Rundschau: Träumen Neandertaler von elektrischen Mammuts?

    Ansichtssache16. Dezember 2017, 10:00
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    Neue Science-Fiction-Romane von Jens Lubbadeh, Stephen Baxter, Sergej Lukianenko, Mur Lafferty und Steve Rasnic Tem

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    foto: rebellion

    Steve Rasnic Tem: "Ubo"

    Broschiert, 320 Seiten, Rebellion 2017, Sprache: Englisch

    Das Düstere, Unheimliche und ganz allgemein Weirde zieht sich durchs Werk von US-Autor Steve Rasnic Tem, der in den vier Jahrzehnten seines Schaffens vor allem kürzere Erzählungen und nur gelegentlich mal einen Roman veröffentlicht hat. "Ubo" ist sein jüngster und weckt vage Assoziationen an so unterschiedliche Werke wie "Flusswelt", "Schlachthof 5" oder die TV-Serie "Lost". Betonung ganz stark auf "vage", denn Rasnic Tems Schaffen ist sehr eigenständig, eine Welt für sich.

    Entführt

    Hauptfigur des Romans ist Daniel, ein junger, recht durchschnittlicher Mann, dem allerdings etwas ganz und gar nicht Alltägliches widerfahren ist. Er wurde entführt; im Traum glaubt er sich daran zu erinnern, dass er von Insektenflügeln an den Ort seiner Gefangenschaft getragen wurde. Dieser Ort, den alle nur Ubo nennen, sieht nach aufgelassenen Fabrikhallen aus. Von den Fenstern aus blickt man auf eine apokalyptische Landschaft: Gebäude in unterschiedlichem Verfallszustand verschwimmen im Dunst, der Himmel ist rauchverhangen und von seltsamer Farbe, in der Ferne glosen Feuer.

    Bewacht werden Daniel und seine Leidensgenossen – fast alle sind Männer – von riesigen, zikadenähnlichen Insekten, die sie schlicht roaches nennen. Und diese "Kakerlaken" stellen Experimente mit ihnen an: Tag für Tag verschmelzen sie die Bewusstseine der Insassen mit denen der größten Massenmörder der Geschichte und lassen sie deren Taten durchleben.

    Der Massenmörder und Du

    Diese virtuellen Trips können sich durchaus unterschiedlich gestalten: Mal ist der Betroffene nur beobachtender Gast im Bewusstsein seines "Wirts", mal verschmilzt er so stark mit ihm, dass er selbst glaubt, der Mörder zu sein. Zudem schleichen sich in die sogenannten scenarios immer wieder Elemente ein, die einer Traumlogik zu gehorchen scheinen: Es treten Doppelgänger auf, die die Tat gemeinsam begehen, zudem verfremden Erinnerungssplitter an die Existenz in Ubo die ansonsten realistisch wirkenden Szenarien.

    Mit zum Verstörendsten gehört, wie gut Rasnic Tem die Verbrecher menschlich zeichnen kann – nicht im Sinne von sympathieweckend, sondern individuell. Denn ihre Taten finden in jeweils ganz unterschiedlichen Bezugsrahmen statt. Charles Whitman beispielsweise, der 1966 von einem Turm der University of Texas aus 17 Menschen erschoss, ist ganz und gar auf Effizienz, Leistung und den eigenen Ruf fixiert. Ein Soldat in Vietnam mutiert aufgrund der Umstände fast zwangsläufig vom Helden zum Verbrecher. Für Stalin ist willkürliche Gewaltausübung ein vollkommen rationales Mittel zum Machterhalt. Und bei Jack the Ripper vermischen sich Wahnsinn, Frauenverachtung und schlichte kindliche Neugier zu einem tödlichen Gebräu – wenn er im Körper eines Opfers etwas besonders Interessantes findet, nimmt er es begeistert mit nach Hause, als wäre es ein bunter Kiesel vom Wegesrand. Nur der später auftauchende "God of Mayhem" wird wie das pure, unverstehbare Böse erscheinen.

    Das Rätsel Mensch

    In den Pausen zwischen den scenarios unterhalten sich die Insassen über ihre Situation und den Sinn der Experimente. "If this were a science fiction movie, I'd think they were testing us to see if the human race was worth saving." Zwangsläufig entstehen daraus Diskussionen über die Natur des Bösen und die Conditio humana im Allgemeinen. "The roaches must think we're a terribly troubled people. We live in Hell but we aspire to Heaven – that's the drama of being human."

    Und natürlich versuchen sie – und mit ihnen wir Leser – herauszufinden, was Ubo eigentlich ist. Ein anderer Planet? Die ferne Zukunft? Eine Simulation? Das Fegefeuer? Die Möglichkeiten für eine Auflösung scheinen begrenzt, doch erfreulicherweise wird Rasnic Tem diesbezüglich noch einen unerwarteten Twist aus dem Ärmel ziehen. Darum besser nicht vorab das Nachwort lesen! Aber selbst wer sich diese Überraschung durch unvorsichtiges Vorblättern verdirbt, hält immer noch einen ausgezeichneten Roman in Händen. Empfehlung!

    Abschließend noch eine Randbemerkung, die ich mir nicht verkneifen kann. Ist doch immer wieder zum Schießen, wenn ein Autor glaubt, er müsse unbedingt Sätze aus anderen Sprachen einbauen, und dann das Google-Translate-Kauderwelsch nicht von einem Muttersprachler gegenchecken lässt. Wie sagte doch einst Adolf Hitler? "Ich lege das Schicksal."

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