Monster, Teenagerliebe und aufgewärmtes Gulasch: Lasst uns über "Stranger Things 2" reden

Blog16. November 2017, 06:00
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Netflix lässt auch in Staffel zwei mit viel Nostalgie in Ausstattung und Filmzitaten die 80er-Jahre wiederauferstehen. Retro ohne Ende. Aber ist das noch gut?

Vergangenes Jahr bescherte uns "Stranger Things" einen Sommer der Liebe, mit ganz viel 80er-Jahre-Nostalgie in Ausstattung und Zitaten. Keine Referenz auf Filme, Musik, Serien oder Frisuren der 1980er, die nicht bei drei auf den Bäumen war, wurde ausgelassen. Mit – keine große Überraschung – durchschlagendem Erfolg bei denen, die in dieser Zeit groß geworden sind und wegen der neuen Kindergeschichte auch bei den jüngeren Semestern.

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Der echte Trailer zu Staffel 2 ...

Für die zweite Staffel, die die Serienmacher Matt und Ross Duffer aber lieber "Stranger Things 2" nennen, ganz so wie die Blockbuster aus der Ära, hat sich Netflix heuer Ende Oktober als Startdatum ausgesucht, quasi als Geschenk zu Halloween. Die Geschichte dreht sich immer noch um Monster, die eine Kleinstadt mitsamt einer Kindergruppe von Freunden in Atem halten. Und auch das Serienpersonal hat sich nur geringfügig verändert, zum Beispiel ist neben Winona Ryder als Mutter Joyce auch Sean Astin als ihr Love Interest dazugekommen – bekannt nicht nur als Hobbit in "Herr der Ringe", sondern den Kindern der 80er-Jahre auch aus dem Film "Goonies". Nostalgienachschub also. Das führt das Serienreif-Trio auch zur unumgänglichen Frage: Wie gut ist "Stranger Things 2" eigentlich wirklich? Ist es mehr als ein Retro-Lovefest für die 80er oder nicht?

SPOILERALERT: Wenn Sie Staffel 2 noch nicht gesehen haben, legen Sie sich den Link auf diese Geschichte in den Bookmarks ab. Sehen Sie sich die 9 Folgen an und kommen Sie dann wieder. Kurzversion: Spoiler, Spoiler, Spoiler, ab hier überall!

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... und der "ehrliche Trailer" dazu.

Doris Priesching: Ich sag’s ehrlich, ich bin hin- und hergerissen. Von der ersten Staffel war ich uneingeschränkt begeistert. Das war für mich so eine gescheite, geschickte und mitreißende Retro-Fantasy-Horror-Pille nach der ich schon nach einmaliger Einnahme süchtig war. Es hatte ja alles, womit unsereiner aufgewachsen ist, dieser 80er-Jahre-Schick, die Musik – und irgendwie auch die Stimmung, nein, das war einfach nur gut. Die zweite Staffel hält das alles überhaupt nicht ein, und ich habe das Gefühl, hier in ganz großem Stil, pardon, verarscht worden zu sein. Das fängt schon bei den ersten Folgen an, wo es nicht gelingt, anzuknüpfen und wo "Stranger Things" lange Zeit nicht viel anders aussieht als "Degrassi Junior High" oder "Dawsons Creek".

Anya Antonius: Ich hab diesmal auch ein bisschen länger gebraucht, um reinzukommen, aber ab zirka Folge vier war ich dann dabei. Die Vorfreude war extrem groß, weil ich die erste Staffel fantastisch gefunden habe. Nachdem die zweite Staffel jetzt schon einige Zeit "sacken" konnte muss ich sagen – sie hat mir auch gut gefallen. Als alte "It"-, "Stand by me"- und "E.T."-Freundin mag ich das Konzept von "Kindern als Helden", gute Monster und Winona Ryder oben drauf: What’s not to love???

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Die vier Freunde Dustin (Gaten Matarazzo), Will (Noah Schnapp), Lucas (Caleb McLaughlin) und Mike (Finn Wolfhard).

