Wie gefährlich ist die Kunst – ohne Ministerium?

Kommentar der anderen14. November 2017, 15:54
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Die österreichische Kunst bangt um ihre Existenz: Wird sie von der neuen Regierung ihrer Privilegien beraubt? Und wer wird ihre Brandgefährlichkeit vermissen? Wiedergabe einer Rede, die Montagabend bei der Nestroy-Preis-Gala gehalten wurde

In Österreich ist die Kunst brandgefährlich. Wenn man sie lässt. Denn hierzulande braucht es selbst für die Gefährlichkeit die Obrigkeit. Der österreichische Künstler fragt beim Kulturminister an, ob er gefährlich werden darf. Wochenlang bangt er um die Bewilligung seines Ansuchens. Und wenn dann die Gefährlichkeit alle notwendigen Gremien absolviert hat, dann zieht die Republik die Köpfe ein, weil sie weiß, dass es jetzt gefährlich wird.

Deshalb steht und fällt die österreichische Kunstgefährlichkeit damit, ob es ein Kulturministerium gibt, weil in Österreich ausschließlich jene Dinge existieren, für die es ein Ministerium gibt. Das betrifft vor allem Umwelt, Frauen und das Innere. Nur die Wirtschaft gibt es immer – auch ohne Ministerium.

Derzeit herrscht Panik in der österreichischen Kunst, weil es womöglich kein Kulturministerium geben wird und man nicht weiß, an wen man dann sein Ansuchen auf Gefährlichkeit richten soll. An Herrn Kurz? Wird ihm Kunst geil genug sein? An Herrn Strache, von dem man zumindest eine Aufhebung des Rauchverbots auf Bühnen erwarten darf? An Herrn Hofer, mit einer Überschreibung von Richard dem Dritten? Oder gleich an eine Burschenschaft mit dem Angebot eines Sportstücks, um Córdoba zu korrigieren, weil damals die falsche Mannschaft gewonnen hat?

Langsam setzt sich die Gewissheit, dass es manchmal – ganz selten – auch Umstände gibt, unter denen es besser ist, wenn es kein Kulturministerium gibt. Zum Beispiel dann, wenn man Kultur mit Leitkultur verwechselt.

Trotzdem steht der gefährliche österreichische Künstler ohne Kulturministerium völlig verloren da. Dabei wäre es jetzt die Chance seines Lebens gewesen. Denn wer ärgert sich noch über ihn, außer Herbert Kickl, für den schon die Teletubbies zu satirisch sind. Während man in den nächtlichen Regierungsverhandlungen über die Wiedereinführung von Hetztheatern parliert, jammert der österreichische Künstler, dass man ihm seine Gefährlichkeit entrissen hat.

Dabei wäre niemand schneller bereit gewesen, ihn als gefährlich einzustufen, als die FPÖ. Ja, man hätte dem gefährlichen Künstler sogar zugestanden, ihn auf Augenhöhe mit islamistischen Parallelgesellschaften zu denunzieren. Oder Strafgefangenen, die im Paradies leben, weil sie fernsehen dürfen. Nichtsahnend, was für eine Strafe das ist.

Stattdessen gibt der Künstler klein bei, hängt seine Gefährlichkeit an den Nagel und fordert ein Kulturministerium, weil sonst gar nichts geht. Schon gar keine Gefährlichkeit. Es werden Petitionen unterschrieben. Man konnte sogar Elfriede Jelinek gewinnen. Und dann wartet man, weil bei so viel Gefährlichkeit wohl die demokratischen Säulen der Republik erzittern werden. Immerhin: Auf Facebook ist die Hölle los. Österreich brennt. 73 Likes. Und nicht einmal ein verhöhnendes Posting von Harald Vilimsky. Der österreichische Künstler versteht die Welt nicht mehr.

Während er zu Hause sitzt und seine gefährlichen Gedanken im Kreise dreht, braut sich draußen die echte Gefahr zusammen. Eine Meute. Ein Mob. Denn, was die rechten Recken unterschätzt haben: Keine Spezies ist gefährlicher als der Österreicher, dem man seine Kunst wegnimmt. Mit Heugabeln bewaffnet fordert die Meute ihren Staatskünstler zurück, den sie beschimpfen darf, über den sie sich ärgern muss, dessen moralistischen Zeigefinger sie brechen will. Jeder Österreicher hat das Recht auf einen subventionierten linkslinken Großkopferten, der die Welt der kleinen Leute nicht versteht und auf deren Kosten lebt. Das steht in der Heurigenverfassung, und bei der gibt's eine Vierviertelmehrheit.

Jede Verhöhnung ein Orden

Dort steht: Jede Verhinderung von Kunst ist eine gute Nachricht für die Kunst. Jede Verhöhnung ein Orden. Und jedes hasserfüllte Burschenschaftergesicht eine Staatspreisauszeichnung. Missgunst und Neid ist das Höchste, was man sich verdienen kann. Und Applaus nur ein Trost für die Untalentierten. Relevant ist man, wenn man verbal in den Gulag geschickt wird. Ein Künstler, über den sich der Österreicher nicht ärgern kann, ist kein Künstler. Und wer die echten Österreicher sind, das wissen wir. In diesem Sinne ist es hierzulande um die Kunst ganz formidabel bestellt. Und diese Wahl ein einziger Triumph.(David Schalko, 14.11.2017)

David Schalko (44) ist ein österreichischer Autor und Regisseur. Er hat diverse erfolgreiche TV-Formate im ORF wie "Willkommen Österreich" entwickelt und u. a. die TV-Serien "Braunschlag" und "Altes Geld" realisiert.

  • Wie lieb sind dem heimischen Künstler seine staatlichen Fesseln? Die Szene stammt aus Ulrich Rasches mit dem Nestroy-Preis prämierter Inszenierung von Schillers "Die Räuber" am Münchner Residenztheater.
    foto: andreas pohlmann

    Wie lieb sind dem heimischen Künstler seine staatlichen Fesseln? Die Szene stammt aus Ulrich Rasches mit dem Nestroy-Preis prämierter Inszenierung von Schillers "Die Räuber" am Münchner Residenztheater.

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