Robert Frank: Bilder, die man aus dem Leben schnitzt

    Video14. November 2017, 11:00
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    Laura Israel porträtiert in "Don't Blink" den US-Schweizer Fotografen und Filmemacher, das Filmmuseum zeigt seine Arbeiten

    Wien – Jeden Tag eine kleine Videoaufnahme nehme er sich vor, heißt es in einem seiner Filme einmal, während er das Objektiv auf ein paar Krähen richtet. Zwischen Film und Fotografie macht Robert Frank (93) nun schon ein paar Jahre lang keinen großen Unterschied mehr, das eine führte irgendwann zwangsläufig zum anderen.

    Während für den Künstler selbst die Unterschiede zwischen den Disziplinen verschwimmen, hat die Öffentlichkeit (und der Markt) ein anderes Bild gefestigt: Nicht zuletzt aufgrund seines epochalen Fotobandes The Americans, dessen rauer, ungesüßter Blick auf die Gesellschaft Ende der 1950er-Jahre schockierte, wurde Frank als Fotograf berühmt.

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    Don't Blink – Trailer

    Zugang mit Schmäh

    Parallel zu der Ausstellung in der Albertina (bis 21. 1.) kann man nun auch Franks filmisches Werk im Filmmuseum (bis 27. 11.) entdecken, ein zwischen persönlichem Tagebuchfilm, experimentellen Formaten im Umfeld der Beat-Generation und wenigen fiktionalen Versuchen (Candy Mountain) changierendes Gesamtpoem. Als fundierter, im Tonfall gut abgestimmter Einstieg empfiehlt sich der Dokumentarfilm Don't Blink – Robert Frank von Laura Israel, der regulär im Kino läuft.

    Laura Israel kennt den öffentlichkeitsscheuen Künstler gut – er lebt mit der Künstlerin June Leaf seit langer Zeit abgeschieden in Nova Scotia, Kanada; als seine Cutterin verfügt sie über den richtigen Zugang, liebevoll, hemdsärmelig, würdevoll. In einem älteren, in den Film wiederholt einmontierten TV-Interview kann man sehen, wie keck und provokant er als Gegenüber sein kann. Israel konfrontiert einen bescheideneren, aber immer noch ruhelosen Frank nun mit eigenen Arbeiten – beginnend mit Pull My Daisy (1959), dem vielleicht einzig wahren filmischen Zeugnis der Beatniks. Jack Kerouac hat dafür noch selbst den lyrisch-ekstatischen Kommentar eingesprochen.

    Zeitungsausträger im Schneetreiben

    Dass sich Don't Blink chronologisch, in einer wunderbar dichten Montage durch Franks Schaffen voranarbeitet, erscheint hier ganz stimmig, da das Biografische und das Künstlerische bei ihm ohnehin kaum zu trennen sind. Wie in der Fotografie interessiert er sich auch filmisch für gesellschaftliche Randfiguren, Außenseiter, das Ephemere schlechthin; einer seiner schönsten, ja einfachsten Filme, Paper Route, begleitet einen Zeitungsausträger durchs Schneetreiben.

    Vor allem richtet Frank aber den Blick immer wieder auf sich selbst, seine Nächsten und die Frage, wie – oder besser: ob man auf das Leben mit einem Film antworten kann. Life Dances On ... (1980) zum Beispiel ist ein fragiler, in jeder Sekunde sich selbst hinterfragender Film, in dem der trauernde Vater seiner verunglückten Tochter Andrea gedenkt und zugleich am Widerstand seines Sohnes Pablo scheitert, ihn nicht aus seiner Isolation lockt.

    Israel verdeutlicht noch einmal, welche Offenherzigkeit in diesem Werk steckt. Den wenigsten gelingt eine solche Gratwanderung, ohne schamlos zu wirken. Ein Film, sagt Frank einmal, hole das Leben zurück, wogegen die Fotografie es nur als Erinnerung bannt. So kann man es stehenlassen. (Dominik Kamalzadeh, 14.11.2017)

    • Die Erinnerungen, die man selbst festhält, kann man auch einkleben: Robert Frank und seine  Frau June Leaf in einer der Collagen aus "Don't Blink – Robert Frank" von Laura Israel.
      foto: robert frank

      Die Erinnerungen, die man selbst festhält, kann man auch einkleben: Robert Frank und seine Frau June Leaf in einer der Collagen aus "Don't Blink – Robert Frank" von Laura Israel.

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