Daniela Rom: Stranger Things schau ich mir nur für euch an. Es gibt mehrere Dinge, die mich damit nicht glücklich machen: Ich mag Horror-Monster-Zeug nicht. Ich bin ein Angsthase, so entgehen mir sicher viele gute Sachen, aber es ist nicht meins. Versteht mich nicht falsch, "Stranger Things" hat seine guten Seiten: Winona Ryder, die Kinder-Darsteller-Riege ist ein Knaller, Parkas und Schnauzbärte find ich toll, die Musik ist super, und Winona Ryder. Aber mir ist die Story einfach zu dünn. Diese Monster, andere Dimensions-Geschichte zieht mich nicht rein. Nett, aber halt nicht mehr. Und das ist nicht einmal alles. Viele Dinge werden nur gemacht, um die Geschichte irgendwohin zu bringen, ergeben aber null Sinn: Eleven rauscht eifersüchtig ab, nachdem sie Mike und Max schäkern sieht – das wird nie aufgelöst. Es hat nur einen Zweck: Eleven muss mal weg aus dem Dorf, damit sie am Schluss wieder zurückkommen kann. Es tut mir leid, das ist mieses Storytelling.

Doris Priesching: Es wird halt alles überstrapaziert. Netflix hat offenbar seine Marktforschung gemacht, und da ist man draufgekommen, dass es noch Potential bei den Kunden 40+ gibt. Deshalb wird zitiert und kopiert ohne Ende, was ja noch ganz lustig ist, aber wenn es nur noch um die Pose geht, mit den diversen Vorlagen kokettiert ist, dann wirkt das halt etwas sehr berechnend. "Stranger Things II" ist für mich insofern ein schlechtes Beispiel für die Ökonomisierung von Serien – und dafür, dass ein frühes Serienende meistens die bessere Wahl wäre.

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Winona looking at Will oder: Machen Sie einen für "Stranger Thing" typischen Gesichtsausdruck.

Anya Antonius: Es stimmt schon, einiges wirkt seltsam deplatziert – so wie für mich eigentlich die ganze siebente Folge, in der Eleven ihre Wurzeln erforscht und alleine unterwegs ist. Es hat recht wenig Einfluss auf alles, was danach geschieht – darum finde ich es komisch, dass es soviel Platz bekommt. Aber andererseits wurden Handlungsstränge aus Staffel eins auf eine sehr sympathische und einfühlsame Art aufgegriffen. So wie Barbs Tod, der offensichtlich ihre beste Freundin immer noch mitnimmt, sehr respektvoll behandelt wurde. Ich finde es schön, dass Barbs Bogen in dieser Staffel ein würdiges Ende findet. Ebenso die Auswirkungen der Ereignisse aus der ersten Staffel auf Will und seine Familie – so etwas geht eben nicht spurlos an einem vorbei. Und damit meine ich gar nicht die Visionen, sondern sein Gefühl des Andersseins, das fehlende Verständnis und die Ablehnung des Umfelds und die Überfürsorglichkeit von Joyce und Jonathan.

Daniela Rom: Dass sie Barb wieder aufgenommen habe, riecht für mich verdammt nach Audience-Pleasing. Also, nach dem Motto: "Uh, das beschäftigt die Seher voll, #savebarb und so. Da überlegen wir uns jetzt irgendeine halbgare Geschichte und erzählen sie nicht fertig." Ich sag da nur: Sherlock Staffel 3 und 4. Kann man alles machen, aber wenn man es übertreibt, wird’s schlecht. Ich hab mir ja Staffel 1 von Stranger Things noch mal angeschaut, damit ich mich wieder erinnere – für mich ist der Unterschied im Spiel mit meinen Retrogefühlen, aber auch sonst, nur marginal. Besser wird beim Aufwärmen halt auch nur Gulasch. Und wenn ich ganz böse bin, dann ist es die komplett gleiche Geschichte noch einmal: Will wird zum Opfer der Demogorgons, die jetzt halt nicht einer, sondern viele sind, Mama, Freunde, Sheriff suchen nach einer Lösung, ein paar sterben, Eleven rettet die Situation. Armer Will, wie oft wird Eleven den wohl noch retten müssen, bevor Netflix rechtzeitig Stopp sagt? Oder die Serienmacher schlau genug sind, einfach aufzuhören?

