Philosophin Schneider: "Wie wäre es, ein Alien zu sein?"

    Interview11. Dezember 2017, 07:00
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    Wenn wir tatsächlich außerirdische Intelligenz entdecken, wird es sich wohl um superintelligente Wesen handeln, sagt Susan Schneider

    STANDARD: Als Philosophin stellen Sie sich in Ihrer Arbeit die Frage, wie Aliens denken. Zu welchen Ergebnissen sind Sie dabei gekommen?

    Schneider: Wenn es außerirdisches Leben gibt und wenn dieses intelligent ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei um postbiologische Intelligenz handelt – also Cyborgs oder andere Formen von künstlicher Intelligenz. Natürlich ist es für uns Menschen sehr schwierig, uns eine Superintelligenz vorzustellen. Ich behaupte nicht, dass es tatsächlich außerirdische Intelligenz gibt – das ist eine Frage, deren Antwort wir derzeit nicht kennen. Falls wir aber außerirdisches Leben finden, gehe ich davon aus, dass es mikrobielles Leben sein wird. Wenn wir aber eine außerirdische Intelligenz entdecken, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit postbiologisch und intelligenter sein als wir.

    STANDARD: Welche Überlegungen sprechen dafür?

    Schneider: Eine Überlegung, die dafür spricht, ist die "short window observation": Wenn eine Zivilisation einmal derartige Technologien entwickelt hat, um sie in Kontakt mit dem Kosmos zu bringen, ist sie nicht mehr weit davon entfernt, in ein postbiologisches Zeitalter einzutreten. Weiters haben Vertreter des Seti-Instituts (Forschungsinstitut in Mountain View, Kalifornien, das sich der Suche nach außerirdischer Intelligenz widmet, Anm.) oft betont, dass außerirdische Zivilisationen vermutlich viel älter sind als unsere, daher sind sie wahrscheinlich auch viel intelligenter als wir.

    STANDARD: Wie kann es uns dennoch gelingen, uns vorzustellen, wie Aliens denken?

    Schneider: Das ist eine gute Frage. Für Menschen ist es klarerweise sehr schwer, über etwas nachzudenken, das viel schlauer ist als sie selbst. Allerdings sehen wir bereits auf der Erde einen Schimmer von Intelligenz, die schlauer ist als wir. Im Bereich der künstlichen Intelligenz gelingt es uns zum Beispiel, Wesen zu erzeugen, die in mancherlei Hinsicht viel bessere Arbeit leisten als wir selbst, etwa bei Schach oder Go. Wir können uns also Intelligenzen vorstellen, die in vielfältigen Dimensionen besser sind als wir. Insofern ist es für uns auch denkbar, dass es andere Zivilisationen da draußen geben könnte, die viel intelligenter sind als wir. Es ist schwierig zu sagen, wie diese Superintelligenz denken würde, aber es gibt einige interessante Überlegungen zu Superintelligenz auf der Erde: Nick Bostrom (Philosophieprofessor an der Oxford-Universität, Anm.) hat 2014 ein sehr interessantes Buch zu diesem Thema geschrieben: "Superintelligence – Paths, Dangers, Strategies". Darin beleuchtet er die Gefahren für unsere Spezies durch die Entwicklung von Superintelligenz.

    foto: picturedesk/ science photo library
    Sollten wir tatsächlich einmal außerirdisches Leben entdecken, spricht eine Reihe an Argumenten dafür, dass es sich dabei um Wesen handelt, die intelligenter sind als wir – möglicherweise sogar postbiologische, superintelligente Wesen, sagt die Philosophin Susan Schneider.

    STANDARD: Inwiefern kann Superintelligenz eine Gefahr für die Spezies Mensch darstellen?

    Schneider: So eine Prognose ist sehr schwierig, aber wie auch Bostrom betont, ist es durchaus denkbar, dass superintelligente Wesen gegen den Menschen arbeiten. Möglicherweise verfolgen sie Ziele, die für die Menschheit nichts Gutes bedeuten. Ein Beispiel dafür wäre, dass das höchste Ziel so einer Superintelligenz sein könnte, Büroklammern zu erzeugen. Das klingt zunächst etwas absurd und extrem langweilig, aber wenn es ihr höchstes Ziel wäre, Büroklammern zu erzeugen und dafür alle Ressourcen auf der Erde einzusetzen, hätte das für uns Menschen schreckliche Folgen. Generell lässt sich sagen, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, wenn wir künstliche Intelligenz designen.

    STANDARD: Sollten wir nicht auch sehr vorsichtig sein, wenn wir außerirdische Superintelligenz suchen?

