Alienjägerin Tarter: "Wir suchen Mathematiker im All, nicht Mikroben"

    Interview25. Dezember 2017, 10:00
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    Die Astronomin Jill Tarter widmete sich ihre ganze Karriere lang der Suche nach Signalen aus dem All. An Ruhestand denkt sie nicht

    Es ist gar nicht so einfach, mit Jill Tarter in Kontakt zu treten – ausgerechnet mit einer der überzeugendsten Forscherinnen, die dafür eintreten, dass die Menschheit alles versuchen müsse, um Kontakt mit Zivilisationen aufzunehmen, die möglicherweise von irgendeinem Planeten da draußen Signale an uns senden. Ihr Schaffen diente als Blaupause für Carl Sagans Roman "Contact", der 1997 mit Jodie Foster in der Hauptrolle verfilmt wurde. 2012 trat die als Direktorin des Seti (Search for Extraterrestrial Intelligence)-Instituts in Kalifornien zurück, eine Ikone aller Alienjäger ist sie aber noch allemal. Nachdem seltsame Mail- und andere Verbindungsschwierigkeiten ausgeräumt sind, erreichen wir die umtriebige Astronomin endlich am Telefon.

    STANDARD: Sie begannen als Studentin in den 1970er-Jahren, im Auftrag der Nasa nach Radiosignalen zu suchen, die von außerirdischem Leben zeugen könnten. Wie hat sich die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (abgekürzt: Seti) seither verändert?

    Tarter: Erstens hat sich die Rechenleistung der Computer exponentiell verbessert, was uns ermöglicht hat, mehr und mehr Radiofrequenzen aufzufangen. Zweitens wissen wir heute viel mehr über die Natur des Kosmos. Zu Beginn meiner Forschung konnte niemand beweisen, dass es außerhalb unseres Sonnensystems Planeten gibt. Heute wissen wir: Es gibt mehr Planeten als Sterne in der Galaxie. Außerdem hatten wir damals eine sehr beschränkte Sicht auf die Bedingungen, unter denen Leben möglich ist. Heute kennen wir extremophile Lebensformen, die in kochender Batteriesäure leben können, im Eis, ohne Sonnenlicht, unter großem Druck. Das Wissen über Exoplaneten und über Extremophile lassen das Universum heute lebensfreundlicher erscheinen als früher.

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    Jill Tarter auf einer Plattform des Arecibo-Observatoriums in Puerto Rico, eines der Radioteleskope, die sie bei ihrer Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen nutzte.

    STANDARD: Seti-Forschung basiert auf der Annahme, dass es hochentwickelte Zivilisationen gibt, die komplexe Signale durch das Universum senden können. Heute wäre schon jede Form von Bakterium auf einem Exoplaneten eine Sensation.

    Tarter: Wir suchen eher nach außerirdischen Mathematikern anstatt nach Mikroben. Wir suchen nach Technologie als Stellvertreter für Intelligenz.

    STANDARD: Wie stellen Sie sich das Leben da draußen vor?

    Tarter: Ich glaube, meine Vorstellungskraft ist nicht groß genug, um zu erfassen, was die Natur erfinden kann. Eine Lebensform, die eine Technologie entwickelt, die interstellare Distanzen überwinden kann, ist vermutlich nicht mikroskopisch klein, sondern mehr als einen Meter groß. Um große Strukturen und astronomische Bauwerke zu konstruieren, ist möglicherweise eine Art zentraler Prozessor nötig. Ich beneide ja den Tintenfisch um seine Fähigkeit, seine Form zu verändern – sein Gehirn scheint über den ganzen Körper verteilt zu sein, wohingegen komplexes Leben auf der Erde Intelligenz an einem Ort bündelt. Die Zeitspanne, um den Teil, den wir Gehirn nennen, mit einem anderen Körperteil zu verbinden, ist so kurz, weil die Distanz klein ist. Das könnte eine gemeinsame Eigenschaft intelligenter Wesen sein – aber es weiß einfach niemand.

    Jill Tarter spricht am Telefon darüber, wie außerirdisches Leben aussehen könnte.

    STANDARD: Das Seti-Institut im kalifornischen Mountain View sucht seit 1984 nach Signalen aus dem All – bisher ohne Erfolg. Und selbst wenn ein Signal abgefangen würde: Die Distanzen sind so groß, dass wir mit unserer heutigen Technologie nicht mit jemandem interagieren könnten, der Signale aussendet. Wie oft haben Sie daran gedacht, aufzugeben?

