Psychologin: "Roboter kopieren unsere Vorurteile"

    Interview18. Dezember 2017, 06:00
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    Wie sich Mensch und Roboter aneinander gewöhnen können, untersucht "Roboterpsychologin" Martina Mara am Ars Electronica Futurelab in Linz

    STANDARD: Wie sieht die Arbeit einer Roboterpsychologin aus?

    Mara: Keine Angst – bei mir liegen keine Roboter auf der Couch, die über ihre Traumata reden. Mir geht es um das Wohlbefinden der menschlichen Interaktionspartner. Meine Fragestellungen drehen sich darum, wie Menschen Roboter und künstliche Intelligenz erleben und wie Roboter gestaltet werden können, sodass die Menschen sie akzeptieren. Es gibt große Ängste davor, von der Technologie dominiert zu werden. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist die Frage, wie Roboter nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt werden können.

    STANDARD: Worin unterscheidet sich Ihr Ansatz von der Forschung an optimalen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine?

    Mara: Die Roboterpsychologie geht weit über klassische Usability-Forschung hinaus, in der es etwa darum geht, wie man Bedienungsoberflächen intuitiv gestalten kann. Meine Fragestellungen reichen von gesellschaftlichen Ängsten gegenüber bestimmten Einsatzgebieten von Robotern über die Rolle der User-Persönlichkeit bis zum subjektiven Sicherheitsgefühl in der Kommunikation von autonomen Fahrzeugen und Fußgängern.

    STANDARD: Sie beschreiben in Ihrer Arbeit ein Gefühl der Unheimlichkeit, das sich beim Kontakt mit Robotern bei den Menschen einstellt. Können Sie das näher erläutern?

    Mara: Für das Phänomen wurde bereits im Jahr 1970 vom japanischen Robotiker Masahiro Mori der Begriff des "Uncanny Valley", also des "unheimlichen Tals", geprägt. Von ihm stammt eine hypothetische Grafik, die den Zusammenhang zwischen Menschenähnlichkeit eines Roboters und emotionaler Reaktion des Menschen zeigt. Ihm zufolge wird die Menschenähnlichkeit nur bis zu einem gewissen Grad positiv wahrgenommen. Der Roboter kann Kopf und Augen haben, muss aber klar als Maschine erkennbar sein. Wenn etwa Silikonhaut und künstliches Haar die Unterscheidung erschweren, wirkt der Roboter unheimlich. Ganz neue Studien deuten darauf hin, dass es bei körperloser künstlicher Intelligenz ähnlich sein könnte: Vom sogenannten "Uncanny Valley of the Mind" spricht man etwa dann, wenn Online-Chatbots in ihrem Verhalten zu menschenähnlich werden, weil sie Emotionalität simulieren oder selbstständig Entscheidungen treffen.

    STANDARD: Gewöhnen sich die Menschen mit der Zeit an menschenähnliche Roboter?

    Mara: Dass es Gewöhnungseffekte gibt, ist anzunehmen. Man würde aber mehr Langzeitstudien benötigen, was noch schwer durchführbar ist. Es stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob Menschen überhaupt mit menschenähnlichen Robotern zusammenarbeiten und -leben wollen. Umfragen zeigen hier große Ablehnung. Wenn man sich vorstellt, dass Roboter und Menschen nicht mehr unterscheidbar sind, würde das eine dauerhafte Unsicherheit hervorrufen und unsere Erwartungshaltungen durcheinanderbringen. Das ist natürlich noch weit weg von der heutigen Realität. Bei Bots, die bereits jetzt mit Menschen online kommunizieren und menschliche Interaktion simulieren, ist das Problem aber viel naheliegender.

    STANDARD: Die ersten autonom agierenden Maschinen haben ohnehin keine menschliche Form, sondern sind beispielsweise Fahrzeuge. Wie wird sich die Interaktion mit den Autos der Zukunft verändern?

    Mara: Wir untersuchen am Futurelab, wie künftige Transportsysteme mit ihrer Umwelt kommunizieren. Die Frage ist wichtig, weil die Angst vor Kontrollverlust durch vernetzte Technologie auch Fußgänger ergreifen könnte. Es geht darum, transparent zu machen, welche Schritte eine Maschine als Nächstes ergreifen wird. Gemeinsam mit einem deutschen Fahrzeughersteller simulieren wir in einem Testlabor mithilfe von Projektionen, Drohnen und kleinen Bodenrobotern entsprechende Verkehrsszenarien. Ist es beispielsweise für Menschen, die die Fahrbahn eines autonomen Fahrzeugs kreuzen müssen, wichtig, dass der Roboter ihnen mitteilt, wenn er sie gesehen hat? Traditionell stellen wir in diesen Situationen oft Blickkontakt mit menschlichen Fahrern her. Wir haben untersucht, ob es wichtig ist, diese Verhaltensweisen auf die Technologie zu übertragen, und wie man das machen könnte.

    STANDARD: Was haben Sie herausgefunden?

    Mara: Wir konnten zeigen, dass man etwa mit Lichtsignalen die Vorhersehbarkeit der Aktionen eines Fahrzeugs steigern kann. Fußgänger wurden durch sie deutlich schneller und bewegten sich sicherer. Ideal sind zurückhaltende visuelle Signale, die nur peripher wahrgenommen werden, aber dennoch zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls beitragen. Ein Ansatz ist beispielsweise ein Display am Kühlergrill des Autos, das die Signale in Richtung der gemeinten Person aussendet. Die Möglichkeiten, Signale zu entsenden, werden sich weiterentwickeln. In 20 Jahren wird die Karosserie vielleicht als großes Display gedacht.