    Schneider: Meiner Meinung nach ja, wir sollten sehr vorsichtig sein, wenn wir andere Intelligenzen im Universum kontaktieren und Signale aussenden. Denn wir wissen nicht, die Aufmerksamkeit welcher Superintelligenz da draußen wir auf uns lenken. Ich denke aber, dass unsere erste Begegnung mit Superintelligenz auf der Erde sein wird – einer künstlichen Intelligenz, die wir selbst erschaffen haben.

    tedx talks

    STANDARD: Lassen sich aus Ihrer Forschung konkrete Vorschläge für Astrophysiker ableiten, wie wir außerirdisches Leben finden könnten?

    Schneider: Ich glaube nicht, dass sich die Arbeit, mikrobielles Leben zu finden, in irgendeiner Weise ändern sollte. Nach Signalen von Aliens zu fahnden, wie es das Seti-Projekt tut, ist ebenfalls eine gute Praxis. Denn um außerirdische Intelligenz zu detektieren, ist es natürlich eine gute Idee, passiv mit Radioteleskopen zu lauschen. Es bleibt aber die wichtige Frage bestehen, wie man eine superintelligente Zivilisation entdecken könnte. Einige Leute haben vorgeschlagen, nach Strukturen im Universum zu suchen, die so aussehen, als ob sie gebaut worden wären. Ein Beispiel dafür ist die Dyson-Sphäre (hypothetisches Konstrukt, das einen Stern kugelförmig umschließt, um dessen Energie optimal zu nutzen, Anm.). Möglicherweise wissen wir aber nicht, wie wir nach außerirdischer Superintelligenz forschen können, bis wir selbst Superintelligenz erreicht haben. Im Englischen gibt es das Sprichwort "It takes one, to know one". Das macht für mich auch im Bezug auf die Suche nach außerirdischer Intelligenz total Sinn.

    STANDARD: Wie kann die Philosophie zur Suche nach außerirdischem Leben beitragen – auch, solange wir noch nicht superintelligent sind?

    Schneider: Ich denke, es hilft uns, philosophisch über die Reichweite und Grenzen von Kognition nachzudenken, darüber, wie eine mögliche Intelligenz denken könnte. Weiters können wir uns die Frage stellen: Wie wäre es, ein Alien zu sein? Hat eine künstliche Superintelligenz ein Bewusstsein? Ich denke, dass es wirklich wichtig ist, sich zu fragen, wie es sich anfühlen würde, eine außerirdische Superintelligenz zu sein.

    STANDARD: Warum finden Sie die Frage nach dem Bewusstsein von Aliens so entscheidend?

    Schneider: Philosophen haben Dekaden lang darüber nachgedacht, ob künstliche Intelligenz Bewusstsein hat. Es gibt Philosophen wie John Searle (US-amerikanischer Sprachphilosoph, Anm.), die seit Jahren argumentieren, dass künstliche Intelligenz kein Bewusstsein haben kann. Ich fände es aber wirklich sehr schade, wenn herauskäme, dass das Universum voll ist von Lebewesen, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind. Denn es ist das Bewusstsein, was unser Leben bunt macht und der Grund dafür ist, dass uns das Leben etwas bedeutet, dass wir fühlen. Es ist sehr wichtig, dass wir uns diese philosophischen Fragen stellen – wie maschinelle Intelligenz und Bewusstsein zusammenhängen. Aus der Kognitionsforschung oder aus der Linguistik können wir, denke ich, einiges über Superintelligenz lernen: Wir können zum Beispiel Annahmen treffen in Bezug auf die informatischen Strukturen von kombinatorischen Systemen.

    STANDARD: Was ist Ihre persönliche Meinung: Wann werden wir auf außerirdische Intelligenz stoßen?

    Schneider: Ich habe keine Ahnung! Bei der Nasa gibt es einige Astrobiologen, die sagen, dass wir in den nächsten Dekaden mikrobielles Leben finden werden. Aber das ist natürlich etwas ganz anderes als die Frage, wann wir auf außerirdische Intelligenz stoßen werden. Die Frage ist für mich auch damit verbunden, wann wir auf der Erde Superintelligenz erreichen, denn wenn wir es geschafft haben, Superintelligenz zu entwickeln, verbessern wir unser Gehirn auf radikale Weise und werden sehr schnell viel intelligenter. So werden wir auch neue Ideen entwickeln, wie wir nach Aliens suchen können. (Tanja Traxler, 11.12.2017)

    Susan Schneider ist Philosophieprofessorin an der University of Connecticut, Visiting Member des Institute for Advanced Study an der Universität Princeton und Mitglied der Technology and Ethics Group an der Yale-Universität.

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    • Susan Schneider ist Philosophieprofessorin an der University of Connecticut.
      foto: university of connecticut

      Susan Schneider ist Philosophieprofessorin an der University of Connecticut.

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