Rundschau: Träumen Neandertaler von elektrischen Mammuts?

    Ansichtssache16. Dezember 2017, 10:00
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    Neue Science-Fiction-Romane von Jens Lubbadeh, Stephen Baxter, Sergej Lukianenko, Mur Lafferty und Steve Rasnic Tem

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    fotos: lübbe, aladin, heyne

    Claire North: "Der Tag, an dem Hope verschwand"

    E-Book, 636 Seiten, € 9,99, Lübbe 2017 (Original: "The Sudden Appearance of Hope", 2016)

    Ray Bradbury: "Das Böse kommt auf leisen Sohlen"

    Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, € 25,70, Aladin 2017 (Original: "Something Wicked This Way Comes", 1963)

    Alastair Reynolds: "Enigma"

    Broschiert, 960 Seiten, € 13,40, Heyne 2017 (Original: "Poseidon's Wake", 2015)

    Diese drei Titel fassen wir mal unter dem Überbegriff "spezielle Formate" zusammen. Der Lübbe-Verlag, der schon Claire Norths famoses "The First Fifteen Lives of Harry August" ins Deutsche übersetzt hat, hat nun auch eine deutschsprachige Version von "The Sudden Appearance of Hope" herausgebracht. Allerdings nur in der kuriosen Kombination Audio- und E-Book, nicht in gedruckter Form.

    Staunen wir also bildschirmklickend oder lauschend über Hauptfigur Hope Arden und ihre gar seltsame Eigenschaft: Wann immer sie aus dem Blickfeld einer Person gerät, vergisst diese sofort, dass es Hope überhaupt gibt. Das führt zu einigen hirnverrenkenden Effekten, und Hope versteht diese auch weidlich auszunutzen – denn Norths Roman ist keine tranige Metapher fürs Übersehenwerden, sondern ein Thriller.

    Klopf, klopf ...

    Mit Ray Bradburys "Something Wicked This Way Comes" hat auch ein echter Klassiker ein neues Gewand bekommen. Die Geschichte von zwei Jungen, die in den Sog eines unheimlichen Jahrmarkts geraten, ist schon mehrfach ins Deutsche übertragen worden. Beim Übersetzer aus den 80er Jahren ist es geblieben, allerdings wurde die neue Ausgabe mit zahlreichen Illustrationen geschmückt. In seinen reduzierten Schwarz-Weiß-Bildern fängt Comiczeichner Reinhard Kleist die gleichermaßen bedrohliche wie poetische Stimmung des Romans ein und verstärkt so den Effekt noch.

    Der Band fällt unter "kleiner Luxus", ist den Preis aber durch seine liebevolle Gestaltung wert. Ein schönes Geschenk – nicht nur für diejenigen, die ihren Kindern (oder vielleicht besser denen von Bekannten) ein paar nachweihnachtliche Albträume bescheren wollen.

    Langzeitprojekt

    Und dann ist da noch Alastair Reynolds. *seufz* Ganz ehrlich, ich bin wenig angetan davon, wenn der Abschlussteil einer Reihe auf die Länge der vorangegangenen Teile noch mal ordentlich was draufpackt; das weckt unwillkürlich Assoziationen zur "Hobbit"-Filmtrilogie. Wäre "Enigma" ein Einzelroman, wäre er mit seinen 960 Seiten für die Rundschau nie in Frage gekommen. Andererseits ist es der Abschluss einer Trilogie, und nach dem beeindruckenden "Okular" und dem (schon ein wenig gestreckten) Nachfolger "Duplikat" möchte man doch irgendwie wissen, wie's ausgeht. Wiederum andererseits ist "Poseidons Kinder" eine Trilogie der losen Art, eine Direktfortsetzung hat man also eh nicht. Diesen Zwiespalt (oder Driespalt?) konnte ich bis jetzt nicht auflösen.

    Vielleicht mache ich es so wie diese Bloggerin, die sich ein Buch von TV-Starköchin Julia Child vorgenommen und die Rezepte darin ein Jahr lang Stück für Stück nachgekocht hat. Ungefähr so: "Hallo Leute, ich wünsche allen ein glückliches 2018 und beginne jetzt mit 'Enigma'." – "Frohe Ostern! Und hättet ihr gedacht, dass wir etwas so Zentrales nach 200 Seiten immer noch nicht erfahren haben?" – "Treibe gerade mit meiner Luftmatratze auf dem Neusiedler See und habe soeben die magische Marke erreicht, bei der ich in der linken und in der rechten Hand gleich viel Papier halte." Und so weiter. Na, mal sehen.

    Schon lange vor Abschluss eines solchen Langzeitprojekts wird jedenfalls bereits der nächste Reynolds auf Deutsch erscheinen. "Rache" kommt im Jänner heraus und ist dankenswerterweise beträchtlich kürzer. Ebenfalls im Jänner wird es die mittlerweile schon traditionelle Best-of-Rundschau geben; für die habe ich mir unterm Jahr extra ein paar zusätzliche Titel aufgespart, die hier bislang noch nicht rezensiert wurden. (Josefson, 16. 12. 2017)

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    Weitere Titel
    Überblick über sämtliche bisher rezensierten Bücher

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