    Tarter: Die Distanzen zwischen den Sternen sind tatsächlich riesig. Wenn uns jemand ein Signal von der anderen Seite unserer Galaxie senden würde, könnte es hunderttausend Jahre dauern, bis es hier ankommt. Aber wir haben auch eine wirklich produktive Verbindung mit den alten Griechen und Römern, mit Shakespeare – sie haben mit ihren Werken Information vorwärts in die Zeit getragen. Und es könnte sein, dass etwas Ähnliches mit fernen Technologien passiert. Auch wenn die Konversation einseitig wäre, gäbe es viel zu lernen.

    STANDARD: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Sterne aus, die Sie belauschen?

    Tarter: Als wir 2011 das Allen Telescope Array (benannt nach dem Microsoft-Mitgründer Paul Allen, der den Bau finanziell ermöglichte, Anm.) in Betrieb nahmen, konzentrierten wir uns auf Kandidaten für Exoplaneten, die verschiedene Observatorien wie das Kepler-Teleskop definiert hatten. Nun wissen wir aus den gesammelten Kepler-Daten, dass es viel mehr Planeten als Sterne in der Galaxie gibt. Also haben wir 20.000 der erdnächsten Sterne ausgewählt.

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    Die Menschheit muss lernen, in Zeitspannen von tausenden Jahren zu denken, ist Jill Tarter überzeugt.

    STANDARD: Wie gehen Sie bei der Suche vor?

    Tarter: Die Teleskope arbeiten zwölf Stunden pro Tag. Momentan scannen wir unsere Ziele mit 100 Millionen Radiokanälen gleichzeitig und bewegen uns von den ersten 100 Millionen Kanälen zu den nächsten. Das braucht viel Zeit. Ziel ist es, jeden Stern mit Frequenzen im Bereich von einem bis zu zehn Millionen Megahertz zu scannen, aufgesplittet in Kanäle, die ein Hertz breit sind. Noch haben wir aber nicht die Rechenleistung dazu.

    STANDARD: Wie werden die Daten aus dem All verarbeitet?

    Tarter: Wir machen Echtzeit-Exploration. Wenn wir Daten vom Teleskop bekommen, werden sie sofort analysiert, wir speichern sie nicht. Die Herausforderung ist, Interferenzen, also Signale, die von menschlicher Technologie stammen, von Signalen zu unterscheiden, die von außerhalb der Erde kommen könnten. Sobald ein Signal eingefangen wird, wird es automatisiert verfolgt. Wir arbeiten aber nicht nur mit Radiosignalen. Seit 2000 beschäftigen wir uns auch mit optischen Signalen. Wir suchen nach sehr hellen optischen Impulsen, die nur eine Milliardstelsekunde andauern – Signale, die man nur mit Lasertechnologie erzeugen kann. Wir möchten unsere Suche auch auf Infrarotwellen ausdehnen, was bald möglich sein wird.

    STANDARD: Was, wenn eine andere Zivilisation völlig andere Technologien als elektromagnetische Strahlung oder Laser verwendet?

    Tarter: Wir denken auch über Technologien nach, die noch gar nicht erfunden sind, aber anderswo schon existieren könnten. Es könnte sein, dass irgendeine seltsame Form von Zeta-Strahlen, oder wie auch immer diese Technologie heißen mag, die erste Wahl für eine interstellare Kommunikation ist. Auch wenn wir dort noch nicht sind, müssen wir uns das Recht vorbehalten, in Zukunft klüger zu werden und dann nach den entsprechenden Signalen suchen.

    STANDARD: Was halten Sie davon, aktiv Signale von der Erde auszusenden? Sie haben einmal gemeint, dass die Menschheit noch zu jung und primitiv dafür sei.

    Tarter: Darüber gibt es derzeit eine rege Diskussion in der Seti-Community. Meine Ansicht ist, dass die Menschheit momentan so schwach organisiert ist, dass sie kaum ein Projekt vollenden kann, das fünf Jahre dauert. Wenn man ein Signal für ein paar Jahre überträgt, und das war es dann, müsste der intendierte Empfänger exakt zur richtigen Zeit in unsere Richtung schauen, um das Signal zu entdecken. Das ist sehr unwahrscheinlich. Wenn man so ein Projekt ernsthaft betreiben will, muss man in sehr großen Zeitspannen von tausenden Jahren denken. Wenn dann eine andere Zivilisation beginnen würde, ihre Werkzeuge zu benutzen, um nach uns zu suchen, wäre das Signal da. Ich denke, wir sollten uns jetzt auf die Suche beschränken und erst dann Signale aussenden, wenn wir erwachsen geworden sind als technologische Gesellschaft.

