen Therapien ohne Verwendung des Verfahrens gelang nur bei vier der 17 Patienten (23,5 Prozent) ein vergleichbarer Erfolg. Gleichzeitig erhöhte sich die Zeit des progressionsfreien Überlebens, also des Überlebens ohne Rückfall oder Fortschreiten der Erkrankung von 5,7 auf 22,6 Wochen. Darüber hinaus konnte in einer retrospektiven Studie der Krankheitsverlauf von 20 an akuter myeloischer Leukämie (AML) erkrankten Patienten mit 90-prozentiger Genauigkeit vorhergesagt werden.

    "Einen robusten, schnellen und zuverlässigen Test für den Effekt von Wirkstoffkombinationen zur Verfügung zu haben, stellt für die behandelnden Ärzte eine enorme Hilfe bei der Wahl der individuell optimalen Therapie dar – speziell bei Patienten mit wiederkehrenden Tumoren in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung, bei denen schnell gehandelt werden muss", wurde Staber, verantwortlicher Prüfarzt der Studie, in einer Aussendung des CeMM zitiert. Die Studie soll vor allem die Machbarkeit eines solchen Systems beweisen. (APA, 16.11.2017)

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