    STANDARD: Auch in der Zusammenarbeit mit Robotern in der Industrie ist die Vorhersehbarkeit wichtig. Wie könnte das dort aussehen?

    Mara: Auch hier gilt: Die Maschinen müssen sich den Menschen erklären. Für uns ist es wichtig, möglichst früh antizipieren zu können, wo ein Roboter etwa hingreifen möchte. Da zeigt sich, dass die Maschinenbewegung nicht den kürzesten Weg von A nach B nehmen darf. Mit kurvenartigen Bewegungen kann man schon früh andeuten, wo es hingeht. Aus technischer Perspektive ist das ineffizient, die Lesbarkeit von Roboterbewegungen wird damit aber erhöht und das Team aus Mensch und Maschine insgesamt schneller.

    STANDARD: Ist die Bereitschaft, Akzeptanz für Robotik aufzubringen, auch kulturell bedingt? Man sagt den Japanern beispielsweise nach, dass sie hier besser zurechtkommen.

    Mara: Die Daten der Forschung sind nicht eindeutig. Manche Studien weisen darauf hin, dass die Menschen in Japan offener gegenüber autonom agierenden Maschinen sind, andere sehen keinen Unterschied oder zeigen sogar das Gegenteil. Meine persönliche Erfahrung würde die These schon stützen. Ein Erklärungsansatz liegt in der religiösen Tradition von Animismus und Shinto, in der das Konzept eines beseelten Objekts gängig ist. In der christlichen Tradition gibt es diesen Gedanken nicht. Auch die Mediensozialisation wird oft ins Treffen geführt. In den verbreiteten Anime und Mangas sind Roboter Kooperationspartner oder sogar Retter der Menschheit. Das steht in starkem Kontrast zur westlichen Vision eines "Terminators", der den Endbereiter der Menschheit gibt.

    STANDARD: Die meisten Entwickler von Robotern sind Männer. Verbauen sie auch ihre männliche Perspektive in die Technologie?

    Mara: Die gesamte Tech-Branche wird von jüngeren weißen Männern dominiert. Es ist schwierig zu untersuchen, welche Verzerrungen, welche Bias dadurch entstehen. Es gibt ein Video, das in Social-Media-Kanälen kursiert, das einen schwarzen Mann zeigt, der es nicht schafft, Seife aus einem Seifenspender zu bekommen. Erst als er ein weißes Blatt Papier darunterhält, kommt Seife heraus. Das verbildlicht, was schiefgehen kann, wenn Teams zu wenig divers sind. Man kann etwa beobachten, dass Serviceroboter nach traditionell weiblichen Klischees designt werden – bis hin zum Putzroboter mit angedeutet weiblicher Figur und Schürzchen. Klar belegt ist auch, dass künstliche Intelligenz, die ja auch Teil von Robotern sein kann, Vorurteile und Stereotype von Menschen übernimmt.

    STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?

    Mara: Künstliche Intelligenz ist in ihrer derzeitigen Umsetzung vor allem maschinelles Lernen. Die Programme werden mit von Menschen gemachten Inhalten gefüttert und ziehen ihre Schlüsse daraus. Wir dürfen also nicht davon ausgehen, dass das Ergebnis wertneutral ist – was aber oft intuitiv vermutet wird. Studien zeigen, dass Machine-Learning-Systeme Genderstereotype übernehmen und etwa Frauen begrifflich näher bei der Familie verortet werden und Männer näher bei der Karriere.

    STANDARD: Inwiefern prägt die Popkultur technologische Entwicklungen vor?

    Mara: Bei vielen Menschen haben Science-Fiction-Filme und -Bücher dafür gesorgt, dass sie den aktuellen Stand der Technik überschätzen. Viele haben beim Begriff "Roboter" sofort menschenähnliche Androiden im Kopf, wie man sie vielleicht aus Star Trek oder I, Robot kennt. Die Entwickler, die gerade hart daran arbeiten, dass Roboter stabil auf zwei Beinen bleiben, können darüber nur lachen. Es würde nicht schaden, öfter Bilder von aktuellen Robotern herzuzeigen – beispielsweise autonome Transport- oder Reinigungssysteme. (Alois Pumhösel, 18.12.2017)


    Martina Mara (36) leitet den Forschungsbereich "Robo-Psychology" am Linzer Ars Electronica Futurelab und untersucht die Bedingungen einer menschenfreundlichen Robotik. Die Medienpsychologin hat an der Universität Koblenz-Landau über die Wahrnehmung menschenähnlicher Maschinen promoviert. Als Mitglied des österreichischen Rats für Robotik berät sie die Bundesregierung.

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    • Martina Mara stellt  sich die Frage, was es braucht, damit  Roboter nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung  angesehen werden.
      foto: markus thums

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    • Die Robbe "Paro" hat es geschafft: Der Kuschelroboter wird vielerorts zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Die meisten Roboter werden allerdings nicht menschen- oder tierähnlich sein, sondern als autonome und virtuelle Systeme auftreten.
      foto: markus thums

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