    Jill Tarter spricht am Telefon darüber, was nötig wäre, um Signale an potenzielle Außerirdische zu senden.

    STANDARD: Der Film "Contact" von 1997, für deren Hauptfigur Sie Patin standen, handelt weite Strecken davon, wie schwierig es ist, als Seti-Forscherin ernst genommen zu werden. Müssen Sie sich immer noch rechtfertigen?

    Tarter: Ja, sicher – obwohl wir in den vergangenen Jahrzehnten viel dafür getan haben, um unsere wissenschaftliche Forschung zu rechtfertigen und zu vermitteln, dass es nicht um kleine grüne Männchen in Ufos geht. Immerhin fangen die Leute nicht mehr nur zu kichern an, wenn wir darüber sprechen, was wir tun. Dennoch ist es schwierig, den Leuten klarzumachen: So hart wir auch arbeiten – es kann sein, dass diese Art der Erforschung noch Generationen lang andauern kann, bevor sie erfolgreich ist. Doch Tatsache ist, dass ein so unfassbar großer Raum zu erforschen ist. Wir sollten also nicht überrascht sein, dass wir noch nichts gefunden haben. Die Seti-Forschung, die wir seit 50 Jahren betreiben, ist vergleichbar mit einem Glas Wasser, das wir aus dem Ozean holen, um dann zu schauen, ob wir einen Fisch gefangen haben. Nichts drin? Wir haben einfach noch nicht genug gesucht.

    STANDARD: Das Seti-Institut finanziert sich aus privaten Spenden und mithilfe von Mäzenen wie dem russischen Unternehmer Yuri Milner. Was haben die Geldgeber von ihrer Investition?

    Tarter: Ein Signal aufzufangen wäre die Antwort auf eine der wichtigsten Fragen der Menschheit: zu verstehen, wie wir uns in den Kosmos einfügen. Und noch direkter: Es wäre ein Weg zu verstehen, ob wir als Spezies potenziell eine lange Zukunft vor uns haben. Wir sind in der Lage, unseren Planeten so zu verändern, dass er unbewohnbar wird für Leben, wie wir es kennen. Wenn wir ein Signal einer außerirdischen Technologie entdecken würden, und sei es nur ein kosmischer Klingelton, wüssten wir, dass es möglich wäre, als Zivilisation über sehr lange Zeit zu überleben und unsere heutige technologische Adoleszenz zu überwinden, wie es der Astrobiologe Carl Sagan ausgedrückt hat. Denn man kann davon ausgehen, dass eine außerirdische künstliche Intelligenz langlebig ist. Wenn jemand an Ihrer Tür klingelt, wissen Sie nicht, wer es ist und wo er herkommt, aber Sie wissen, da ist jemand draußen und hat lang genug darauf bestanden, dass Sie ihn finden.

    STANDARD: Wie lange wird es dauern, bis jemand an unserer Tür klingelt?

    Tarter: Das kann ich nicht sagen. Es könnte sehr lange dauern – oder morgen passieren.

    (Karin Krichmayr, 25.12.2017)

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    Jill Tarter wurde 2009 mit dem TED-Prize ausgezeichnet. Bei der Verleihung spricht sie darüber, warum die Suche nach außerirdischer Intelligenz so wichtig ist.

    Jill Tarter ist eine US-amerikanische Astronomin. Sie war bis 2012 Direktorin am Seti (Search for Extraterrestrial Intelligence) Institut in Mountain View, Kalifornien, und hält derzeit den Bernard M. Oliver Chair am Seti-Institut. Die 1944 geborene Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen leitete etliche Observationsprogramme und wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Lifetime Achievement Award der Organisation Women in Aerospace. Kürzlich erschien die Biografie "Making Contact" von Sarah Scoles bei Pegasus.

    Zum Thema
    Die aktuelle Ausgabe des STANDARD-Magazins "Forschung" steht ganz im Zeichen der Suche nach Leben fern der Erde und ist im STANDARD-Onlineshop sowie im Fachhandel zum Preis von 5,90 Euro erhältlich.

    • Die ehemalige Seti-Direktorin Jill Tarter denkt noch lange nicht an Ruhestand.
      foto: dyd fotografos / action press / picturedesk.com

      Die ehemalige Seti-Direktorin Jill Tarter denkt noch lange nicht an Ruhestand.

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