Rundschau: Träumen Neandertaler von elektrischen Mammuts?

    Ansichtssache16. Dezember 2017, 10:00
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    Neue Science-Fiction-Romane von Jens Lubbadeh, Stephen Baxter, Sergej Lukianenko, Mur Lafferty und Steve Rasnic Tem

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    foto: heyne

    Jens Lubbadeh: "Neanderthal"

    Klappenbroschur, 526 Seiten, € 15,50, Heyne 2017

    Jens Lubbadehs ersten SF-Roman "Unsterblich" hatte ich seinerzeit unter "vielversprechend" abgelegt. Soll heißen: ansprechende Schreibe und viele gute Ideen – allerdings mangelnde Konsequenz beim Weiterdenken dieser Ideen und eine allzu simple Lösung am Schluss. "Neanderthal" ist da einen großen Schritt weiter, weil deutlich komplexer angelegt. Ein Indiz von mehreren: Die geklonten Mammuts, die hier in einem Kapitel auftauchen, spielen für die Handlung zwar eigentlich keine Rolle. Aber sie sind da – wie sie es in einer Welt mit weiterentwickelter Gentechnik mit ziemlicher Sicherheit wären. Und Gentechnik mit ihren vielfältigen Folgeerscheinungen ist das große Thema von "Neanderthal".

    Orwell mit gesunden roten Bäckchen

    Die augenscheinlichsten Auswirkungen hatte die Technologie aufs Gesundheitssystem: Mitte des 21. Jahrhunderts werden in Deutschland Präimplantationsdiagnostik und korrigierende Eingriffe in großem Stil angewandt, um Erbkrankheiten und andere unerwünschte Eigenschaften auszumerzen. Das steht im Kontext einer Gesundheitspolitik, die alle Züge einer eugenischen Diktatur angenommen hat. Tracker oder Körperimplantate messen, ob man brav sein tägliches Bewegungssoll erfüllt, den Rest erledigt die soziale Kontrolle: Wer Fleisch isst oder statt der Treppe den Fahrstuhl benutzt, wird schief angesehen und vielleicht auch gleich bei der Krankenkasse denunziert. Für Ehrenmorde – soll heißen die Tötung Behinderter – gelten vor Gericht mildernde Umstände.

    Das hat Orwell'sche Züge – nicht von ungefähr gibt es hier ein Ministerium für Gesundheit und Glück. Dass Lubbadeh wie schon in "Unsterblich" seiner Romanwelt erneut einen Retro-Look verpasst hat, unterstreicht das noch. Mann trägt Hut, Frau eine Frisur wie aus "Babylon Berlin", und die versteckten Lokale, in denen man sich Burger und Pommes reinziehen kann, werden wie damals während der Prohibition in den USA "Speakeasys" genannt.

    Ensemble und Plot

    Vor diesem Hintergrund bringen ein aktueller Mord und mehrere länger zurückliegende ein Grüppchen sehr unterschiedlicher Figuren zusammen. Zunächst den Düsseldorfer Kommissar Philipp Nix, der sich herzlich wenig um die Einhaltung seines Gesundheits-Solls schert, seiner Arbeit aber mit vollem Einsatz nachgeht. Die dürfte ihn auch ein wenig von seinen familiären Problemen ablenken – unter anderem leidet sein Sohn an der Großen Depression, einer nicht behandelbaren psychischen Krankheit, die sich trotz des staatlichen Gesundheitsbombardements immer weiter auszubreiten scheint.

    Max Stiller ist als einer der letzten Gehörlosen ebenfalls ein Sonderling im neuen System. Möglicherweise hat Lubbadeh persönliche Erfahrungen mit Gehörlosigkeit, jedenfalls gelingt ihm eine sehr glaubhafte Personenzeichnung. Max ist selbstbewusst, durchaus mal kratzbürstig (kein gönnerhafter Behindertenbonus, zu dem Autoren in solchen Fällen gerne neigen würden!) und blickt amüsiert auf das, was er das große Hörenden-Theater nennt: Also wenn Menschen in seiner Umgebung mit komischer Mimik auf etwas reagieren, das ihm natürlich entging.

    Max ist Paläoanthropologe. Dass er zusammen mit seiner Kollegin Sarah Weiss dem Fall hinzugezogen wurde, liegt daran, dass der Ermordete genetisch zur Hälfte ein Neandertaler war. Die anderen, früheren Mordopfer, die man anschließend findet, waren es sogar zur Gänze. Und schon stecken unsere Protagonisten im Sumpf eines gentechnischen Geheimprojekts mit gesamtgesellschaftlichen Implikationen. Als ihre Gegenspielerin positioniert sich dabei Eva-Marie Mercure, eine graue Eminenz im Gesundheitsministerium, die gerne mal handgreiflich wird. So, wie sie sich bei einem Verhör präsentiert, kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Lubbadeh "Ilsa" und "Vampyros Lesbos" daheim im DVD-Schrank stehen hat.

    Diskurs und Kontext

    Meine erste Assoziation zu Lubbadehs Romanszenario war David Brins "Existenz". Darin wird die gentechnische Rückzüchtung von Neandertalern zwar nur kurz erwähnt, während sie hier den Dreh- und Angelpunkt der Handlung ausmacht. Spannenderweise zeichneten sich im Lauf der Lektüre aber noch andere Parallelen zu Brin ab. Auch Lubbadehs Roman bietet sich als Diskussionsbeitrag an – in diesem Fall geht es um die Frage, wann eine wohlwollend ratgebende in eine bevormundende Politik umschlägt. Spätestens wenn in einem Kapitel eine TV-Talkshow über bürgerliche Freiheit, Gleichheit und Gesundheit beschrieben wird, treten die diskursiven Elemente von "Neanderthal" offen zu Tage. Dazu gehört auch, dass man auf dem aktuellen Wissensstand ist. Ganz im Stil von Marc Elsberg baut Lubbadeh jüngere Erkenntnisse aus der Wissenschaft in seinen Roman ein – etwa was den prähistorischen Genfluss vom Neandertaler zum Homo sapiens betrifft.

    Leider hat Lubbadeh aber auch den Umgang Brins mit den Protagonisten übernommen, der mitunter etwas herzlos ist. Sagen wir so: Zwischen Anfang und Ende wird es da zu einigen Verschiebungen kommen, und eine Figur verschwindet sogar sang- und klanglos. Das ist freilich weniger ein Fehler als eine strategische Entscheidung des Autors, die man zu akzeptieren hat. Wenn es überhaupt etwas zu bekritteln gibt, dann vielleicht, dass Kapitel 1 (mit Nix) und 2 (mit Max) besser die Reihenfolge getauscht hätten. Das Anfangskapitel trägt nämlich die ganze Last der Exposition und Nix muss bei jedem Lercherlschas sofort gedanklich zu den verschiedensten Ausprägungen des Gesundheitssystems abschweifen, damit wir möglichst schnell im Bilde sind. Das ergibt einen leicht holprigen Start, ab dem ersten Auftritt von Max segelt "Neanderthal" dann aber über glatte See. Und wie in Fußball-Talks so gerne gesagt wird: Das ist ohnehin Jammern auf hohem Niveau.

    Insgesamt ist Lubbadehs Zweitling ein sehr guter Roman und eine klare Empfehlung. Ein Hinweis noch: Wer lieber die E-Book-Variante bestellen möchte und sich über einen vermeintlich abweichenden Titel wundert: "Das Neanderthal-Projekt" ist nicht der Roman, sondern eine begleitende Novellette, die die Vorgeschichte erzählt. Gibt's gratis, netter Service.

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