Regeln für die total vernetzte Welt gesucht

    Video26. Dezember 2017, 11:15
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    Das Internet der Dinge stellt die Gesellschaft vor enorme ethische und rechtliche Herausforderungen. Die Politik muss Regeln schaffen, sonst tun es private Konzerne

    Fliegende Autos, Marskolonien und Zeitreisen, wie sie einst in Science-Fiction-Werken für unser Jahrzehnt vorausgesagt worden sind, gibt es im Jahr 2017 noch nicht. Aber eine Vision früherer Zukunftsdenker steht kurz davor, Wirklichkeit zu werden: dass all die Gegenstände, mit denen wir im Alltag leben, miteinander vernetzt sind, selbstständig denken und handeln können.

    Über das "Internet der Dinge" (Internet of Things – IoT) kommunizieren bereits Smartphones, Haushaltsgeräte, Fahrzeuge und sogar Kleidungsstücke miteinander sowie mit einer Cloud, wo Milliarden von Daten in Millisekunden verarbeitet werden und das Ergebnis mit einem Steuerungs- und Handlungsauftrag per Feedback-Schleife in unsere Welt zurückgespielt werden kann: Kühlschränke, die sich per Onlineshopping selbstständig befüllen lassen; selbstfahrende Autos, die autonom den schnellsten Weg finden; Kleidungsstücke, die den Gesundheitszustand des Trägers feststellen und notfalls eingreifen – all das ist heute schon technisch möglich. Kein Schlüsselbund geht mehr verloren, wenn alles sofort geortet werden kann. Aber wer braucht noch Schlüssel, wenn das Smartphone oder die Smartwatch alles aufschließt und der Code durch Gesichtserkennung gesichert ist?

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    Video: Massachusetts Institute of Technology.

    Paradies oder Dystopie?

    Ein technologisches Schlaraffenland oder die Machtübernahme der Maschinen – ob die Menschheit von diesen Entwicklungen profitieren wird oder daran zugrunde zu gehen droht, darüber sind sich die Experten von heute genauso wenig einig wie die Fantasten von einst. Geprägt wurde der Begriff "Internet der Dinge" erstmals von Kevin Ashton im Jahr 1999, und damals um die Jahrtausendwende begann dank der Verbreitung von WLAN und Bluetooth auch die erste Phase der "Vernetzung von Werkzeug, und Armbanduhr und Schuhe, Jacke, Auto, Stuhl und Teppichböden", resümiert Alois Ferscha, Vorstand des Instituts für Pervasive Computing an der Universität Linz. "Das war das Internet der Dinge, und das ist nur die einfachste Form."

    Die zweite Stufe setzte rund fünf Jahre später mit dem "Internet der wahrnehmenden Dinge" ein, erzählt Ferscha weiter. Nun konnten Sensoren Licht, Schallpegel und Beschleunigung feststellen – "die Grundvoraussetzung für situationsangepasstes Verhalten". Ein Beispiel: "Beschleunigungssensoren werden in die Schuhe eingebaut, sodass man an der Fußbewegung sehen kann, was ein Mensch gerade macht." Dies erzeuge bereits den Anschein von künstlicher Intelligenz (AI). Doch diese komme erst in der dritten Stufe richtig zum Einsatz, die nun im Anlaufen sei: das Internet der denkenden Dinge – Systeme, die nicht nur wahrnehmen, sondern auch schlussfolgern und autonome Entscheidungen treffen.

    foto: ap
    Wenn Spielzeuge mit dem Internet verbunden sind, gilt das als Spaß. Aber dahinter lauern Unternehmen, die Unmengen von Daten sammeln.

    Und auch hier steht die Welt laut Ferscha vor einem großen Sprung: vom Maschinenlernen ("supervised learning"), bei dem Computer mit unzähligen Daten gefüttert werden, auf deren Basis sie dann agieren, hin zu einem autonomen Lernprozess ("unsupervised learning"), in dem die Computer Muster selbst erkennen und sich autonom weiterentwickeln. Der Computer AlphaGo Zero, der die besten Go-Spieler der Welt schlägt, ist das prominenteste Beispiel dafür. "Das ist viel komplexer als das heutige Maschinenlernen", sagt Ferscha. "Hier können sich unterschiedliche Fähigkeiten formieren, die in Summe einen viel größeren Funktionsumfang bilden – eine Art Superorganismus." Im Straßenverkehr würden selbstfahrende Autos nicht zentral gesteuert werden, sondern ihr Fahrverhalten untereinander regeln, so wie es auch menschliche Fahrzeuglenker tun.