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Eleven (Millie Bobby Brown, re.) und Kali (Linnea Berthelsen) in einem Ausflug in den Punk, sort of.

Anya Antonius: Du bist zwar sehr streng, aber ich muss dir ein bisschen recht geben, es ist mehr von demselben. Das stört mich aber nicht wirklich, weil es trotzdem fesselnd und unterhaltsam ist. In Staffel drei sollten sich die Duffers aber vielleicht schon ein bisschen etwas neues überlegen. Und genau genommen wird Will nicht zum Opfer der Demogorgons, sondern des Schattenmonsters a.k.a. Mind Flayers. Zusätzlich steht diesmal das Schicksal der Welt auf dem Spiel. Aber ja, ich verstehe schon was du meinst, Dani. Ich muss dich aber enttäuschen, Staffel drei wurde schon fixiert und Staffel vier wird es vermutlich auch geben. Und übrigens: Wenn schon Audience-Pleasing, dann hätte ich bitte gern ein Dustin-Steve-Spinoff.

Doris Priesching: Von den Figuren fühl ich mich immer noch am meisten mit Winona Ryder verbunden, die in der ersten Staffel so großartig war und auch wieder ihr bestes gibt. Ich fand auch den Ausflug von der Elferin, die mir auch irgendwie nahe ist, zu den Freak-Freunden erfreulich. Bei den Jungs zeigte sich, wie schnell das Erwachsenwerden geht, und dass das nicht immer ein Vorteil ist. Ich finde, sie waren lang nicht mehr so süß wie in der ersten Staffel, oder?

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Warum ist Billy da? Wir wissen es nicht. Er wahrscheinlich auch nicht. Aber er hat die Haare schön.

Daniela Rom: Ach, Dustin find ich schon sehr entzückend. Nur wenn der Kindergruppen-Faktor weg ist, bleibt wirklich nimma viel übrig. Da sollten wir übrigens auch noch über Billy, den Bruder von dem neuen Mädchen der Gruppe, Max, reden: Jedenfalls den Brutalo-Bruder fand ich irgendwie völlig jenseitig, also ich hab mich bis zum Schluss gefragt, wofür ich diese Figur brauche. Außer dafür, um jemanden mit bis zum Hosenbund aufgeknöpftem Hemd in der Gegend herumstehen zu lassen und um einen Mrs. Robinson-Moment hinzukriegen. Das ist wirklich nicht viel. Und der Charakter wird auch nie aufgelöst: Was ist seine Geschichte? Geschlagen vom Vater, ein Arsch zu seiner Schwester, vielleicht ein Rassist, auf jeden Fall ein Brutalo, wenns sein muss, ein Verführer, vielleicht sogar schwul – ja, was denn jetzt genau? Da hat man einfach einen neuen Too-Cool-For-School-Typen gebraucht, und sich dann nie entschieden, was der tun soll.

Anya Antonius: Bill war wirklich komplett überflüssig. Ebenso wie eigentlich auch Max, die eigentlich nur als Love Interest für Lucas und Dustin eingeführt wurde. Beide bleiben für mich seltsam gesichtslos. Von den Neuzugängen hat mich hingegen Sean Astin als Bob sehr überzeugt. Extrem sympathisch, wichtig für die Handlung, hat gut ins Ensemble gepasst und sein Tod war wirklich tragisch. Arme Joyce, sie hat auch kein Glück. Lucas’ kleine Schwester war auch großartig, ich hoffe sie wird in Staffel drei ins "Team" aufgenommen. Die nimmt es locker mit Demogorgons auf. Und ich mochte es auch, wie sich die Figuren weiterentwickeln, das macht alles Sinn. Klar, es geht manchmal schon leicht in Richtung Teenie-Schmalz-Highschool-Serie, aber warum auch nicht? Es ist immer noch eine gute Geschichte, die ihre Charaktere nicht verrät sondern schlüssig weiterentwickelt. Störend fand ich nur das überkitschige Ende am Schulball, das hätte es nicht unbedingt gebraucht. Richtig ans Herz ging mir da nur der weinende Dustin.

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Alle Monster müssen sterben.

(Anya Antonius, Doris Priesching, Daniela Rom, 16.11.2017)

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