Paul Watzlawicks Lektionen für das digitale Miteinander

    15. November 2017, 13:09
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    Die 50-jährigen Axiome des Kommunikationsforschers scheinen auch für unser Online-Verhalten zu gelten

    Wien – Zwei Personen sitzen im Auto. "Du, da vorn ist grün", sagt eine. Die andere gibt Gas und verdreht die Augen. Was drückt die erste Person durch ihre Aussage aus, und was will die zweite durch ihre stumme Reaktion sagen? Eines ist klar: Kommunikation ist nicht immer selbsterklärend.

    Derartige Situationen analysierte der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick (1921-2007) und beschrieb die Komplexität von Sprache mit all dem, was über sie hinausgeht. Die fünf Axiome, welche er dabei vor 50 Jahren aufstellte, werden bis heute in Vorträgen zu Kommunikationstheorie erwähnt, doch gelten sie auch für die Online-Kommunikation? Dieser Frage ist die Kommunikationsexpertin und Watzlawick-Großnichte Andrea Köhler-Ludescher nachgegangen: Sie hat den Versuch unternommen, Teile der fünf Axiome auf das digitale Zeitalter umzulegen.

    Nicht-Kommunizieren ist unmöglich

    Watzlawicks erstes und wohl berühmtestes Axiom, "Man kann nicht nicht kommunizieren", sei dabei sowohl virtuell als auch offline leicht beobachtbar: Fluggäste, die sich mit geschlossenen Augen zurücklehnen, signalisieren stumm, man solle sie in Ruhe lassen. Online kommunizieren "Social-Media-Verweigerer" auch durch ihr Fernbleiben von Facebook und Co.

    In einem anderen Axiom unterscheidet Watzlawick zwischen Inhalts- und Beziehungsebene. Erstere umfasst das rein Informative, während der Beziehungsaspekt Aufschluss über das Verhältnis der Gesprächspartner gibt – etwas wie bei der eingangs erwähnten Reaktion im Auto.

    Online kann diese Beziehungsebene oft nicht so leicht interpretiert werden und zu Konflikten führen. Auch Phänomene wie Hasspostings können durch eine Reduktion auf das Inhaltliche leichter erklärt werden: "Wenn ich jemanden nicht kenne, dann kann meine Hemmschwelle sinken", sagt Köhler-Ludescher.

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    Watzlawicks fünf Axiome sind auch Teil der modernen Kommunikationstheorie.

    Verlust des Analogen

    Watzlawick beschrieb die Beziehungsebene als stark analog. Sie beinhaltet somit vieles, was über das Gesprochene, das Watzlawick "digital" nannte, hinausgeht – etwa die Stimmlage oder die Körpersprache. Dem Internet fehlt dieses Analoge wortwörtlich – eine weitere Quelle für Missverständnisse: Laut Studien werde nur ein kleiner Bruchteil durch die Sprache und der Rest nonverbal kommuniziert. "Wenn man jetzt online diese analogen Hilfsmittel nicht hat, ist das ein größeres Risiko für Uneinigkeiten", sagt Köhler-Ludescher.

    Ob wir durch einen zunehmenden Online-Aufenthalt verlernen, analoge Signale richtig zu interpretieren, kann jedoch nicht ohne Langzeitstudien beantwortet werden. Die Expertin vermutet: "Wenn ich vorwiegend digital kommuniziere, dann glaube ich schon, dass das langfristig Auswirkungen auf ein analoges Gespür hat."

    Gegentrend Emojis

    Eine Art Gegentrend sieht Köhler-Ludescher im Gebrauch von Emoticons und Emojis: "Das sind sogenannte analoge Markierungen, die uns zusätzliche Hinweise geben, wie jemand etwas meint." In der realen Welt markieren wir durch Stimmmelodie, Mimik und Gestik. Im Virtuellen können solche bildlichen Informationen – von simpler Aneinanderreihung von Satzzeichen, bis hin zum animierten Bildelementen – eine Kommunikationsstütze darstellen.

    Jede Kommunikation sei eine Form der Interaktion, deswegen sieht die Expertin auch computerisierte Beziehungen, zum Beispiel durch automatische Antworten von Chatbots, kritisch: "Der Mensch braucht das Gefühl, gehört zu werden, um ein gesundes Ich-Bewusstsein zu schaffen. Wenn das erodiert, weil das, was zurückkommt, nichts Persönliches mehr ist, dann hat das eine bestimmte Wirkung."

    Eine gelungene Online-Kommunikation verwende deswegen auch immer wieder menschliche Elemente, wie moderierte Foren, die einer Community das Gefühl geben können, dass etwas zurückkommt. Beziehungsgestaltung und Persönlichkeitsentwicklung entstünden nicht von heute auf morgen, sagt Köhler-Ludescher.

    mediadesign
    Paul Watzlawick war Vertreter des radikalen Konstruktivismus und lebte in seiner Wahlheimat Kalifornien.

    Filterblasen als Echokammern

    Eine weitere Verzerrung der eigenen Online-Wirklichkeit sieht sie im Phänomen von Filterblasen. Sie beschreiben einen Isolationsprozess, der immer mehr vorgefertigte Informationen liefert, die aber schon auf den eigenen Interessen basieren.

    Eine Resonanz innerhalb dieses abgeschlossenen Systems hätte wohl auch Watzlawick thematisiert: "Er würde sagen, es ist ein 'More of the same'-Phänomen: Man dreht sich sozusagen immer im Kreis und ist wegen der eigenen Umgebung in einer Sichtweise gefangen." Ein Entkommen aus dieser Echokammer sei laut Köhler-Ludescher nur durch den Kontakt mit anderen Geisteshaltungen möglich – in der virtuellen oder realen Welt. (Katharina Kropshofer, 15.11.2017)


    Am 15. November hält die Kommunikationsexpertin Andrea Köhler-Ludescher den Vortrag "Watzlawicks fünf Axiome – Alte Weisheiten und aktuelle Wege der Unternehmenskommunikation" an der FHWien der Wirtschaftskammer, Beginn 18:00

    • Paul Watzlawick (1921-2007) gilt als einer der berühmtesten österreichischen Kommunikationswissenschafter.
      foto: christian fischer

      Paul Watzlawick (1921-2007) gilt als einer der berühmtesten österreichischen Kommunikationswissenschafter.

    • Andrea Köhler-Ludescher ist Paul Watzlawicks Großnichte und arbeitet als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin in Wien.
      foto: alicia atria

      Andrea Köhler-Ludescher ist Paul Watzlawicks Großnichte und arbeitet als Kommunikationsexpertin und freie Journalistin in Wien.

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