    Konzerne und Hacker

    Diese fast unglaubliche technologische Entwicklung wirft unzählige ethische, rechtliche und politische Fragen auf. Christiane Wendehorst, Professorin für Zivilrecht an der Universität Wien, berät die EU-Institutionen bei der Ausgestaltung von Regeln für das Internet der Dinge – und sieht zwei große Problemfelder: dass Konzerne alles über die Nutzer erfahren und dieses Wissen verwerten und dass sich Hacker von außen der Systeme bemächtigen. Die dritte Sorge, dass der Staat seine Bürger kontrollieren kann, scheint zumindest in westlichen Demokratien im Vergleich zur Angst vor Google und Co in den Hintergrund gerückt zu sein, so die Wissenschafterin. "Das liegt auch daran, dass den Konzernen technisch mehr zugetraut wird als den eigenen Regierungen."

    Transparenz für Konsumenten

    Für Wendehorst ist das Entscheidende, dass Konsumenten wissen, woran sie sind – ob das Gerät, das sie gekauft haben und das nun im Wohnzimmer steht oder das sie als "Wearable" am Körper tragen, Daten sammelt und über das Internet überträgt. "Geräte müssen transparent und zuverlässig gekennzeichnet sein, damit der Einzelne selbst in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen." Sie fordert ein System wie bei den Energieeffizienzklassen, die mit Farben ausgeschildert werden. "Es ist uns zu Recht ganz wichtig, dass der Verbraucher erzählt bekommt, wie viel Energie seine Waschmaschine verbraucht. Aber genauso viel Interesse müssten wir dem Datenschutz entgegenbringen. Auf jedem Gegenstand muss transparent gekennzeichnet sein, dass er mit dem Internet verbunden ist. Und jeder Verbraucher muss mit einfachen Menüschritten die Möglichkeit haben, die Verbindung zu kappen. Wird das nicht geschaffen, geht die Kontrolle über die Privatsphäre verloren."

    foto: reuters
    Selbstfahrende Autos verändern die menschliche Mobilität und bilden durch dezentrale Entscheidungen eine Art von Superorganismus.

    Das Problem tauche bereits jetzt bei vielen Smartphone-Apps auf, die viel mehr Daten sammeln würden, als es die Nutzer wissen. Zwar können diese die Einstellungen verändern, aber viele wüssten gar nicht, wie. "Und man soll bei täglicher Arbeitsbelastung auch nicht ständig das Menü suchen und alles kontrollieren müssen, ob die Einstellungen sich nicht zurückgesetzt haben", verlangt Wendehorst. Die Menschen hätten ein Anrecht auf Privacy-by-Default-Systeme, deren Grundeinstellung die Datenübertragung nicht erlaubt, oder Privacy-by-Design-Geräte, die erst gar nicht mit dem Internet verbunden sind. Dies sei zwar in der EU-Datenschutzgrundverordnung, die im Mai 2018 in Kraft tritt, im Prinzip verankert, aber die Durchsetzung sei fraglich, warnt Wendehorst, etwa auch deshalb, weil die Datenschutzkommissionen personell nicht ausreichend ausgestattet sind. Auch ein Recht auf Sammelklagen bei Verstößen gegen den Datenschutz, das es in Deutschland schon gibt, wäre dringend notwendig.

    Wer programmiert?

    Für Ferscha gehen die Risiken beim Internet der Dinge über das Rechtliche hinaus. Er sieht ein massives politisches Problem, wenn Maschinen autonome Entscheidungen treffen, die andere Menschen berühren. "Wenn wir über einen Superorganismus der autonom fahrenden Fahrzeuge reden, wie werden die dann programmiert und wer programmiert sie?", fragt er. "Sind es die einzelnen Anbieter, oder bilden sich kooperative Strukturen? Halten diese sich an ethische Regeln, oder lässt man die Konkurrenz der Hersteller wirken? Und wer betreibt dieses System?"

    Zunächst werde notgedrungen das Gesetz des Marktes das wichtigste Regulativ sein, sagt Ferscha. Denn "die Technologie, die auf den Markt kommt, wird gekauft. Die Konsumenten haben dabei kaum eine Mitsprachemöglichkeit. Erst nach Fehlentwicklungen und Unfällen beginnt man dann nach besserer Technologie zu suchen." Private Konzerne wie Google und Apple würden dabei die ethischen und rechtlichen Verhaltensregeln für Millionen von Menschen schaffen. Die Politik sei hier völlig überfordert, weil sie die Technologie nicht versteht. Eine Lösung könnte die Bildung von Ethikkommissionen mit Experten aus verschiedenen Bereichen sein, die Regularien aufstellen, die auch für die Unternehmen verbindlich erklärt werden. Aber dafür brauche es ausreichend politischen Willen, betont Ferscha. (Eric Frey, 26.12.2017)


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