Selbstfahrende Autos und Society 5.0: Was wir von Japan lernen können

Userartikel20. November 2017, 07:00
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Autonome Autos und Busse sind bisher nicht massentauglich – es fehlt an technischen und rechtlichen Aspekten. Japan versucht einen anderen Zugang

Die Verkehrsminister der EU-Länder haben 2016 in der "Amsterdamer Erklärung" eine Abmachung verabschiedet, die in Zukunft den intelligenten Verkehr regeln soll. Bis 2019 sollen die nationalen Gesetze dahingehend angepasst werden, dass autonomes Fahren legal ist. In Österreich ist dies bereits im Juli 2016 geschehen. Hier wurde im Rahmen einer Verordnung zum Kraftfahrgesetz das Testen autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Verkehrsnetz zugelassen. Grob betrachtet geht es in dieser Verordnung darum, die Lenkerpflichten aufzuweichen und Anwendungsfälle zu definieren, in denen autonomes Fahren durchgeführt und getestet werden darf. Damit ist ein zentraler rechtlich-technischer Schritt in Richtung autonomen Fahrens in Österreich getan.

Society 5.0 – Mensch und Maschine

Auch in Japan liegt ein starker Fokus auf der Weiterentwicklung des autonomen Fahrens. Neben der Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen und großzügigen finanziellen Förderungen stellt auch die Schwerpunktsetzung mittels Society 5.0 einen interessanten Aspekt dar.

Während es bei Industrie 4.0 noch um die Vernetzung von Maschinen untereinander geht, wird bei Society 5.0 auch die Rolle des Menschen mitberücksichtigt. Die zentrale Frage ist hier, welche Rolle der Mensch in dieser Vernetzung spielt. Beim autonomen Fahren ergeben sich daraus mehrere Fragestellungen: Wie ändert sich aufgrund der selbstfahrenden Fahrzeuge das Mobilitätsverhalten der Gesellschaft? Inwieweit wirkt sich hier der Trend aus, ein Fahrzeug zu nutzen, anstatt es zu besitzen? Und welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Bevölkerung?

Japan wählt hier den Zugang, dass der Mensch bei den Forschungen der autonomen Fahrzeuge im Mittelpunkt steht. Es gibt daher im Gegensatz zu Österreich keine definierten Abschnitte, wo diese Fahrzeuge getestet werden können. Wer außerhalb dieser Abschnitte wohnt, hat somit kaum oder nur erschwert Zugang zu dieser neuen Technologie.

foto: thomas greiner
Beispiel für ein autonomes Testfahrzeug der Tohoku University in Sendai, Japan.

Zukunftsfragen

Am Beginn der Forschungen und Tests wird nicht nur ein technischer Masterplan entwickelt, sondern ein Einführungskonzept, das die Person in den Vordergrund stellt und nicht das autonome Fahrzeug. Von Letzterem weiß man noch nicht, wann und mit welcher Technologie es letztendlich wo herumfahren wird. Dieser Zugang erlaubt es, einige der Herausforderungen einfacher zu lösen.

Zum Beispiel: Wie nehmen Passanten in Zukunft fahrerlose und elektrisch angetriebene Fahrzeuge wahr? Das Motorgeräusch, das gerade bei geringeren Geschwindigkeiten ein Fahrzeug auch akustisch wahrnehmbar macht, fehlt hier zur Gänze. In Österreich wird diskutiert, ob verpflichtend künstlich geschaffene Geräusche eingesetzt werden sollen. In Japan erforscht man im Rahmen des autonomen Fahrens in großen Testzentren, welche Möglichkeiten hier am geeignetsten erscheinen. Vielleicht liegt ja am Ende der Untersuchung die Lösung nicht darin, das, was ein Fahrzeug immer schon akustisch charakterisierte (nämlich das Motorgeräusch), mehr oder weniger eins zu eins elektronisch nachzubilden, sondern es eröffnet sich möglicherweise ein völlig neuer Denkansatz.

foto: reuters/jacky naegelen
Auf einer Teststrecke in Paris fahren diese zwei autonomen Busse.

Ebenso wird überlegt, wie die Interaktion zwischen Mensch und Maschine funktionieren kann. Wie kann man, wenn Fahrzeuge auf einer Kreuzung oder vor einem Zebrastreifen stehen, dem nichtautonomen Fahrzeug oder den Passanten zu verstehen geben, dass das autonome Fahrzeug den anderen Verkehrsteilnehmer erkannt hat? Wer in Ländern unterwegs ist, in denen es üblich ist, dass sämtliche Scheiben in einem Fahrzeug dunkel verglast sind, der kennt die teils unverständliche Situation im Straßenverkehr. Wurde man nun vom Gegenüber erkannt oder nicht?

Forschung und Entwicklung benötigen Society 5.0

Die Forschung kann mithilfe einer rechtzeitigen und breiten Einbindung der Gesellschaft im Bereich des autonomen Fahrens einfachere und sinnvollere Lösungen bereitstellen. Welche es sein werden, kann heute niemand so genau sagen. Diese spannende und wohl auch gesellschaftsverändernde Entwicklung ist viel zu wichtig, um von der technischen oder rechtlichen Seite dominiert zu werden. Allen Verkehrsteilnehmern auf der Straße wird ein anderes Verhaltensmuster abverlangt werden. In dieses wird man sich nicht innerhalb von Jahren einleben. Die Technik wird sich schneller entwickeln, als dass sich unsere jahrzehntelangen Gewohnheiten der neuen Technologie anpassen können.

Daher ist der Ansatz sinnvoll, mit Society 5.0 den Menschen in den Vordergrund zu stellen. Technische Forschung und Testgebiete sind ein wichtiger Bestandteil für das autonome Fahren, aber nicht die wichtigsten. Japan nutzt das Potenzial von Society 5.0. Wie viel davon in diesem Ansatz enthalten sein wird, wird die Zukunft weisen. Es schadet aber nicht, bereits heute ein wenig davon zu lernen. (Thomas Greiner, 20.11.2017)

Thomas Greiner studiert Bauingenieurwesen auf der TU Wien und arbeitet im Bereicht der Verkehrstelematik. 2005 gewann er den VCÖ-Mobilitätspreis Österreich und bekam 2016 den TÜV-Austria Wissenschaftspreis verliehen.

Der Artikel entstand im Zuge einer Japan-Exkursion der TU Wien im Sommer 2017.

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